Wirtschaft

Griechenlands Finanzminister Wie Tsakalotos die Gläubiger besänftigte

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Einst war Euklid Tsakalotos der Sozius von Yanis Varoufakis. Jetzt gibt er den Kurs vor.

(Foto: REUTERS)

Ein halbes Jahr lang verzweifeln die Griechen an der harten Verhandlungsposition ihrer Geldgeber, und die verzweifeln an Yanis Varoufakis. Dann kommt Euklid Tsakalotos – und auf einmal gibt es Ergebnisse.

Der ehemalige und der aktuelle griechische Finanzminister stehen sich sehr nahe. Geradezu sinnbildlich ist ein Foto aus dem April, dass die beiden zusammen auf einem Motorrad zeigt: Vorne sitzt Yanis Varoufakis, damals Finanzminister, hinten sitzt Euklid Tsakalotos, der später sein Nachfolger wurde. Der selbstbewusste Varoufakis bestimmte damals den Kurs, Tsakalotos war aber schon immer im Hintergrund, wurde auch als das "Gehirn hinter Syrizas Wirtschaftspolitik" bezeichnet. Als Varoufakis zurücktrat, wünschte er sich Tsakalotos als Nachfolger. Den wartenden Journalisten rief er zu: "Ich sehe euch morgen mit Euklid. Ich hoffe, es ist Euklid." Als es dann tatsächlich so kam, gratulierte Varoufakis mit einer herzlichen Umarmung.

So freundschaftlich wie beide miteinander umgehen, so eng liegen auch ihre finanzpolitischen Vorstellungen beieinander. Tsakalotos ist ein Kritiker "neoliberaler" Politik, von der Griechenland seiner Meinung nach in den letzten Jahrzehnten nicht zu wenig, sondern zu viel abbekommen hat. In Tsakalotos' Arbeitszimmer an der Wirtschaftsuniversität Athen hin angeblich ein Che-Guevara-Plakat. Wie Varoufakis bezeichnet er sich als "Marxist".

Varoufakis durch Tsakalotos zu ersetzen, kann keine große Veränderung bringen, hätte man meinen können. Trotzdem markiert der Wechsel im Finanzministerium den Wendepunkt in den Griechenland-Verhandlungen. Davor hatte sich die Rhetorik auf beiden Seiten immer weiter aufgeladen. Varoufakis wurde als "Spieler" bezeichnet, warf den Begriff des "Terrorismus" zurück. Beide Seiten unterstellten sich gegenseitig, in ihren Reformvorschlägen immer nur das gleiche zu fordern und sich nicht auf die andere Seite zuzubewegen. Den Gipfel des Dissens' bildete das Referendum, bei dem die Syriza-Regierung das Volk dazu aufrief, sich gegen die EU-Sparvorschläge auszusprechen.

Varoufakis war für die neue Aufgabe nicht geeignet

Viele hielten in diesem Moment einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone für unumgänglich. Doch mit dem Finanzminister wechselte Ministerpräsident Alexis Tsipras auch seine Strategie. Er entließ weitere Regierungsmitglieder, die zum linken Flügel seiner Partei zählen und ersetzte sie durch Getreue. Das Ziel hieß von nun an: Eine Einigung mit den Geldgebern, selbst wenn Syriza dann die Politik umsetzen muss, die sie im Wahlkampf abgelehnt hatte, selbst wenn sich die Partei deswegen spalten sollte.

Varoufakis konnte diesen Kursschwenk nicht umsetzen, dazu hatte er sich in zahlreichen Interviews zu sehr auf seine Position versteift. Außerdem hatten er in den sechs Monaten, die er in der Regierung verbracht hatte, einige Schwächen gezeigt: Er ist nicht Mitglied von Syriza, in Athen schlecht vernetzt und fiel unangenehm durch dekadent wirkende Homestorys auf. Sein Bedürfnis, die griechische Position in Interviews zu erklären, sich also direkt an die Völker der Geberstaaten zu wenden, wurde in den Hauptstädten immer wieder als Affront und Besserwisserei verstanden.

Zwei Deutungen der Geschichte

Tsakalotos macht es ganz anders als sein Vorgänger: Kein einziges Interview hat er seit seinem Amtsantritt gegeben, zumindest keines, das in der internationalen Presse Aufmerksamkeit erregt hätte. Sparvorschläge kamen seitdem immer pünktlich bei den Verhandlungspartnern an, Diplomaten lobten die angenehme Atmosphäre, und selbst die eigentlich verhassten Vertreter der Institutionen sagen, dass sie in Athen nun besser aufgenommen würden.

Das Ergebnis: Griechenland hat innerhalb eines Monats mit seinen Geldgebern ein drittes Hilfspaket ausgearbeitet, das nun fristgerecht unterschriftsreif ist. Die Sparauflagen übersteigen das, was die Institutionen vor dem Referendum angeboten hatten. Linke Politiker kritisieren die Vorgaben als viel zu hart. Dafür ist aber die Finanzierung über mehrere Jahre gesichert und das Sparziel heruntergeschraubt worden. Und vor allem: Zwischen Griechenland und seinen europäischen Partnern scheint wieder ein Vertrauensverhältnis zu entstehen, was für die Zusammenarbeit unendlich wichtig ist.

War die EU die ganze Zeit zum Kompromiss bereit und brauchte nur einen verlässlichen Verhandlungspartner? Man kann die Geschichte so deuten. Vielleicht brauchten die Euro-Minister aber auch den Kopf von Varoufakis als Trophäe, um zu Hause ihre Verhandlungsmacht zu beweisen und waren erst danach bereit, Kompromisse anzubieten. Und Tsakalotos musste nur noch zugreifen.

Quelle: ntv.de

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