Wirtschaft

Dax über 15.000 Punkte Warum ignoriert die Börse die Realwirtschaft?

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Ob der Dax gerade die 15.000-Punkte-Marke überschreitet oder nicht, ist für professionelle Investoren egal. Sie haben ihre eigenen Kennziffern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit dem Impfen geht es nicht voran, die Politik bekommt die Pandemie nicht in den Griff, Einzelhandel und Gastronomie stehen vor dem Kollaps. Und die Spekulanten füllen sich ihre Taschen an der Börse. Doch Profianleger interessiert das alles nicht. Warum?

Durchbricht ein wichtiger Aktienindex eine glatte Marke nach oben oder unten, dann ist die öffentliche Aufregung immer groß. Für professionelle Investoren ist es hingegen vollkommen egal, ob der Dax gerade die Marke von 15.000 Punkten überschritten hat oder nicht. Für sie gelten ganz andere Kennziffern als das, was nun wieder in gewohnt hilfloser Erklärungsnot als "psychologisch wichtige Marke" oder "Schallmauer" beschrieben wird. Wichtig ist für Profis nicht der Stand des Dax, sondern seine Bewertung, die Wachstumsperspektiven oder die Dividendenrendite. Technisch orientierte Anleger schauen vielleicht auf die 200-Tage-Linie oder ob sich eine Kopf-Schulter-Formation ausbildet, nicht aber auf glatte 1000er-Stellen.

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Und doch wird der erstmalige Sprung über 15.000 Punkte im bekanntesten deutschen Aktienindex eine Diskussion auslösen. Wie kann es sein, dass der Aktienmarkt sich von der realen Wirtschaft so entkoppelt hat? Es geht mit dem Impfen nicht voran, die Politik bekommt die Pandemie nicht in den Griff, Einzelhandel und Gastronomie stehen vor dem Kollaps. Und die Spekulanten füllen sich ihre Taschen an der Börse, so wird zu hören sein.

Für diese deutsche Nabelschau in Verbindung mit Börsen-Patriotismus werden professionelle Investoren, welche die Richtung am Markt bestimmen, kein Verständnis aufbringen. Für sie spielt es keine Rolle, ob in Thüringen an Ostern geimpft wird, in Tübingen eingekauft werden darf oder wer was in der CDU sagt. Anders, als gern geschrieben wird, gibt es keinen "Frankfurter Aktienmarkt". Natürlich wird noch immer ein Gutteil der Aktien deutscher Unternehmen über die Systeme der Deutschen Börse mit Sitz in Eschborn bei Frankfurt gehandelt. Doch die Richtung des Dax hängt nicht davon ab, was politisch oder wirtschaftlich hierzulande gerade für Aufregung sorgt.

Doch weil viele Deutsche lieber keine Aktien kaufen, nutzen eben Investoren aus aller Welt die Gunst deutsche Aktien zu kaufen. Das bedeutet aber auch: Der deutsche Aktienmarkt und damit der Dax, fälschlich oft als Leitindex bezeichnet, folgen dem globalen Trend. Und den Takt geben immer noch die Big Boys der Wall Street vor, die vermutlich mit den Namen Armin Laschet oder Markus Söder nichts anfangen können. Warum sollten sie sich auch intensiv mit einer kleinen Nische am Kapitalmarkt wie dem Dax befassen? Für sie zählt das Große: die US-Volkswirtschaft und damit ihr "eigener" Heimat-Aktienmarkt, der um die 60 Prozent der globalen Marktkapitalisierung ausmacht. Das mag einigen nicht schmecken, aber so liegen eben die Gewichte.

Während sich hierzulande eine Pandemie- und Impfchaos-Depression ausbreitet, zeigen sich die USA zupackend optimistisch. Schon in wenigen Wochen könnte dort eine Herden-Immunität gegen Covid19 erreicht sein, und dann wird ein gigantisches Konjunkturprogramm die weltgrößte Volkswirtschaft aus der Krise ziehen. Dieser Optimismus ist es, der den Aktienmarkt nach oben treibt und der auch auf den Dax ausstrahlt. Der Index enthält schließlich einige Unternehmen, die exportstark sind und überdurchschnittlich von einer Erholung der Weltwirtschaft profitieren, egal wie zu Hause gerade die Impfdebatte läuft.

Der Dax folgt dem globalen Trend

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Global betrachtet ist der Dax ein lokaler Nischenindex, der je nach Betrachtungsweise zwischen drei und vier Prozent des weltweiten Aktienmarktes ausmacht, trotz Schwergewichten wie Volkswagen oder SAP. Und tatsächlich könnte VW der entscheidende Kurstreiber für den Sprung über 15.000 Punkte im Dax sein, denn immer mehr Anleger realisieren, dass die Wolfsburger und nicht Tesla der eigentliche Sieger des Umstiegs auf Elektromobilität sein könnten. In Blogs wird schon darüber diskutiert, ob die VW-Aktie auf 1000 Euro steigen könnte.

Realwirtschaft und Börse laufen also in die gleiche Richtung. Für Anleger viel wichtiger als die 15.000 Punkte im Dax ist also, ob der wichtige US-Leitindex S&P 500 bald schon über die Marke von 4000 Punkten steigt oder nicht. Dass die US-Investoren die Stimmung vorgeben, gilt nach oben wie nach unten.

Schon am Montag hatte es Befürchtungen geben, die Vorgänge rund um den hoch verschuldeten Hedgefonds Archegos Capital Management könnten eine Korrektur an den Aktienmärkten auslösen. Die Indizes hielten sich stabil, doch das muss nicht immer so bleiben. Während zuletzt über den Aktienhype bei Privatanlegern reichlich diskutiert wurde, legte der Fall Archegos ein tiefergehendes Problem dar: schuldenfinanzierte Wetten großer Investoren wie Hedgefonds. Privatanleger verzocken schlimmstenfalls ihre Urlaubskasse oder die Altersvorsorge. Das sind individuelle Katastrophen, aber für das Finanzsystem nicht relevant. Denn die Banken stecken hier nicht mit drin. Hingegen haben sie hohe Summen an Hedgefonds verliehen, die auf Pump am Aktienmarkt unterwegs sind.

Im Fall Archegos ist nichts am Gesamtmarkt passiert, das muss beim nächsten, ähnlich gelagerten Fall aber nicht so bleiben. Dann könnte der heutige Dax-Höchststand von 15.104Punkten (Stand 1. April, Anmerkg. der Red.) tatsächlich für lange Zeit bestehen bleiben.

Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de



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Quelle: ntv.de

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