Wirtschaft

Reaktionen auf die Coeure-Welle EZB kassiert Redetexte ein

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Der Mann, der zuerst mit Hedgefondsmanagern spricht? Benoit Coeure (Archivbild).

(Foto: Reuters)

Wenn Währungshüter sprechen, dann geht es oft ums große Geld. Aus gutem Grund muss die Zentralbank daher darauf achten, mit ihren Hinweisen an den Markt niemand zu bevorteilen. Eine Ansprache von EZB-Banker Coeure hat nun unerwartete Folgen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) will ihre Praxis beenden, Redetexte von Währungshütern vorab mit einer Sendersperrfrist an Journalisten zu übermitteln. Die Verschärfung der Verfahrensweise sei eine Reaktion auf eine Veranstaltung nur für geladene Gäste mit EZB-Ratsmitglied Benoit Coeure am Montag in London und ihre Folgen, sagte ein Sprecher der Europäischen Zentralbank.

Coeure hatte bei dem Abendessen angekündigt, dass die EZB einen Teil der für Juli und August geplanten Anleihenkäufe wegen der in der Urlaubssaison üblicherweise dünnen Umsätze vorzuziehen wolle. Dies löste Kritik aus: Vorgeworfen wurde der Zentralbank, dass damit die anwesenden Banker und Hedgefonds-Manager früher als andere wichtige Informationen erhalten hätten.

Abendessen mit Großanlegern

Als Coeures Rede am Dienstag - also am Tag nach der Ansprache des französischen EZB-Ratsmitglieds - veröffentlicht wurde, bewegte die Aussicht auf verstärkte EZB-Anleihekäufe die Märkte kräftig. Der deutsche Leitindex Dax schoss nach dem "EZB-Paukenschlag" fast 270 Zähler nach oben bis auf ein Tageshoch von 11.864 Punkten. Der Euro gab zeitweise um mehr als eineinhalb US-Cent nach. Das Brisante an Coeures Worten: Wer vorab von den EZB-Plänen wusste und die richtigen Schlüsse zog, konnte womöglich enorme Profit aus dem Informationsvorsprung schlagen.

Entsprechend groß ist die Verärgerung im Markt: Schließlich plauderte, so heißt es, ein qua Amt der Neutralität verpflichtetes EZB-Ratsmitglied vor einem vergleichsweise kleinen Kreis an Hedgefondsmanagern potenziell milliardenschwere Insidertipps aus. Beobachter stuften das Vorgehen mindestens als "Kommunikationspanne" ein, wie es in einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hieß. Juristische Folgen werde die angeblich unabsichtlich verzögerte Veröffentlichung des Redemanuskript wohl nicht haben.

EZB zieht Konsequenzen

Doch Coeures Rede zieht nun tatsächlich tiefgreifende Konsequenzen nach sich - allerdings an ganz anderer Stelle als der Laie zunächst vermuten könnte: Durch die Änderung bricht die EZB mit einer seit Jahrzehnten erprobten und allseits anerkannten Praxis im Umgang mit Journalisten - und nicht etwa im Umgang mit Hedgefondsmanagern. Die Übermittlung von Redemanuskripten an die Presse soll es Journalisten eigentlich nur ermöglichen, sich frühzeitig mit den Inhalten einer Rede auseinandersetzen zu können.

Da sie als Medienvertreter nicht zu den Marktakteuren zählen und an die breite Öffentlichkeit berichten, galt diese Methode bisher als sinnvoll, gerecht und praktikabel. Die Sperrfrist wiederum soll sicherstellen, dass alle Berichterstatter zeitgleich und ohne Bevorzugung die Öffentlichkeit informieren können. Grundlage dieser informellen Vereinbarung ist das Vertrauensverhältnis zwischen Institution und Medienvertretern.

Das scheint nun erschüttert: Der Bruch mit diesem Vorgehen dürfte im Umfeld der EZB noch viele Frage aufwerfen. Denn im vorliegenden Fall hätte Coeures Ansprache vor geladenen Gästen zeitgleich auch an die Presse und die Öffentlichkeit übermittelt werden müssen, um keine einzelnen Marktteilnehmer zu bevorzugen. Eine Verletzung der Sperrfrist-Vereinbarung durch die Medien lag offenbar nicht vor.

Quelle: ntv.de, mmo/rts