Wirtschaft

Einmal im Monat früher Feierabend So kämpft Japan gegen Überstunden-Suizide

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Ein junger Mann mit Anzug und Krawatte schläft vor Erschöpfung im Tokioter Stadtteil Asakusa an einer U-Bahn-Station ein.

(Foto: imago/Felix Abraham)

Die Meldung von Japanern, die sich umbringen, weil sie massenweise Überstunden leisten müssen, reißt nicht ab. Nun scheint sich in dem asiatischen Land endlich etwas zu ändern.

"Ich muss am Wochenende schon wieder arbeiten. Ich will wirklich sterben!" Ihre Hilferufe waren im Netz verhallt. Matsuri Takahashi nahm sich am ersten Weihnachtsfeiertag 2015 das Leben. Sie wurde nur 24 Jahre alt. Die Angestellte der Tokioter Werbeagentur Dentsu musste allein im Monat vor ihrem Tod 105 Stunden zusätzlich arbeiten. Zum Vergleich: Der gesamte deutsche Arbeitsmonat hat im Durchschnitt 154 Stunden.

Das war vor über einem Jahr. Anfang 2017, im vierten Jahr nach dem von Ministerpräsident Shinzo Abe ausgerufenen Wandel der Arbeitskultur scheint sich in Japan nun endlich etwas zu bewegen. 15 Unternehmensverbände (darunter auch der große Keidanren mit seinen 1300 Mitgliedsfirmen) starten Ende Februar die Initiative "Premium Friday".

Am jeweils letzten Freitag im Monat sollen alle Arbeitnehmer in Japan um spätestens 15 Uhr Feierabend machen, um das Leben zu genießen – und um einzukaufen. Denn während Abe seit Jahren milliardenschwere Konjunkturprogramme in den Markt pumpt und versucht die heimische Wirtschaft anzukurbeln, dümpeln die Indikatoren des asiatischen Landes nur vor sich her.

Überarbeitung hat einen Namen

Überarbeitung ist in Japan ein großes Problem: Nach OECD-Angaben arbeitet ein Japaner durchschnittlich 1371 Stunden im Jahr zu viel – verglichen mit Deutschland sind dies rund drei Monate mehr. Laut der Regierung überschreitet die Zahl der Überstunden jedes einzelnen Beschäftigten in mehr als 20 Prozent der Unternehmen wöchentlich die 80-Stunden-Marke.

Das Verlangen der Firmen nach Überstunden kommt nicht von ungefähr. Japan ist in der Liste der G7-Staaten das Land mit der geringsten Produktivität. Längst sind es nicht mehr die Technik-Größen aus Fernost, die den globalen Handel bestimmen. Daher hat sich in Japan eine gefährliche Unsitte etabliert, die mittlerweile sogar einen eigenen Namen trägt: "Karoshi" wird der Selbstmord nach Überarbeitung genannt.

Nach Regierungsangaben haben innerhalb eines Jahres versucht, sich 2310 Menschen wegen Überarbeitung das Leben zu nehmen. Der Kampf dagegen scheint eine Sisyphusarbeit zu sein – stopft die Regierung die eine Lücke im Arbeitsrecht, finden die Firmen eine andere, um die monatliche Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter nach oben zu treiben.

Firma fand ein Schlupfloch

Arbeit nach 20 Uhr ist gesellschaftlich mittlerweile verpönt – die nach 22 Uhr verboten. In einigen Firmen wird dann sogar zentral das Licht abgeschaltet. Doch das Brokerhaus Itochu fand schnell einen anderen Weg, um die Mitarbeiter zu Überstunden zu bewegen: Seit 2013 zahlt das Unternehmen Prämien an jene Mitarbeiter, die schon morgens zwischen 5 und 8 Uhr am Schreibtisch sitzen. Die Regierung will das nicht so hinnehmen. Sie will Unternehmen, die über der 80-Stunden-Marke liegen, öffentlich an den Pranger stellen.

Der Fall Matsuri Takahashi hat aber nicht nur landesweit zu einem Umdenken geführt. Auch bei ihrem Arbeitgeber Dentsu ist man in sich gegangen: Chef Tadashi Ishii hat Anfang der Woche seinen Rücktritt erklärt. In der öffentlichen Wahrnehmung ist er diesen Schritt aber wegen eines Bilanzskandals gegangen. In Japan wartet noch viel Arbeit.

Quelle: n-tv.de

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