Wirtschaft

Pimco-Stratege Bosomworth "Sorgen um die Stabilität des Finanzsystems"

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Solten die Europäische Zentralbank und andere Notenbanken ihre expansive Geldpolitik fortsetzen, fürchtet Anleihe-Experte Bosomworth um die Stabilität des gesamten Wirtschafts- und Finanzsystems.

(Foto: picture alliance / dpa)

Festverzinsliche Anleihen von Staaten oder Unternehmen bilden für viele Sparer sowie Versicherungen, Banken und Stiftungen die Grundlage für eine verlässliche Geldanlage. Doch der globale Anleihemarkt ist aus den Fugen geraten. Die Renditen vieler Papiere sind negativ. Das heißt, Investoren zahlen zum Beispiel für deutsche Staatsanleihen mehr als sie inklusive Zinsen zurückerhalten werden. Andrew Bosomworth ist Chefstratege bei Pimco, dem weltgrößten Anleihenhändler, in Deutschland. Im Interview n-tv.de erläutert er, wieso er eine Blasenbildung nicht nur am Anleihemarkt fürchtet und wie ein Kollaps noch abgewendet werden kann.

n-tv.de: Sicherheitsorientierte Anleger und Sparer kaufen lieber Staatsanleihen als Aktien. Inzwischen liegt die Rendite bei Bundesanleihen für alle Laufzeiten im negativen Bereich. Lohnen sich Anleihen überhaupt noch? 

Andrew Bosomworth: Es spricht wenig dafür, eine Anleihe bis zur Fälligkeit zu halten, die eine negative Rendite abwirft. Selbst die 30-jährige Bundesanleihe notiert zur Zeit bei minus 0,11 Prozent, das heißt, Anleger bezahlen dafür, dass sie dem deutschen Staat für drei Jahrzehnte Geld verleihen. Normalerweise sollten Sparer für ihren Verzicht mit einem ansprechenden Zins entlohnt werden. Anleger bekommen bei Anleihen, die im negativen Bereich notieren, bei Fälligkeit weniger zurück als sie ursprünglich verliehen haben. Selbst die 100-jährigen Anleihen aus Österreich und Nordrhein-Westfalen werfen aktuell Renditen von nur 0,7 beziehungsweise rund 1 Prozent ab. Da Anleger aber generell auf der Suche nach Rendite sind, sorgt das aktuelle Zinsumfeld dafür, dass auch in anderen Anlageklassen Geld verstärkt angelegt wird.

Was für Anlagen sind davon betroffen, und was ist das Besondere an der aktuellen Situation?

Am Ende des Tages hängen die verschiedenen Anlageklassen an der Geldpolitik der weltweiten Notenbanken. Sie haben mit ihrer expansiven Politik viel Geld geschaffen, das sich nun im Umlauf befindet. Mit diesem geschaffenen Geld und aufgrund der ebenfalls durch die Notenbanken künstlich niedrigen Renditen für Tagesgeld kaufen Anleger verstärkt risikobehaftete Aktien, Anleihen und Sachwerte wie Immobilien. Gleichzeitig hat es kaum Verbraucherpreisinflation gegeben, was eigentlich das primäre Ziel der Notenbanken ist. Auf die Preise in der Realwirtschaft wirkt die Geldpolitik nur noch sehr eingeschränkt, aber eine ordentliche Inflation hat es bei den erwähnten Anlageklassen gegeben.

Hat die unterschiedliche Entwicklung der Inflation in der Finanz- und Realwirtschaft zu einer Blase bei Anleihen, Aktien und Immobilien geführt?

Mit dem Begriff Blase muss man vorsichtig sein, allerdings gibt es Anzeichen einer Blasenbildung. So sind die Kurse von zahlreichen Staatsanleihen so stark gestiegen, dass sie fundamental kaum gerechtfertigt sind. Die Verzinsung von Anleihen spiegelt eine so niedrige Inflation wider, wie es sie in den vergangenen 140 Jahren nie gegeben hat. Selbst bei einer geringen Inflation wie wir sie derzeit erleben, ist es sehr wahrscheinlich, dass Anleger mit vielen europäischen Staatsanleihen unterm Strich eine negative Real-Rendite erzielen werden - ihre Anlage verliert also Kaufkraft.

Welche weiteren Gefahren bestehen im aktuellen Negativzinsumfeld?

Durch die Notenbankpolitik haben Anleger andere, risikoreiche und Teils illiquide Kapitalanlagen gekauft. Sollte etwa durch Auslöser wie eine Rezession oder eine Eskalation des Handelskonflikts eine schwere Wirtschaftskrise aufziehen, wäre es denkbar, dass Anleger auch die zuvor gekauften Anlagen wieder verkaufen wollen. Doch Banken und andere Finanzinstitute können aufgrund der verschärften Regularien nach der Finanzkrise 2008 nur noch begrenzt solche Papiere auf ihre Bücher nehmen und dürften daher Schwierigkeiten haben, eine Verkaufswelle abzufedern. Hinzu kommt die Auswirkung der negativen Zinsen auf die Wirtschaft. Während Kreditnehmer sich darüber freuen können, stellen die fehlenden Einkommen aus Zinsen große Risiken für Teile der Gesellschaft dar. Auch für Unternehmen, deren Geschäftsmodelle darauf angewiesen sind, vom Ersparten oder der Fristentransformation zu leben - die Altersvorsorgekassen, die Lebensversicherer, die Stiftungen und die Banken zum Beispiel - sind die Risiken groß. Ich mache mir daher Sorgen um die Stabilität des Wirtschafts- und Finanzsystems - sollten die Notenbanken ihre aktuelle Geldpolitik fortsetzen oder gar noch expansiver ausrichten. 

Welchen Ausweg gibt es, um einen Kollaps zu vermeiden?

Die Notenbankpolitik ist allmählich ausgeschöpft beziehungsweise vermag die Wirtschaft und damit die Verbraucherpreisinflation nicht mehr nachhaltig anzukurbeln. Mit anderen Worten: Die Medizin der Notenbanken, die während der Finanzkrise gut geholfen hat, zeigt immer weniger Nutzen und immer stärkere Nebenwirkungen. Das ist nicht nur am abnehmenden Einfluss weiterer Maßnahmen auf die Wirtschaft zu erkennen, sondern auch daran, dass es für Banken im Negativzinsumfeld immer schwieriger wird, etwas zu verdienen. Sie sind insbesondere in Europa gefährdet. Ein Ausweg wäre daher nicht mehr über die Geldpolitik zu versuchen, die Wirtschaft zu stimulieren, sondern über die Fiskalpolitik, also über den Staat. Genau das ist der Grund, aus dem viele Notenbanker derzeit häufiger die Haushaltspolitik in ihren Reden erwähnen.

Mit Andrew Bosomworth sprach Benjamin Feingold

Quelle: n-tv.de

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