Wirtschaft

Peinliche Bilanz-Panne in New York Google sucht Erklärungen

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Da staunt der Technikvorstand: Google-Mitgründer Sergej Brin bewundert hier nur Mode. Der Kursrutsch lag außerhalb seiner Verantwortung.

(Foto: REUTERS)

Ein unfreiwilliger Schnellschuss brockt Google spektakuläre Kursverluste ein: Die Eckdaten zur Geschäftslage platzen mitten in den Handel. Der Ruf leidet und: Die Zahlen sind schlechter als erwartet. Mit belegter Stimme bemüht sich Google-Chef Page um Schadensbegrenzung. Wie konnte das passieren?

Am Tag danach ist klar: Selbst ein Weltkonzern ist vor schwer erklärbaren Pannen nicht gefeit. Der erfolgsverwöhnte Internetkonzern Google hat mit den versehentlich zu früh veröffentlichten Angaben zur Zwischenbilanz viele Investoren verschreckt. Mehrere Stunden früher als geplant deckte ein lückenhafter Quartalsbericht einen Gewinneinbruch um 20 Prozent auf. Das Kerngeschäft Werbung wuchs langsamer. Anleger reagierten erstaunt und verunsichert - sowohl vom Zeitpunkt der Veröffentlichung als auch von den Kernaussagen des Berichts. Von Google waren sie bisher ein schnelles, zuverlässiges Wachstum gewohnt. Auch beim Umsatz blieb der Konzern deutlich unter den Erwartungen.

Die neuen Geschäftszahlen gelangten inmitten des hektischen Treibens an den New Yorker Aktienmärkten an die Öffentlichkeit. Zuerst herrschte Verwirrung, dann stießen Händler die Aktie ab. Massiv gestiegene Kosten - etwa durch den Kauf des Handyherstellers Motorola - ließen den Gewinn schmelzen. Erschwerend hinzu kam, dass Google weniger Geld pro Klick von seinen Werbekunden einnehmen konnte.

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Der Kurs der Google-Aktie sackte zeitweise um mehr als zehn Prozent in die Tiefe. Milliarden an Börsenwert seien binnen Minuten vernichtet worden, stellten staunende Beobachter umgehend fest. Zum Handelsende ging die Google-Aktie gut acht Prozent tiefer bei 695 Dollar aus dem Handel. Zwischenzeitlich musste der Handel auf Wunsch von Google sogar komplett ausgesetzt werden. Hektisch blieb die Suche nach der Ursache des Fehlers: Die Kalifornier machten ihren Dienstleister RR Donnelley & Sons (RRD) für die Panne verantwortlich, mussten die schwachen Zahlen aber bestätigen.

Wie konnte das passieren?

Google erklärte, RR Donnelley habe die Erklärung ohne Freigabe abgeschickt. Das Dokument war offensichtlich noch nicht versandfähig. Ursache sei vermutlich menschliches Versagen gewesen, sagte der RRD-Chef Tom Quinlan dem "Wall Street Journal". Das traditionsreiche Verlagshaus ist breit aufgestellt und betreut in einer eigenen Sparte um die Abwicklung der Berichtspflichten börsennotierter Unternehmen, die sogenannte Regulatory Compliance.

Der spektakuläre Patzer dürfte RR Donnelley in diesem Geschäftsfeld wohl noch längere Zeit als Schreckgespenst verfolgen. Der Dienstleister ist unter dem Kürzel RRD selbst an der Nasdaq notiert.

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Obwohl selbst nicht verantwortlich für die Panne, entschuldigte sich Google-Chef Larry Page in aller Öffentlichkeit für den Wirbel. Er bedauere das Durcheinander, sagte Page in einer Telefonkonferenz. Es war sein zweiter Auftritt nach mehrmonatiger Abwesenheit, die er mit einem vorübergehenden Verlust seiner Stimme begründet hatte. Page sprach noch leise, langsam und mit einiger Mühe.

Die chaotische Veröffentlichung weckte Erinnerungen an das , bei dem technische Pannen Anleger ebenfalls verunsicherten und zu deutlichen Verlusten führten. Als mitten im Handel die Google-Zahlen plötzlich bekanntgeworden seien, hätten die Börsianer zuerst auf den Knopf gedrückt und dann Fragen gestellt, sagte Ryan Jacob von Jacob Funds. JPMorgan-Analyst Doug Anmuth bezeichnete die Zahlen als schwach, aber nicht so schlecht, wie sie auf den ersten Blick erschienen seien. Für Google sind das bittere Erkenntnisse: Aus genau diesen Gründen werden Veröffentlichungstermine überhaupt erst außerhalb der Handelszeiten angesetzt.

Ihren Lauf nahm die Panne kurz nach Mittag Ortszeit - und erwischte damit auch viele Börsianer vollkommen auf dem falschen Fuß. Erst gegen 15.20 Uhr New Yorker Zeit (21.20 MESZ) konnte der Handel wieder aufgenommen werden. In der zu früh veröffentlichten Pressemitteilung zum Quartalsbericht stießen überraschte Analysten gleich im zweiten Absatz auf Lücken, die auf einen ungewollten Schnellschuss hindeuteten. An prominenter Stelle hieß es in eingeklammerten Großbuchstaben, dass ein Zitat des Konzernchefs Larry Page noch ausstehe ("Quote Larry Pending") - für einen offiziellen Quartalsausweis wäre das undenkbar. Die auffällige Formulierung zog in Fachkreisen bereits kurze Zeit später Spott auf sich. Bei Twitter gab das Warten auf "Pending Larry" Anlass für mehr oder weniger originelle Witze.

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"Wir hatten ein starkes Quartal": Larry Page (r., Archivbild).

(Foto: REUTERS)

Google bemühte sich, die Mitteilung so schnell wie möglich um die fehlenden Zitate zu ergänzen. "Wir hatten ein starkes Quartal", lautete dann das entsprechende Zitat von Page, das aber seine beabsichtigte Wirkung verständlicherweise verfehlte. Die Anleger kauften Page die optimistische Einschätzung nicht ab und ließen das Papier weiter auf der Verkaufsliste. In der Telefonkonferenz konzentrierte sich Page dann darauf zu erläutern, wie Google auf dem erfolgreich sein will. Nachbörslich legte die Aktie immerhin bereits wieder leicht zu.

Page gestand später in der Telefonkonferenz ein, dass sein Unternehmen für Werbung auf Mobilgeräten weniger einnimmt als auf herkömmlichen Webseiten, die Nutzer mit einem PC öffnen. Die Vielzahl von neuen, mit dem Web verbundenen Geräten eröffne aber für Werbekunden ein "riesiges, neues Universum". Google sei für den Übergang hin zu mobilen Geräten in einzigartiger Weise gerüstet, sagte Page und verwies auf das Telefonbetriebssystem Android, das den größten Marktanteil hat.

Google hat wie viele andere Internetunternehmen Probleme, den raschen Umschwung weg von PCs hin zu Smartphones und Tablet-Computern aufzufangen. Das macht sich in der Bilanz bemerkbar: Der durchschnittliche Preis, den Google von Werbekunden pro Klick erhielt, fiel gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent. Im Vergleich zum Vorquartal stand ein Minus von drei Prozent.

Wie es hätte laufen sollen

Dem ursprünglichen Zeitplan zufolge wollte Google die Zwischenbilanz nach dem Ende des regulären Handels an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq vorlegen. Die nachbörsliche Bekanntgabe soll Anlegern Zeit geben, sich erst in das umfangreiche Zahlenwerk zu vertiefen, bevor nervöse Kursreaktionen zu hektischen Bewegungen führen können. Dieser Plan ist gründlich gescheitert. Die Geschäftszahlen kamen vier Stunden zu früh heraus.

Den mittlerweile bestätigten Angaben zufolge stieg der Umsatz im dritten Quartal um 45 Prozent auf 14,1 Mrd. Dollar (10,8 Mrd. Euro). Rund 2,6 Mrd. Dollar kamen dabei alleine aus der Einbeziehung von Motorola. Google hatte das Handy-Urgestein für 12,5 Mrd. Dollar geschluckt, um seinen Vorstoß ins mobile Geschäft abzusichern.

Unter dem Strich brach der Gewinn im dritten Quartal um 20 Prozent ein auf 2,18 Mrd. Dollar. Ohne Sonderposten verdiente Google 9,03 Dollar je Anteilsschein - deutlich weniger als die von Analysten erwarteten 10,65 Dollar. Der Netto-Umsatz betrug 11,3 Mrd. Dollar. Zudem macht der erst vor kurzem übernommene Telefonhersteller Motorola Mobility weiter Verluste, vor allem durch hohe Entwicklungskosten für neue Android-Smartphones.

Weniger Cash pro Klick

Mit den Zahlen verfehlte Google die Schätzungen der Analysten. Vor allem die Einnahmen pro Klick Wert hinterließen bei Investoren einen unangenehmen Nachgeschmack. Werbung ist die wichtigste Einnahmequelle von Google. Der Konzern stützt sich dabei vor allem auf die hervorgehobenen Links innerhalb der Ergebnisanzeige seiner marktbeherrschenden Suchmaschine, aber immer mehr auch auf gesondert platzierte Online-Werbeanzeigen.

Der Rückgang dürfte eine Folge der verstärkten Nutzung von Smartphones und Tablets sein, auf denen die Tarife für Werbung niedriger sind. Insgesamt aber stieg die Zahl der Klicks auf Anzeigen, die Google Geld brachten, um ein Drittel.

Google streicht bei Motorola erwies sich einmal mehr als Verlustbringer. Die neue Tochter verlor operativ 527 Mio. Dollar. Bereits als eigenständiges Unternehmen hatte der Handy-Hersteller zuletzt fast durchgängig rote Zahlen geschrieben angesichts der starken Konkurrenz durch Apples iPhone und die Android-Handys von Samsung. Für Google war Motorola aber wegen der zahlreichen Patente des Handy-Pioniers wertvoll. Apple und Google verhandeln hatte einen regelrechten Patentkrieg vom Zaun gebrochen und wirft zahlreichen Smartphone-Herstellern aus dem Android-Lager vor, Ideen abgekupfert zu haben.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa/rts

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