Wirtschaft

Die Übernahmeschlacht beginnt Siemens bietet für Alstom

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Flexibler Strategieschwenk: Siemens-Chef Joe Kaeser will erst in die Bücher des Wettbewerbers blicken.

(Foto: dpa)

Der Industriegigant geht das Wagnis an: Siemens kündigt seinem französischen Rivalen Alstom ein Übernahmeangebot an. Bevor es jedoch zu einer konkreten Offerte kommt, wollen die Münchner einen genauen Blick in die Bücher des Wettbewerbers werfen.

Siemens steigt offiziell in das Bieterrennen um den französischen Konkurrenten Alstom ein: Der Dax-Konzern hat seinem französischen Wettbewerber Alstom ein Übernahmeangebot in Aussicht gestellt. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass Alstom Siemens Einblick in die Bücher gewähre und die Alstom-Führung für Gespräche bereitstehe, teilte Siemens nach Börsenschluss in Europa mit. Eine abschließende Entscheidung über eine konkrete Offerte sei dann innerhalb der nächsten vier Wochen zu erwarten.

Das deutsche Industrieschwergewicht bestätigte damit entsprechende Gerüchte über ein unmittelbar bevorstehendes Übernahmeangebot. Man habe ein entsprechendes Schreiben an Alstom gerichtet, hieß es aus München. Wie eine Übernahme von Teilen des Konzerns oder sogar des kompletten Unternehmens im Detail aussehen könnte, offenbarte die Führung des Dax-Konzerns aber nicht.

Am Vormittag waren die Mitglieder des Siemens-Aufsichtsrats zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengekommen, um über die Konsequenzen einer Alstom-Übernahme zu beraten. Am Nachmittag hatte Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg vor der Nationalversammlung in Paris erklärt, ein Angebot von Siemens sei bereits "auf dem Weg" zum Alstom-Verwaltungsrat. Eine Sitzung des Gremiums sei für den Abend geplant.

"Voraussetzung" für eine Übernahme von Alstom durch den deutschen Wettbewerber ist laut Mitteilung aus München, "dass Alstom Siemens einen Zeitraum von vier Wochen mit Zugang zu Daten des Unternehmens und erforderlichen Managementinterviews einräumt, damit Siemens eine angemessene Prüfung des Alstom-Geschäfts durchführen kann."

Europa steuert damit auf eine milliardenschwere Bieterschlacht zwischen Siemens und dem US-Rivalen General Electric (GE) zu. Die US-Amerikaner hatten Ende vergangener Woche bereits Interesse an Alstom bekundet. Wie Siemens-Chef Joe Kaeser sich den Zukauf, den Insider auf rund 11 Milliarden Euro taxieren, im Detail vorstellt, ist offen.

Alstom-Aktien vom Handel ausgesetzt

Immerhin kann Siemens bei dem strategischen Zukauf auf die Unterstützung der französischen Regierung setzen, die bei einer Alstom-Übernahme durch GE Arbeitsplatzverluste befürchtet und den deutschen Technologieriesen als Nothelfer ins Spiel gebracht hat. Alstom-Chef Patrick Kron dagegen bevorzugt die Offerte des US-Rivalen - GE hatte vergangene Woche bei ihm offene Türen eingerannt.

Nach zweitägiger Zwangspause sollen die Aktien des von Siemens und General Electric umworbenen französischen Industriekonzerns ab Mittwoch wieder gehandelt werden. Die Börsenaufsicht AMF erklärte am Abend in Paris, sobald die Marktteilnehmer über Inhalt und Modalitäten der Offerten informiert worden seien, solle die Handelsaussetzung beendet werden.

"Wir wollen den Handel morgen im Anschluss an Informationen über die Details der Offerten, die spätestens vor Handelsbeginn vorliegen müssen, wieder aufnehmen", sagte AMF-Leiter Gerard Rameix, der sich nach eigenen Angaben schriftlich an Alstom-Chef Patrick Kron gewandt hatte.

Eine Art "Airbus" der Schiene?

Einzelheiten zu den Übernahmeplänen nannte Siemens in der knapp gehaltenen Mitteilung zunächst nicht. Auch über die weiteren Schritte in dem Verfahren gab es keine weiteren Angaben. In den vergangenen Tagen war allerdings bereits von einer Art Tauschgeschäft die Rede: Siemens würde in diesem Fall die Energiesparte von Alstom übernehmen und im Gegenzug das eigene Zuggeschäft an die Franzosen abgeben. Die IG Metall stellte für diesen Fall klar, dass die Gewerkschaft Sicherheiten für die 11.500 Beschäftigten der Sparte einfordern wird.

"Eine zwingende Voraussetzung für den geplanten Tausch von Siemens' Zugsparte gegen Alstoms Energiebereich sind natürlich umfassende Garantien für die Sicherheit der Beschäftigung und aller betroffenen Siemens-Standorte", sagte Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler. Generell stehe die Gewerkschaft einer Einigung zwischen Siemens und Alstom nicht ablehnend gegenüber, betonte Wechsler.

Alstom vor der "Zerschlagung"?

Alstom wiederum hatte angekündigt, bis Mittwochvormittag über das weitere Vorgehen informieren zu wollen. Am Dienstagabend wollte der Verwaltungsrat des Unternehmens zusammenkommen. Alstom-Mitarbeiter protestierten vor einer Niederlassung in Saint-Ouen bei Paris gegen die Zerschlagungspläne. Bei einem Treffen mit Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg forderten Gewerkschaftsvertreter eine erneute Teilverstaatlichung ihres Unternehmens.

Die Regierung werde alle notwendigen Mittel ergreifen, um die Interessen des Staates zu schützen, teilte Montebourg anschließend mit. Der Minister hatte in den Vortagen deutlich gemacht, dass er einen Deal mit Siemens vorziehen würde. Dies würde es erlauben, im Zuggeschäft einen "Weltmarktführer made in France" aufzubauen.

Um eine faire Prüfung des deutschen Angebots zu gewährleisten, schaltete Montebourg nach eigenen Angaben die französische Börsenaufsicht AMF ein. Sie solle Alstoms Management anhalten, beide Angebote gleichzubehandeln und eine "faire und konstruktive" Debatte über eine mögliche Übernahme zu führen, sagte er. Montebourg sagte, in der Sache gehe es nicht nur um finanzielle, sondern auch um industrielle und soziale Interessen. Die Regierung wolle die Interessen Frankreichs verteidigen. Die AMF erklärte anschließend, Alstom solle alle Optionen objektiv und professionell prüfen.

Konzernchefs bei Hollande

Zu Wochenbeginn hatten die Konzernchefs von Siemens und GE, Joe Kaeser und Jeff Immelt, bei getrennten Treffen über ihre Pläne auch mit dem französischen Präsidenten François Hollande gesprochen. Beide lobten danach die offene Atmosphäre der Gespräche, machten aber keine Angaben zum Inhalt. Unklar ist, wie sich GE nun verhalten wird. Die Alstom-Führung hatte zuvor lange heimlich nur mit den Amerikanern verhandelt.

Immelt versuchte Bedenken auszuräumen, wie eine Person mit Kenntnis über den Inhalt der Gespräche sagte, und verwies auf eine gelungene franko-amerikanische Kooperation: den Triebwerksbauer CFM, der in diesem Jahr 40-jähriges Bestehen feiert. Auch Siemens kann solch ein Beispiel anführen. Die Münchner verkauften vor ein paar Jahren ihre IT-Sparte an den französischen Dienstleister Atos.

Im Fall einer Alstom-Übernahme durch GE fürchtet die Regierung in Paris den Abbau von Arbeitsplätzen in Frankreich und einen Ausverkauf beim Hersteller des prestigeträchtigen Hochgeschwindigkeitszuges TGV. Alstom beschäftigt 18.000 Menschen in Frankreich.

Der Politik schwebt ein europäischer Champion aus Siemens und Alstom in der Energieversorgung vor; gäbe Siemens sein ICE-Geschäft im Tausch an die Franzosen, könnte ein weiterer wichtiger europäischer Konzern entstehen. Ein mögliches Vorbild für eine gelungene Zusammenarbeit wäre der Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus. Analysten befürchten allerdings Schwierigkeiten mit den Kartellbehörden angesichts der Größe der neuen Unternehmen.

Frankreichs Wirtschaftsminister Montebourg hatte Alstom-Chef Kron erst kürzlich in aller Öffentlichkeit wegen seines Vorgehens gescholten und angekündigt, die Regierung beabsichtige, die Interessen des Landes zu verteidigen. Die französische Politik bringt sich traditionell bei Wirtschaftsfragen stark ein und stellt nationale Interessen in den Mittelpunkt. Alstom musste zudem bereits einmal von der Regierung gerettet werden. Schon vor zehn Jahren hatte Siemens Interesse, aber Kron und der damalige Finanzminister Nicolas Sarkozy lehnten ab.

Quelle: n-tv.de, mmo/DJ/dpa/rts

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