Wirtschaft

Klitschko als Karrierecoach "Wenn es schmerzt, ist es das Richtige"

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Wladimir Klitschko über die Niederlage gegen Anthony Joshua: "Ein Kampf, der mich gelehrt hat, dass man manchmal mit einer Niederlage mehr gewinnen kann, als mit einem Sieg."

(Foto: REUTERS)

Mehr als 20 Jahre hat Box-Weltmeister Wladimir Klitschko Höchstleistung auf den Punkt abgerufen - nicht nur als Sportler, sondern auch als Unternehmer. Als er vor einem Monat seine Karriere als Profi-Boxer beendet, ist seine Karriere nach der Karriere bereits in vollem Gange. Mit n-tv.de spricht er über Ziele, Besessenheit, Geld - und den Sinn von Misserfolgen.

n-tv.de: Mit 41 sind Sie bereits so weit, dass Sie Ihre unternehmerischen Erfahrungen aus der Box-Welt an andere Manager weitergeben möchten. Dafür haben Sie bereits vor zwei Jahren einen Studiengang an der Universität St. Gallen in der Schweiz gegründet. Was können dort Unternehmer von Ihnen lernen?

Wladimir Klitschko: Ich möchte, dass sie von meinen Erfahrungen aus meiner sportlichen Laufbahn profitieren. Die Welt wird immer komplexer und schneller. An der Universität bereiten Experten aus Lehre, Forschung und Praxis Führungskräfte und Manager auf diese beruflichen und persönlichen Herausforderungen vor. Vormittags lehren Professoren Theorie, nachmittags kommen die Experten aus der Praxis. Jeder muss seinen Weg finden, aber ich kann auf diesem Weg begleiten.

Der Studiengang heißt genauso wie Ihr Buch: "Challenge Management". Was versteht man darunter?

Challenge-Management ist Problem-Management. Der Begriff steht für das Zusammenspiel von Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Konzentration. Es vermittelt die Fähigkeit, neue gesellschaftliche Strömungen, Kundenbedürfnisse und wechselnde Marktumfelder vorwegzunehmen und mit hoher Geschwindigkeit zu reagieren. Es geht um eine permanente Bewusstseins- und Verhaltensänderung.

Und dann ist man erfolgreich?

Erfolg ist nicht alles. Auch Misserfolge sind hilfreich. Nehmen Sie das weltberühmte Medikament Viagra. Eigentlich sollte es die Herzfunktion verbessern. Den Erfolg brachte ein Nebeneffekt. Auch wenn man manchmal sein Ziel verfehlt, kann es ein Erfolg sein. Auch das beschreibe ich in meinem Buch.

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Wladimir Klitschko in Anzug und Krawatte an der Universität St. Gallen.

(Foto: Klaus Becker#KGM Klaus Becker#KM)

Dass Sie selbst dozieren, ist schwer vorstellbar. Haben Sie sich mit Jackett schon mal nackter gefühlt als im Ring mit freiem Oberkörper?

Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Was ich anziehe, muss zum Wetter oder Dresscode passen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Im Mai stand ich bei einer SAP-Versammlung zu Design Thinking vor 20.000 Teilnehmern. Ich stand da mit Anzug und Krawatte und ich dachte auch: "Vor zwei Wochen standest du halb nackt vor 90.000 Zuschauern beim Fight in Wembley gegen Anthony Joshua." Dieser Moment hat sich sehr gut angefühlt. Ich hatte Adrenalin im Blut, ich war sehr aufgeregt und ich dachte: "Ohne sportliche Karriere fühlt sich das immer noch gut an."

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Mein Leben verändert sich gerade. Ich bin kein aktiver Sportler mehr, aber sehr aktiv auf anderen Feldern. Da gibt es täglich neue Situationen. Und diesen begegne ich mit meinen Methoden des Challenge Management. Weg vom Problem, hin zur Herausforderung, die ich mit Mut und Optimismus bewältige.

Dass Sie Sport studiert haben und Boxer geworden sind, hat fast etwas Zufälliges. Als die Berufsentscheidung anstand, kamen auch Jura und Medizin in Betracht. Stattdessen sind Sie in die Fußstapfen Ihres Bruders Vitali getreten und Boxer geworden. Warum?

Ich habe mit dem Boxen begonnen, weil mir der Sport das geben sollte, was mir am wichtigsten war: Freiheit. Ich konnte reisen, andere Kulturen entdecken, Sprachen lernen, Menschen auf der ganzen Welt kennenlernen. In dem politischen System, in dem ich als Kind aufgewachsen bin, wäre das für einen Arzt oder Anwalt nicht möglich gewesen.

Sie sind sehr ehrgeizig, Sie arbeiten wie ein Besessener. Woher nehmen Sie diesen Biss?

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Das frage ich mich manchmal auch. Woher weiß ich, was mein Ziel ist? Man lernt durch Vorbilder. Meine ersten Vorbilder waren meine Mutter, mein Vater und mein Bruder. Aber keiner bleibt stehen. Man muss eine selbstbewegende Kraft werden, sich entwickeln, offen sein für Neues. Ausdauer, Beweglichkeit, Konzentration, Koordination - das, was mir im Sport geholfen hat, hilft mir auch außerhalb des Sports. Es hat auch meinem Bruder Vitali geholfen, der heute in seiner zweiten Karriere Oberbürgermeister von Kiew ist. Man muss bedingungslos und kompromisslos sein, wie ein Egoist. Besessenheit kann etwas Positives sein. Liebe ist ein Beispiel dafür. Auch Ego ist positiv. Es bringt uns nach vorne, wir verschlafen die Zeit nicht. Wie Muhammad Ali gesagt hat: Wenn man mit 50 noch so denkt wie mit 20, hat man 30 Jahre verloren.

Wenn Sie sich heute im Spiegel anschauen und sehen, wo Sie heute stehen: Welcher Kampf war für Ihre Entwicklung am wichtigsten?

Jeder Kampf war in dem Moment der wichtigste. Jeder Kampf hat mich vorangebracht. Ganz besonders der letzte gegen Anthony Joshua. Ein Kampf, der mich gelehrt hat, dass man manchmal mit einer Niederlage mehr gewinnen kann als mit einem Sieg.

2003/04 war Ihr sportlicher Tiefpunkt. Sie haben sich wieder hochgerappelt. Ihr Bruder hat nicht mehr an Ihre sportlichen Möglichkeiten geglaubt. Was von diesem Kampfgeist ist angeboren, was antrainiert?

Sicher sind einige Faktoren im Leben genetisch bedingt. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass das meiste eine Sache der Haltung ist. Mit der richtigen Einstellung kannst du fast alles schaffen. Du bist die bewegende Kraft. Es liegt an dir selbst, wie weit du kommst. Hier setzen auch meine Methoden des Challenge Managements an. Es geht darum, dass du die Kraft in dir entdeckst und bereit bist, wie ein Kämpfer alles dafür zu tun, sie zu nutzen, um deine Ziele zu erreichen. Dass ich in der Sowjetunion aufgewachsen bin, hat diese Einstellung sicher vorangetrieben.

Was bedeutet Geld für Sie?

Geld ist wichtig, aber nicht entscheidend. Die meisten Passagiere auf der "Titanic" waren reich, aber Glück haben nur wenige gehabt. Also Glück ist für mich wichtiger - und das kann man nicht kaufen! Ich sehe das Geld als sportlichen Anreiz, um gut zu performen. Und ich nutze es wie ein Werkzeug, um damit weiter an meinen unterschiedlichen sozialen oder persönlichen Zielen zu schrauben. 

Ihr Lieblingsbuch ist "Robinson Crusoe". Dem Schiffbrüchigen auf seiner einsamen Insel konnte Geld auf jeden Fall nicht helfen. Was fasziniert Sie an dieser Geschichte?

Mich hat immer fasziniert, wie Robinson Crusoe seinen Verstand einsetzt. Der Mut, zu machen, anstatt sich seinem Schicksal zu überlassen, ist vorbildlich. Vor allem aber dieser unbändige Wille, zu überleben, die Situationen zu meistern, seien sie noch so ausweglos.

Ihre Ratschläge richten sich an Leistungsträger der Gesellschaft. Sie verknüpfen Glück und Erfolg. Kann man ohne Geld glücklich sein – auch ohne Projekte?

Ich glaube, ich repräsentiere die Mehrheit der Gesellschaft. Ich mache Fehler. Aber ich lerne aus ihnen. Ich zeige Gesicht, nicht den Rücken. Ich renne vor Herausforderungen nicht weg. Es ist okay, Angst zu haben - auch vor meiner zweiten Karriere. Feige zu sein ist schlecht. Angst zu haben ist gesund. Es macht dich fitter und stärker.

Ein Prinzip, auf das Sie schwören, ist "Coopetition": Rivalen sollen ihre Kräfte bündeln, um über sich und den Alltag hinauszuwachsen. Als Beispiel zitieren Sie in Ihrem Buch den gemeinsamen Automobilgipfel von BMW, Daimler und Volkswagen, bei dem die Konzernchefs alle nebeneinander standen. Welches Verhältnis haben Sie zu Ihren Gegnern?

Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: SAP und die Deutsche Telekom waren auch als Konkurrenten auf einer Bühne. Das funktioniert, weil beide Unternehmen das Challenge Management verbindet. Die Vorstellung, mit einem Konkurrenten zu kooperieren, etwas Größeres aufzubauen, ist wichtig. Anthony Joshua war mein Sparrings-Partner. Er hat mich vorbereitet auf einen Kampf gegen Kubrat Pulev. Das heißt: Mein damals zukünftiger Gegner hat mich für einen anderen Kampf fit gemacht. Man kann als Konkurrenten Synergien finden, auch wenn man sich später wieder trennt.

Woher weiß ein Unternehmer, dass er nur dranbleiben muss, um Erfolg zu haben? Und woher weiß er, dass er besser aufhören sollte, bevor er k.o. geht?

Man stelle sich einfach bildlich vor, welches Ziel man mit seiner Unternehmung erreichen will. Und dann fragt man sich: Wie fühlt es sich an, wenn ich dieses Ziel nicht erreiche? Wenn es schmerzt, ist es das Richtige und man sollte auf jeden Fall dranbleiben. Wenn es gleichgültig ist, dann verfolgt man den falschen Weg und sollte sich etwas Neues vornehmen. Grundsätzlich ist Vision ohne Umsetzung eine Illusion. Deshalb darf man aber die Visionen nicht verlieren. Wir leben in einer Erwartungsgesellschaft. Die Gefahr ist, dass man die Erwartungen an sich zu hoch hängt.

Sie haben Unternehmen wie K2 Promotions und KMG gegründet, Sie haben ein erfolgreiches Designhotel 11 Mirrors. Es gibt Klitschko Ventures und jetzt den Studiengang in St. Gallen. Sind Sie eigentlich nie müde und wollen sich auf Ihrem Erfolg ausruhen?

Auf keinen Fall. In mir ist so viel Feuer für neue Dinge, das brennt noch hoffentlich lange.

Wie halten Sie sich nach Ihrer aktiven Boxerkarriere körperlich fit, und was raten Sie durchschnittlich trainierten Menschen, die erfolgreich im Beruf sein wollen?

Ich trainiere jeden Tag. Mindestens 30 Minuten. Jeder Mensch sollte sich zumindest ein paar Minuten am Tag Zeit nehmen, etwas für seinen Körper zu tun. Quäle deinen Körper, bevor er dich quält! Beweglichkeit im Kopf geht mit körperlicher Beweglichkeit einher.

Haben Sie schon ein neues Projekt?

Mehr als eines. Wir haben noch sehr viel vor. Ich möchte meine zweite Karriere noch spannender als meine erste machen.

Mit Wladimir Klitschko sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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