Wirtschaft
Oleg Ljaschko hält wenig von der Geldpolitik Walerina Gontarewas.
Oleg Ljaschko hält wenig von der Geldpolitik Walerina Gontarewas.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 05. März 2015

Währung stürzt ab: Ukrainer schimpfen über Zentralbankchefin

Von Jan Gänger

Um ihren Job ist Walerija Gontarewa nicht zu beneiden. Sie ist Chefin der ukrainischen Zentralbank - und wohl die mit Abstand unbeliebteste Frau des Landes.

Die Bilanz der bisherigen Amtszeit von Walerija Gontarewa wäre für jeden Notenbankchef niederschmetternd: Die Währung im freien Fall, die Inflation schwindelerregend hoch, zahlreiche Banken pleite. Seit Juni vergangenen Jahres leitet die 50-Jährige die Zentralbank der Ukraine - und muss kräftig einstecken.

Im Parlament wurde sie von einem Regierungsmitglied mit Spielgeld beworfen, während sie ihre Geldpolitik verteidigte. Vor der Zentralbank fordern jeden Tag Dutzende Demonstranten Gontarewas Rücktritt und möchten sie im Gefängnis sehen. Möglicherweise wird die Kiewer Staatsanwaltschaft wegen des Absturzes der Landeswährung Hrywnja ein Verfahren gegen die Notenbankchefin einleiten. Boulevardzeitungen veröffentlichten Fotos ihres Sohnes, die ihn in teuren Hotels zeigen. Damit heizten sie die Stimmung gegen Gontarewa an, denn schließlich leiden viele Ukrainer unter dem Krieg.

Zudem steht das Land vor der Pleite. Schuld daran ist Gontarewa nicht, aber ihr werden Währungsverfall und Inflation angelastet. Als sie im Juni vergangenen Jahres ihr Amt antrat, gab es für einen Dollar 12 Hrywnja, zwischenzeitlich gab es 30, derzeit knapp 25. Die Inflationsrate kletterte von 12 auf 25 Prozent – Tendenz steigend. Der starke Wertverlust der Hrywnja ließ das Durchschnittseinkommen in der Ukraine mittlerweile auf umgerechnet 130 Euro abstürzen. Vielen Menschen reicht das Geld oft nicht mehr für das Nötigste. Und Rentner fragen sich, wie sie mit 50 Euro im Monat über die Runden kommen sollen.

Gotantarewa gibt sich derweil optimistisch. "Wenn wir den Panikfaktor beseitigen, werden die Zahlen wieder dahin zurückkehren, wo sie hingehören", sagt sie. Doch die Notenbank vermittelt den Eindruck, angesichts der massiven Probleme selbst langsam die Nerven zu verlieren: Am Dienstag hob sie den Leitzins von 19,5 auf 30 Prozent an.

Damit will sie die Hrywnja stützen. Je höher der Leitzins ist, umso attraktiver ist eine Währung für Investoren. Die Kehrseite: Kredite werden noch teurer. Schon vor dem Zinsschritt wurden mehr als 20 Prozent, teilweise 30 Prozent Zinsen verlangt. Für die bereits schwache Konjunktur ist das Gift.

Brotpreise steigen

Dem Land droht wirtschaftlich und finanziell der Zusammenbruch. Der Staatshaushalt wird durch den Krieg im Osten des Landes schwer belastet. Im vergangenen Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt um 7,5 Prozent, allein im vierten Quartal um 15,2 Prozent. Für dieses Jahr wird ein Rückgang um 5 Prozent vorhergesagt, doch sind solche Prognosen angesichts der Kämpfe sehr unsicher. Wichtige Fabriken liegen still, zudem lastet der Einbruch des Handels mit Russland schwer auf der Ukraine, die Industrieproduktion brach im Januar um 25 Prozent ein. Auch die höheren Gaspreise, die Moskau verlangt, tragen zu der Krise bei.

Der Internationale Währungsfonds und die EU stellen dem Land vor diesem Hintergrund Kredite in Höhe von 40 Milliarden Dollar in Aussicht. Im Gegenzug verlangt der IWF Reformen und einen strikten Sparkurs.

Um einen Bankrott der Ukraine zu verhindern, hatten die Geber dem Land schon im vergangenen Frühjahr Hilfskredite von 27 Milliarden Dollar zugesagt. Der Währungsfonds steuert davon 14 Milliarden Euro bei. Die Hilfen reichten aber nicht aus

Für das neue Programm gebe es wegen des Konflikts in der Ostukraine ein "hohes Risiko", sagte IWF-Chefin Christine Lagarde. Die bereits umgesetzten Reformen - etwa drastische Preiserhöhungen für bislang hoch subventioniertes Gas und Öl - zeigten aber die Entschlossenheit der Regierung in Kiew. Überdies steige auch die internationale Unterstützung.

Bei vielen Ukrainern dürften die Forderungen des IWF auf wenig Gegenliebe stoßen. So wurden in Kiew die Tarife für U-Bahn, Busse und Straßenbahnen verdoppelt. Die Brotpreise stiegen deutlich. Auch die Kosten für Energie wurden massiv erhöht. Nun stehen in der Ukraine weitere Einschnitte bevor.

Die Verhandlungen mit dem IWF dürften ein wesentlicher Grund sein, warum Notenbankchefin Gontarewa noch im Amt ist und Präsident Petro Poroschenko an ihr festhält. Die ehemalige, erfolgreiche Investmentbankerin hat bewiesen, dass sie vor unpopulären Schritten nicht zurückschreckt. Außerdem setzt der Staatschef kurz vor der Freigabe des Geldes auf Kontinuität. Der IWF will am 11. März über die Kredite entscheiden.

Doch angesichts der Unbeliebtheit Gontarewas könnte Poroschenko sie bald fallenlassen. Dazu muss er das Parlament um Zustimmung bitten, doch die Antwort der Abgeordneten scheint bereits festzustehen. Am vergangenen Montag hing im Parlament ein Banner mit den Worten: "Feuert Gontarewa, die Diebin."

Quelle: n-tv.de

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