Wirtschaft

Dudenhöffer zur Taiwan-Krise "Ein China-Embargo wäre für Deutschland der GAU"

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Die Provokationen Pekings in Richtung Taiwan reißen nicht ab. China betrachtet das demokratische Taiwan als abtrünniges Gebiet und macht keinen Hehl daraus, es notfalls mit militärischer Gewalt wieder mit dem Festland vereinigen zu wollen.

(Foto: picture alliance/dpa/Xinhua/AP)

Die Kriegsangst um Taiwan wächst, internationale Kritik an China wird lauter. Sollten Unternehmen dem Wirtschaftsstandort China den Rücken kehren? Macht Deutschland sich andernfalls erpressbar? Vor allem die in China stark vertretene deutsche Autoindustrie steht im Fokus. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer warnt im Gespräch mit ntv.de dringend vor Kurzschlusshandlungen. Die Folgen eines China-Konflikts könnten "noch so gute Hilfspakete der Bundesregierung nicht reparieren". Die Welt würde gespalten und "es gibt kein Zurück".

ntv.de: Vor dem Hintergrund der Taiwan-Krise fordern Kritiker eine Abkopplung von China - auch wenn es Wohlstand kostet. Sucht die deutsche Autoindustrie bereits nach alternativen Standorten? Und wenn ja, wohin geht die Reise?

Ferdinand Dudenhöffer: Diese Reise führt nirgendwo hin. Man kann natürlich neue Standorte suchen, zum Beispiel in den USA, doch da gibt es vergleichsweise wenige Käufer. Amerika ist kein Wachstumsmarkt. Auch Europa ist schwierig. In China kommen heute rund 110 Pkw auf tausend Einwohner, in den USA sind es 750. Wir schätzen das langfristige Marktpotenzial von China auf 50 Millionen Neuwagen, heute sind wir bei 20 Millionen. Die Zukunft der Autoindustrie liegt in Asien. Und damit meine ich nicht Japan, sondern China, und neben China Indien, Vietnam, Indonesien oder Thailand. China ist alternativlos.

Das Potenzial ist das eine, aber Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen und totalitäre Tendenzen das andere. Hätten die deutschen Autobauer mit ihrer starken Präsenz in China nicht längst Stellung beziehen und ihren Einfluss nutzen müssen?

Das ist in der Praxis schwierig. China wird durch die Kommunistische Partei regiert. Vorschläge der KP werden sofort umgesetzt. Bei uns wird erst diskutiert. Chinesen fragen uns oft, ob staatliche Behörden bei Projekten dabei sind. Sie denken, dann wird alles einfacher, weil viel von oben angeordnet wird. Die deutschen Autobauer haben nur einen sehr überschaubaren politischen Einfluss in China. Wenn wir wirtschaftlich mit China zusammenarbeiten wollen, brauchen wir die Politik. Wenn ein Staat oder Regierungsvertreter oder -vertreterin etwas sagt, wird es ernst genommen. Deshalb sollten Politiker ihre Worte auch sehr genau abwägen.

Volkswagen hält trotz Enthüllungen wegen Menschenrechtsverletzungen an der muslimischen Minderheit der Uiguren an seinem Werk in der Provinz Xinjiang fest. Hat ein Konzern wie Volkswagen nicht eine moralische Verpflichtung?

VW sagt, dass alle Menschenrechts- und Arbeitsbedingungen, die es gibt, in dem chinesischen Werk beachtet werden. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass man der chinesischen Regierung Vorschriften machen kann, wie sie in der Region mit den Uiguren umgeht. Gängelungen von ethnischen Minderheiten werden wir nicht ändern, indem VW das Werk schließt. Das hätte nicht nur für VW Nachteile. Es hätte auch darüber hinaus Konsequenzen, weil es die chinesische Zentralregierung bloßstellen würde.

Sie meinen provozieren. Das würde nichts ändern?

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Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research gilt seit vielen Jahren als Autopapst.

Wegzugehen hätte einen ähnlichen Effekt wie der Besuch der US-Demokratin Nancy Pelosi in Taiwan, in kleineren Dimensionen. Dazu muss man die chinesische Kultur begreifen. Das Schlimmste für einen Chinesen ist der Gesichtsverlust. Bei uns überlebt das ein Politiker. Die Chinesen sind stolz auf das, was sie in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben und zeigen das auch gerne nach außen. Auch in Form von Machtdemonstrationen, die nicht gut sind, die aber auch teilweise provoziert werden. Zum Beispiel durch den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der den Zollkrieg angezettelt hat. Wenn China sich auf die Seite von Russland schlägt, muss man sich nicht wundern. Peking denkt anders als der Westen.

Dann lautet das Gebot der Stunde aus Ihrer Sicht: Augen zu und durch?

Mir fällt dabei Alt-Kanzler Helmut Schmidt ein, der mal sinngemäß gesagt hat: Deutschland sollte sich hüten, der Moralapostel der Welt zu sein. Wenn man schaut, welche Staaten demokratisch sind, wie die USA oder Deutschland, dann kommt man nicht weit. Wir müssen auch mit denen zusammenleben, die andere Systeme haben. Das Uiguren-Problem ist schwierig, aber die USA hatten auch Guantanamo. Ist Taiwan ein Teil des kommunistischen Chinas? Das ist mühselig zu beantworten. Der chinesische Staatspräsident sagt, wir haben eine Strategie, die lautet "One China". Und Pelosi fliegt nach Taiwan und macht Xi vor seinem eigenen Volk lächerlich. Das ist für Chinesen hart, deshalb haben sie auch hart reagiert. In die Konfrontation zu gehen, führt zu nichts. Ich bin immer der Meinung gewesen, dass man mit Chinesen reden und sich einigen kann.

Der deutsche Kunststoffhändler Covestro hält sich die Standortentscheidung - China oder USA - für den Bau einer milliardenschweren Hartschaumanlage immerhin offen. Risiken und Chancen werden neu bewertet. Bedeutet ein Engagement in China in diesen Zeiten nicht, sich erpressbar zu machen?

Das ist richtig. Und zu 100 Prozent ausschließen können wir eine Entwicklung, wie die mit Russland auch nicht. Man muss abwägen: Was verliert man durch ein China-Embargo? Und was gewinnt man dadurch, dass man vorzeitig das Land verlässt aus Angst vor diesem Risiko? Stand jetzt lautet die Antwort: Man würde sehr viel verlieren. Volkswagen bezahlt seine Mitarbeiter in Wolfsburg und die Aktionäre mit Geld, das in China verdient wird. Wollen wir das verlieren?

Die Batterie-Zellen für Elektroautos kommen heute zu 75 Prozent aus China. Dort sitzen die Unternehmen, die die Technologie beherrschen. Chinesische Batterie-Champions wie CATL, CALB, BYD, Farasis, Gotion, SVOLT bauen Werke in Deutschland und Europa. Sollen wir das wirklich kappen und auf Startups hoffen? Nicht nur bei der Batterie importieren wir Technologie aus China. Denken Sie an Huawei und das 5G-Internet oder autonomes Fahren. Durch Joint Ventures und Kooperationen können wir eine Krise leichter lösen, als wenn jeder seine Grenze schließt, und sich der eine mit den USA und der andere mit Russland zusammentut.

Zweigleisig fahren könnte aber nicht schaden ...

Schauen wir uns um: Mit Frankreich, Griechenland, Italien haben wir in Europa keine starken Volkswirtschaften. Putin-Russland ist nicht mehr vorstellbar, im Osten passiert gar nichts mehr. Gleichzeitig wurde auf Betreiben von China 2020 mit 15 asiatisch-pazifischen Staaten das weltweit größte Freihandelsabkommen RCEP geschlossen. An RCEP sind übrigens auch Japan, Südkorea und Australien beteiligt. Toyota unternimmt große Anstrengungen, mehr Autos in China zu verkaufen. Die US-Autobauer General Motors und Ford übrigens auch. Ist eine Absonderungs-Doktrin da nicht etwas naiv?

Aber die große China-Welle der 90er Jahre ist vorbei. Die Wachstumsraten sind nicht mehr zweistellig, und die Lohn- und Arbeitskosten steigen. Ist dieses hartnäckige Festhalten am Standort nicht ein Stück weit rückwärtsgewandt?

Nein, weil das Potenzial in China immer noch immens ist. Und weil China andere asiatische Länder und Afrika mitnehmen wird. Wie sah die westlich Strategie der letzten 50 Jahre für Afrika aus? Wir haben Erdöl, Gold, Kupfer und andere Rohstoffe aus dem Kontinent geholt. Punkt! Die Chinesen bauen mit der neuen Seidenstraße ein Logistiknetz, mit dem Afrika industrialisiert wird. Klar verdient damit China, aber Afrika erhält eine Zukunft, so wie die 1,4 Milliarden Chinesen in den letzten 50 Jahren.

Die EU-Kommission hat Anfang Februar den "Chips Act" beschlossen. Bis 2030 soll ein Fünftel der globalen Halbleiterproduktion aus Europa kommen. Abnabelungsversuche von China gibt es demnach ...

Ja, es macht Sinn eigene Stärken aufzubauen. Aber können wir wirklich alles? Und können wir alles langfristig finanzieren? Gerade jetzt, wo wir sehr deutlich in eine "No Trust"-Politik gehen und immense Wehretats brauchen. Es macht Sinn, nicht alle Halbleiter selbst zu machen, sondern sich strategisch interessante herauszupicken. Chip ist nicht Chip. Die EU-Kommission hatte schon sehr viele Pläne, die versandet sind. Denken Sie nur an das EU-Google, das Biotech-Programm und schnelles Internet.

Auf die Lieferkettenproblematik ist De-Globalisierung und mehr Regionalisierung aber schon eine Antwort ...

De-Globalisierung ist ein Irrweg. Corona und die Lockdowns waren ein Weltproblem. Aus der Lieferkettenkatastrophe zu lernen, bedeutet nicht, alles unter enormen Kosten vor der Haustür zu produzieren. Toyota oder BMW etwa sind besser durch die Krise gekommen als Mercedes oder VW. Der Grund ist das bessere Einkaufssystem durch Multiple Sourcing. Und das ist ausbaubar mit datengetriebenen Prozessen und künstlicher Intelligenz. Die Aufgabe lautet, das System besser machen und nicht das System in die Tonne treten.

Also doch ausschwärmen und Risiken streuen. Kommen wir zurück zur Taiwan-Krise. Was passiert in einem Worst-Case-Szenario?

Für Deutschland wäre ein China-Embargo der GAU. Im Konflikt mit Russland tut der Gasmangel weh, alles andere ist überschaubar. In absehbarer Zeit sind wir aus dieser Abhängigkeit raus. Bei einem China-Konflikt brechen die Absatzmärkte weg, möglicherweise beenden die Chinesen ihre Auslands-Engagements, Technologie-Import bleibt auf der Strecke. Auch noch so gute Hilfspakete der Bundesregierung könnten das nicht reparieren. Die Welt wird gespalten, und es gibt kein Zurück. Das Risiko ist hoch, dass die westliche Welt in die schwächere Position gerät. Das Gleichgewicht der Kräfte geht verloren. Wir dürfen die Zusammenarbeit nicht aufs Spiel setzen, aber wir sollten uns mit einer No-Trust-Strategie absichern.

Die Autoindustrie ist auf große taiwanesische Halbleiterproduzenten wie TSCM angewiesen. Könnte Peking verlangen, die Geschäftsbeziehungen zu kappen?

Peking stürzt sich nicht blind in Abenteuer. Wir müssen China die Chance geben, das Gesicht zu wahren, diplomatische Brücken bauen und gemeinsam einen Modus Vivendi finden. Dafür müssen wir klarmachen, dass der Schaden durch eine Eskalation auch für China größer sein wird als der Nutzen. Sich jetzt zurückzuziehen, wie viele es fordern, würde Peking lediglich signalisieren, dass es jetzt relativ günstig ist, Taiwan zu übernehmen.

Mit Ferdinand Dudenhöffer sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de

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