Wirtschaft
Die Versorger werden wegen der niedrigen Strompreise die nötigen Investitionen in neue Kraftwerke kaum stemmen können, fürchtet die IEA.
Die Versorger werden wegen der niedrigen Strompreise die nötigen Investitionen in neue Kraftwerke kaum stemmen können, fürchtet die IEA.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 04. Juni 2014

Energieexperten fürchten Blackouts: IEA warnt vor Strompreisschock

Von Hannes Vogel

Schon heute ächzen die Verbraucher unter dem hohen Strompreis. Doch um die Energiewende, neue Netze und Kraftwerke zu bezahlen, muss er in den nächsten Jahren noch steigen. Sonst könnten in Europa die Lichter ausgehen.

Video

Die Energiewende hat einen hohen Preis. Schon jetzt zahlen die Verbraucher so viel wie nie zuvor für Strom. Aber wenn die Experten der Internationalen Energieagentur (IEA) Recht behalten, wird sich die Stromrechnung vieler Europäer in den nächsten Jahren noch weiter erhöhen. Denn alternde Netze und Kraftwerke müssen ersetzt werden, ansonsten drohen Blackouts. Wegen der niedrigen Strompreise rechnen sich Investitionen für die Energieversorger derzeit aber nicht.

"In Europa stehen wir vor dem Risiko, dass die Lichter ausgehen", sagt Fatih Birol, Chefökonom der IEA. Unter den derzeitigen Bedingungen sei es für viele Energieversorger schwierig, überhaupt Gewinne zu erzielen. Deshalb glaubt Birol auch nicht, dass Unternehmen derzeit ein Interesse hätten, zu investieren. Neue Netze, Kraftwerke und die Energiewende werden Europa in den nächsten 20 Jahren aber 2,2 Billionen Dollar kosten, schätzt die IEA. Nur China hat einen noch höheren Finanzierungsbedarf.

In Europa drohen Blackouts

Bei konventionellen Kraftwerken droht ein Engpass: Drei Viertel der Investitionen in Europa wird laut IEA in Erneuerbare Energien fließen. Schon heute droht sich ein Investitionsstau zu bilden. Die weltweiten Ausgaben für Netze und Kraftwerke haben sich seit dem Jahr 2000 zwar mehr als verdoppelt. Doch seit 2012 stagnieren die Investitionen. Fast 60 Prozent des Geldes floss zudem in den Ausbau erneuerbarer Energien statt konventioneller Kraftwerke.

Zwar gibt es heute laut den Experten Überkapazitäten bei der konventionellen Stromerzeugung auf dem Kontinent. Um die Versorgung zu sichern, seien aber schon in den nächsten zehn Jahren neue Gas- und Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 100 Gigawatt nötig. Stimmt die Prognose, müsste demnach bis 2025 etwa jedes fünfte heute installierte fossile Kraftwerk in Europa ausgetauscht werden.

Woher das Geld dafür kommen soll, ist offen. Die IEA schätzt, dass die Großhandelspreise für Strom in Europa zurzeit mehr als ein Fünftel unter der Grenze liegen, ab der sich die Investitionen für die Versorger rechnen. Höhere Strompreise würden aber die schon stark geschröpften Haushalte und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in Europa noch mehr belasten, warnt die IEA.

Die Klimaziele werden teuer

Der Preis der Energiewende ist aber noch höher. Denn um die Klimaziele zu erreichen, sind nicht nur Mega-Investitionen in Windräder und konventionelle Kraftwerke nötig. Auch Autos, Flugzeuge, Häuser und Fabriken müssen immer sparsamer werden. Weltweit sollen diese Investitionen in wachsende Energieeffizienz in den nächsten 20 Jahren 8 Billionen Dollar kosten. Zwei Drittel davon werden die EU, USA und China zahlen - sie sind die größten Luftverschmutzer.

Vor allem den Transportsektor - und damit die Autoindustrie - wird das hart treffen. Er wird 62 Prozent der Kosten tragen. Am Ende dürften aber auch dafür die Haushalte zur Kasse gebeten werden: Sie werden in den nächsten 20 Jahren die Hälfte der Kosten für zusätzliche Energiesparsamkeit zahlen, Unternehmen 40 Prozent, der Staat nur ein Zehntel, schätzt die IEA.

Am Ende enthalten die Prognosen der IEA eine große Ernüchterung: Über 40 Billionen Dollar müssen in den nächsten 20 Jahren weltweit in die Energieversorgung investiert werden. Trotz der gigantischen Bemühungen für den Klimaschutz werden 85 Prozent der Riesensumme aber in fossile Brennstoffe fließen - obwohl deren Anteil am Energieverbrauch bis 2035 kontinuierlich sinkt.

Denn immer mehr Öl- und Gasfelder versiegen. Die Energiefirmen müssen deswegen Vorkommen anzapfen, die immer schwerer - und damit teurer - zu erschließen sind. Mehr als 80 Prozent der Investitionen dienen nur dazu, die sinkende Ausbeute auszugleichen, statt zusätzliche Mengen zu fördern, um den wachsenden Energiehunger der Welt zu stillen.

Quelle: n-tv.de