Wirtschaft

"Diese Ungewissheit ist Gift" Katalonien-Krise trifft deutsche Unternehmen

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Befürworter einer Unabhängigkeit Kataloniens demonstrieren in Barcelona.

(Foto: dpa)

Noch ist völlig unklar, ob Katalonien Teil Spaniens bleibt. Fest steht allerdings: Der Konflikt macht deutschen Unternehmen zu schaffen - sie sind in der wirtschaftlich starken Region zahlreich vertreten.

"Besatzer raus", rufen separatistische Katalanen wütend in Richtung Madrid und bereiten eine Unabhängigkeitserklärung vor. Die spanische Zentralregierung will eine Abspaltung zwar mit aller Macht verhindern, doch ob die Region auch in Zukunft noch ein Teil des Landes sein wird, ist völlig ungewiss. Und viele deutsche Firmen stehen plötzlich vor einem Problem.

"Die Ereignisse in Spanien sind selbstverständlich ein großes Thema für deutsche Unternehmen. Und zwar nicht nur für die, die selbst Standorte im Land und speziell in Katalonien haben, sondern auch für die, die auf dortige Zulieferer und Produktionspartner angewiesen sind", sagt Marcus Schüller, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, im Gespräch mit n-tv.de. "Fakt ist: Es besteht eine große Unsicherheit darüber, wie sich die Situation entwickeln wird. Diese Ungewissheit ist Gift."

Das sieht Holger Bingmann, Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), genauso: "Die Situation stimmt die deutschen Unternehmen besorgt". Die politische Instabilität nach dem Referendum gefährde die Wirtschaft und habe Folgen für die Investitionen.

Zu Einordnung: Katalonien ist die wirtschaftlich stärkste Region Spaniens. Mit ihren 7,5 Millionen Einwohnern erwirtschaftet sie 200 Milliarden Euro, das entspricht etwa einem Fünftel des spanischen Bruttoinlandsprodukts. Von den 1300 deutschen Unternehmen in Spanien sind allein 40 Prozent in der Region tätig, vor allem in den Bereichen Chemie, Pharmazie und Automobil. Dazu gehören unter anderem die Allianz, BASF, Bayer, Bosch, Haribo, Siemens, Lidl und Volkswagen mit der Tochter Seat.

EU-Austritt wahrscheinlich

Sollte sich Katalonien tatsächlich von Spanien abspalten, wäre ein Austritt aus der Europäischen Union wohl unvermeidlich. Und das hätte unabsehbare Folgen für Spanien, Katalonien und die dort tätigen deutschen Unternehmen. Der neue Staat müsste eine Aufnahme in die EU beantragen, bis zur Mitgliedschaft könnten Jahre vergehen - und das Verhältnis zu Spanien dürfte dabei eine schwere Belastung sein.

Damit verlöre die Region auf unabsehbare Zeit den Zugang zum europäischen Binnenmarkt und müsste auf die Vorteile eines freien Verkehrs von Personen, Kapital, Waren und Dienstleistungen verzichten. Mit anderen Worten: Den Unternehmen drohen Zölle und zusätzliche bürokratische Hürden. Zudem läge ein katalanischer Staat nicht mehr in der Eurozone. Umgekehrt würde es für Europas Unternehmen umständlicher und teurer, in Katalonien Geschäfte zu machen.

"Aber selbst wenn sich Katalonien nicht abspaltet, werden die Auswirkungen der letzten Wochen voraussichtlich mittel- bis langfristig zu spüren sein - und das nicht nur in Katalonien, sondern in ganz Spanien", sagt KPMG-Partner Schüller. "Die Ereignisse haben beispielsweise Einfluss auf Investitions- und Standortentscheidungen: Das sind langfristige und hochkomplexe Fragen, bei denen eben auch die politische Stabilität in einem Land bewertet wird." Allein die fehlende Rechtssicherheit könne deutsche Firmen dazu bringen, sich über kurz oder lang aus Katalonien zurückzuziehen.

Wie es in Spanien weitergeht, ist ungewiss. Und noch ist völlig unklar, ob sich Katalonien tatsächlich abspalten wird. Ein Sprecher von Siemens sagte zur möglichen Unabhängigkeit, diese Entwicklung sei "noch weiter weg als der Brexit, und selbst da wissen wir nichts Genaues". Seat erklärte, wie für viele andere Unternehmen sei ein "stabiles politisches Umfeld erforderlich, um weiterhin in Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Zuwachs zu investieren". Die meisten Unternehmen halten sich vor Ort bedeckt, wie ein Sprecher der deutschen staatlichen Investitionsgesellschaft Germany Trade & Invest sagte: "Egal was sie machen, es wird die eine oder die andere Seite verärgern."

Quelle: ntv.de, mit rts/dpa

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