Wirtschaft

"Not macht ..." Kuba ist reich an sparsamen Erfindern

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Nicht nur die Oldtimer auf Havannas Straßen sind etwas für Bastler, Mechaniker und Erfinder.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auf Kuba landen kaputte Geräte nicht auf dem Müll. Alles, was irgendwie repariert werden kann, wird noch einmal aufgemöbelt. Dafür müssen Kubas Mechaniker und Erfinder in der herrschenden Planwirtschaft besonders kreativ sein.

Carlos Caro zeigt stolz auf seine Sämaschine: "Not macht erfinderisch", sagt er. Komplett aus alten Teilen hat der kubanische Landwirt sie zusammengebaut. Das Gerät besteht aus alten Rohren und vier auf dem Kopf stehenden Gasflaschen, die über einem Verschlusssystem montiert sind. Die Schwerkraft erledigt den Rest - das Gewicht von Samen und Dünger drückt diese aus der Maschine. 

Etwa 14 Hektar bebaut Caro mit der Maschine, die auch einen Mini-Pflug zum Öffnen des Feldes und zwei gerade Teile hat, die den Erdboden hinter dem Saatgut wieder schließen. "Das Gerät macht alles gleichzeitig, und die Ersparnisse sind enorm", sagt er. Früher habe er 14 Arbeiter dafür gebraucht, heute nur noch 3.

Caro schätzt, dass er die Maschine für 250 Dollar das Stück produzieren könnte. Seine Erfindung sei viel widerstandsfähiger als die vielen Landwirtschaftsmaschinen in Kuba, die aus Brasilien kommen, erklärt er. Für Kubas harte Böden seien die einfach nicht geeignet.

Kuba ist reich an Erfindern

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Eine Sämaschine zum Aussähen von Getreidesamen steht auf der Messe "Expocuba" in Havana.

(Foto: picture alliance / dpa)

Caro ist einer von mehr als 400.000 Mitgliedern des kubanischen  Erfinder-Verbandes ANIR. Die 1976 gegründete Organisation soll die Kreativität der kubanischen Arbeiterschaft fördern. Das ist auch bitter nötig: In Kuba fehlt es an allem. Obwohl sich die sozialistische Karibikinsel langsam öffnet und immer mehr Urlauber kommen, herrscht Mangelwirtschaft. Mit einem durchschnittlichen Monatslohn von 20 Dollar haben viele Kubaner schlicht kein Geld für Neuanschaffungen.

Kuba fehlt es an Devisen, um moderne Maschinen im Ausland zu kaufen. Neben dem Tourismus hängt das Land vor allem von den Öllieferungen des befreundeten Venezuela ab. Die Karibikinsel erhält das Öl zum Vorzugspreis und verkauft es auf dem Weltmarkt weiter. Wegen des niedrigen Preises kann Kuba dadurch aber derzeit deutlich weniger Devisen einnehmen. Auch die Preise für die Exportgüter Zucker und Nickel waren zuletzt gesunken.

Alltagsprobleme lösen

Hinzu kommt das seit den 1960er Jahren geltende US-Embargo. Im Zuge des Tauwetters zwischen Washington und Havanna wird es zwar immer mehr gelockert, Geräte und Maschinen können aber immer noch nicht ohne weiteres nach Kuba eingeführt werden.

Und nicht zuletzt die sozialistische Planwirtschaft macht Familien, Bauern und Gewerbetreibenden das Leben schwer. Geht eine Maschine kaputt, können Privatleute nicht einfach ein Ersatzteil bestellen. Alles wird vom Staat geordert. Wenn das entsprechende Teil gerade nicht auf der Einkaufsliste steht - Pech gehabt.   

Den Erfindern geht es um Alltagsprobleme der kubanischen Familien - etwa, wenn ein importierter Ventilator, Kühlschrank oder Wasserkocher kaputtgeht und bei den Ersatzteilen getrickst werden muss. Die Lösungen zielen darauf ab, die Lebenszeit von Haushaltsgeräten zu verlängern und Importe zu ersetzen, sagt Otto Molina von einer Werkstatt für Elektrogeräte aller Art in der Provinz Cienfuegos. Mehr als 70 solcher hausgemachten Reparaturlösungen habe die Werkstatt im Programm, erklärt er stolz.

Durchbruch in der Ölbohrtechnik

Manche Erfindungen kommen auch der Industrie zugute. So führte Kuba 1997 mit heimischer Technologie Ölbohrungen mit Horizontalbohrtechnik ein. Die Ölproduktion stieg von 200.000 Tonnen im Jahr auf etwa eine Million. Mit dem Einsatz dieser Technologie könne Kuba vermeiden, teure Ölplattformen aus dem Ausland zu kaufen, sagt Jesús Río, Geologe beim staatlichen Ölunternehmen Cupet.

Die Bohrlöcher befinden sich vor allem an der nördlichen Küste, von Havanna bis zum bekannten Urlaubsort Varadero. Von dort erreichen sie die Ölvorkommen vor der Küste. Für seine Bohrer erhielt Río vom damaligen Staatschef Fidel Castro die höchste Auszeichnung für Erfinder. 

Vicente Hernández arbeitet seit 56 Jahren als Mechaniker für die kubanische Bahngesellschaft. Seine Erfindung, zusammengebaut aus Teilen, die in der Werkstatt herumlagen, ist eine Art mobiler Prüfstand für Lokomotiven. Es gibt Loks chinesischer und amerikanischer Bauart sowie russische. Manche von ihnen stammen noch aus Sowjetzeiten.

Neue Teile? Wozu?

Der liebevoll "Frankenstein" genannte Prüfstand wurde zunächst von den Arbeitern auf den Gleisen hin und her geschoben, erzählt Hernández. Aber mit all den Erweiterungen und Extra-Funktionen wiege "Frankenstein" nun mehr als zwei Tonnen. "Die Maschine ist einzigartig in Kuba und auch weltweit", sagt er. 

"Die Leute sagen, wir stecken in einer Krise, aber wir arbeiten trotzdem weiter", sagt Hernández. Die Regierung hat kürzlich einen Kaufvertrag für 75 russische Loks unterschrieben. Genauso viele sollen instandgesetzt werden. Damit kenne er sich aus, sagt Hernández. Deren Technik habe sich seit 1964 kaum verändert. "Sie haben diese Anlagen beibehalten, weil sie gut sind."

Importe aus China hingegen bereiten ihm mehr Kopfzerbrechen: "Die Chinesen ändern bei jeder Gelegenheit die Geräte, jedes Jahr ist etwas anders. Nur wozu? So muss man ständig neue Teile kaufen. Darum sind sie wohl sie die zweitgrößte Wirtschaftsmacht."

Quelle: ntv.de, Guillermo Nova, dpa

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