Wirtschaft

Sorge um nationale Ikone TGV trifft bizarre Umbenennung

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Der TGV hat 1981 den Betrieb aufgenommen. Bis zum Jahr 2003 transportierte der Zug über eine Milliarde Fahrgäste.

(Foto: imago stock&people)

Hochgeschwindigkeitszüge und der TGV sind gewissermaßen Synonyme: Der Name steht für das vielleicht erfolgreichste Verkehrsprojekt Frankreichs. Ausgerechnet der TGV soll jetzt einen neuen Namen bekommen - und der ist auch noch doppeldeutig.

Für einige in Frankreich klang es erstmal wie ein schlechter Scherz. Der staatseigene Bahnkonzern SNCF verpasst einem Teil seiner TGV-Verbindungen einen neuen Namen: "InOui" - und das Land rieb sich die Augen. Immerhin ist der Hochgeschwindigkeitszug TGV eine nationale Ikone: ein Aushängeschild für Innovation und Modernität à la française. Für einen Twitter-Nutzer schien die Ankündigung so, als würde der Spielkonsolen-Hersteller Nintendo den Titelheld seiner bekannten "Super Mario"-Reihe in Robert umbenennen.

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So soll er aussehen, der neue Hochgeschwindigkeitszug.

(Foto: picture alliance / Philippe Fray)

An diesem Wochenende werden die ersten TGV-Züge unter der Marke "InOui" durchs Land rollen. Zunächst auf der Strecke Paris-Bordeaux, wo eine neue Schnellstrecke von Sonntag an die Fahrtzeit auf gut zwei Stunden verkürzt. Der Name ist ein Wortspiel: "Oui" heißt auf Französisch ja, "inouï" bedeutet beispiellos, außergewöhnlich, unerhört. Die Marke soll ein neues Serviceversprechen ausdrücken und für eine klare Abgrenzung zum Low-Cost-Angebot der SNCF sorgen. Das alles ist Teil eines Plans, um sich im Wettbewerb mit Billigfliegern und den seit Kurzem zugelassenen Fernbussen zu behaupten.

Doch als der Schritt Ende Mai bekannt wurde, erntete die SNCF erst einmal viel Spott. Es entstand der Eindruck, dass sie die international bekannte Marke TGV aufgebe. Ein Radiokolumnist griff den Klang der neuen Marke "InOui" auf und benannte SNCF-Chef Guillaume Pepy in "Monsieur Pépoui" um. "Wir vergeben Ihnen. Aber kehren Sie zum TGV zurück. Ich kaufe Ihnen eine Rückfahrkahrte." Der Bahnkonzern versucht, die Bedenken auszuräumen. "TGV bleibt TGV", versichert Rachel Picard, Leiterin des Geschäftsfelds "SNCF Voyages" und damit verantwortlich für die Hochgeschwindigkeitszüge. "TGV ist das Material, TGV bleibt der Name des Zugs", sagt sie der Deutschen Presse-Agentur, "man wird weiterhin sagen 'Ich bin im TGV'." Es geht aus Sicht des Konzerns vor allem darum, die verschiedenen Angebote klar voneinander abzugrenzen.

"OuiGo" fährt bereits durchs Land

Denn anders als die Deutsche Bahn hat die SNCF vor einigen Jahren eine eigene Billigmarke im Hochgeschwindigkeitsverkehr geschaffen: Unter dem Namen "OuiGo" schickt sie TGV-Züge mit hellblauem Anstrich durchs Land - mit mehr Plätzen, weniger Stauraum, ohne Bar. Tickets gibt es ab 10 Euro, statt in der Hauptstadt Paris selbst halten die Züge an Bahnhöfen im Umland. "OuiGo ist ein klarer Vertrag mit dem Kunden: das Wesentliche der Hochgeschwindigkeit", sagt Picard. Jeder zweite Passagier der Billigmarke sei neu im TGV, eine "Waffe zur Markteroberung". Fünf Millionen nutzten das Angebot im vergangenen Jahr, bis 2020 soll ihre Zahl sich fast verfünffachen.

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"Man nimmt nicht mehr einfach 'den TGV', man wählt den Service, den man will", sagt SNCF-Chefin Rachel Picard.

(Foto: imago/Belga)

Daneben hätten die klassischen TGV-Verbindungen bislang keinen Namen gehabt, argumentiert Picard. Das soll sich nun ändern - und mit einem besseren Service einhergehen. Die "InOui"-Züge sollen neu oder modernisiert sein, ausgestattet mit WLAN. Das Zugpersonal soll für einen besseren Umgang mit den Kunden geschult werden. Bis 2020 sollen alle klassischen TGV-Verbindungen zu "InOui" werden, die SNCF investiert 2,5 Milliarden Euro. "Man nimmt nicht mehr einfach 'den TGV', man wählt den Service, den man will", sagt Picard. "Das ist der große Bruch, den wir wollen."

Ziel der SNCF ist es, die Zahl der Fahrgäste in ihren TGVs bis 2020 um 15 Millionen auf dann 120 Millionen zu steigern. Für den Konzern geht es letztlich auch darum, die Rentabilität zu sichern - trotz Kosteneinsparungen ist die Marge des TGV-Geschäfts zuletzt gesunken. Als Grund nennt Picard stark gestiegene Streckengebühren. 

Professor Jean-Marc Lehu, Marken-Experte an der Universität Panthéon-Sorbonne, wählt klare Worte: Er hält den neuen Namen für einen "echten Marketing-Fehler" - die Marke TGV sei selbst im englischsprachigen Raum bekannt. Und das Wort "inouï" habe im Französischen noch dazu eine doppelte Bedeutung - etwas kann nämlich auch beispiellos negativ sein. Er sieht bereits die Wortspiele beim nächsten großen Streik vor sich. Die SNCF versichert dagegen, dass der Name "InOui" bei Tests am besten angekommen sei.

Der TGV sei eine "heilige Kuh", schrieb die Zeitung "Le Figaro", "ein Idol, das man liebt und das man zu hassen liebt, ein Konzentrat unseres Nationalstolzes und unserer nationalen Frustrationen". Die SNCF kann der Debatte über den neuen Namen auch etwas Positives abgewinnen: "Sicher ist, dass ihm das Bekanntheit verschafft hat", sagt Rachel Picard. Kurz nach Bekanntwerden der neuen Marke habe sie bereits einen Bekanntheitsgrad von 53 Prozent gehabt, "für eine Marke, für die wir null Euro für Werbung ausgegeben hatten". Die Zeitung "Le Monde" sprach bereits von einem Markenstart, der "gleichzeitig verpatzt und gelungen" sei.

Quelle: n-tv.de, Sebastian Kunigkeit, dpa

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