Marktberichte

Auftakt für harten Börsenwinter? Dax schließt tief verunsichert

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Das beruhigende Grün verblasst: Alarmierende Rot-Töne kündigen Veränderungen an.

(Foto: picture alliance / dpa)

Belastet von düsteren Wirtschaftsaussichten und der neuen Angst im Bankensektor setzt der deutsche Aktienmarkt seine Talfahrt fort: Die Erholung aus der Vorwoche ist fast komplett dahin. Im Leitindex brechen vor allem konjunkturnahe Werte ein. Banken halten sich vergleichsweise stabil.

Unter dem doppelten Druck von Schuldenangst und Konjunktursorgen hat der deutsche Aktienmarkt den zweiten Tag der Woche tief im Minus abgeschlossen. Der deutschen Leitindex Dax ging 2,98 Prozent tiefer bei 5216,71 Punkten aus dem Handel. Der MDax sank um 4,66 Prozent auf 7783,14 Punkte und markierte damit den tiefsten Stand seit Juni 2010. Der TecDax beendete den Dienstagshandel 2,94 Prozent im Minus bei 626,22 Punkten. Das Tagestief der Techtitel liegt bei 617 Punkten. So tief stand der TecDax seit 2009 nicht mehr.

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Der Konjunktursommer ist vorbei.

(Foto: REUTERS)

Der Eurostoxx50 verlor 2 Prozent auf 2094,69 Zähler. Auch der CAC40 in Paris und der Londoner FTSE 100 gaben deutlich nach. An der Wall Street lag der US-Standardwerteindex Dow Jones zum Börsenschluss in Deutschland 1,6 Prozent im Minus. Der MSCI-Weltindex fiel zeitweise auf ein 15-Monats-Tief von 264,64 Punkten.

Aus Furcht vor einer Ausweitung der Schuldenkrise mit neuerlichen Erschütterungen im Bankensektor hätten sich Anleger in großem Stil von Dividendenpapieren getrennt, kommentierten Beobachter die Lage. Unter Verkaufsdruck standen unter anderem die Banken, nachdem das belgisch-französische Kreditinstitut Dexia im Strudel der griechischen Schuldenkrise in Schieflage geraten war. Was wir sehen, ist, dass sich Investoren die Banken herauspicken", sagte Analyst Justin Urquhart Stewart von Seven Investment Management. "Und Dexia ist die schwächste. Die Politiker müssen jetzt hinter den Banken stehen und das System am Leben halten. Andernfalls droht uns eine neue Finanzkrise." In Berlin lösten die Spannungen im Finanzsektor eine Debatte um eine Neuauflage des 480 Mrd. Euro schweren staatlichen Banken-Rettungsfonds SoFFin aus.

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Die Aktien der Deutschen Bank schlossen 4,3 Prozent tiefer bei 24,63 Euro aus dem Handel und zählten damit bei weitem nicht zu den stärksten Tagesverlierern. Deutschlands größtes Geldhaus hatte zuvor die Geschäftserwartungen für das laufende Jahr nach unten korrigiert. "Das kommt allerdings nicht unerwartet", sagte ein Händler mit Blick darauf, dass das dritte Quartal unter den Erwartungen liege und das angestrebte Jahresergebnis von 10 Mrd. Euro wohl nicht mehr erreicht werde. Und weil das nicht unerwartet komme, könnten sich sowohl Deutsche Bank als auch Dax wieder fangen, meinte er.

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Ein weiterer Händler meint, der Markt sei gut darauf vorbereitet worden, bei den ersten Berichten vergangene Woche habe der Kurs noch bei 28 Euro gelegen. "Das kommt nicht aus heiterem Himmel", bestätigte er die Einschätzung seiner Kollegen. Möglicherweise gehe es nun nach dem "'Selling the Rumour' um 'Buying the Fact'", ergänzte er. Dazu müsse sich der Kurs allerdings um 24 Euro fangen. Die Aktien der Commerzbank gaben 3,9 Prozent nach auf 1,69 Euro. Börsenbriefautor Hans Bernecker sieht vor allem Pläne für einen höheren Forderungsverzicht ausländischer griechischer Gläubiger als Belastung für die Portfolios von Banken und Versicherern.

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Neue Schwierigkeiten auf dem Weg zur Fusion mit der Nyse Euronext bringen die Aktien der Deutschen Börse unter Druck. Die Titel fielen 3,7 Prozent zurück auf 36,10 Euro. Bisher unbestätigten Angaben zufolge will die EU noch im Lauf der Woche der Fusion offiziell widersprechen. "Ich glaube, das ist halb so schlimm", sagte ein Händler. "Ich gehe davon aus, dass die EU lediglich weitere Bedingungen an die Fusion knüpfen wird; also zum Beispiel Bedingungen an eine Entflechtung im Bereich des Derivatemarkts." Die Aktien holten einen Teil der Verluste recht schnell wieder auf und lagen zuletzt rund 4 Prozent im Minus.

Schwächster Wert im Leitindex waren am Dienstag die Aktien des Baustoffkonzern Heidelbergcement mit einem Abschlag von 8,9 Prozent auf 24,57 Euro. Dahinter gaben die Aktien von MAN und VW deutlich mehr als 7 Prozent ab. ThyssenKrupp und Daimler schlossen jeweils fast 6 Prozent im Minus. Lufthansa, BMW, Merck und K+S gaben jeweils mehr als 4 Prozent ab. Beobachter verwiesen auf die grundsätzlichen Konjunkturzweifel, die - ausgelöst von schwachen konjunkturdaten aus China - nun nahezu alle exportorientierten Unternehmen unter Druck setzten.

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Ein großer Tag für Interbrand, ein schwacher Tag für den Aktienmarkt.

(Foto: REUTERS)

Nach einem schwachen Auftakt und zum Teil schweren Kursverlusten im MDax hatte sich die Stimmung im Frankfurter Aktienhandel auch am Nachmittag nicht wesentlich aufgehellt. Hoffnungen, dass Fed-Chef Ben Bernanke als oberster Währungshüter im Dollar-Raum neue Maßnahmen zur Stützung der US-Wirtschaft und damit der Finanzmärkte bekannt geben könnte, wurden enttäuscht. Vielmehr habe der Chef der Federal Reserve (Fed) nur Aussagen bestätigt, die bereits in der Vergangenheit getätigt worden seien, hieß es im Handel.

Der US-Notenbankchef hielt in einer Anhörung vor Vertretern des Repräsentantenhauses die Tür für eine Ausweitung der geldpolitischen Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur weiterhin offen. Die Fed sei bereit zu weiteren Schritten, zugleich sei die Geldpolitik aber kein Allheilmittel. Erneut appellierte Bernanke an die Politik. Ein Händler spricht von einer gewissen Hilflosigkeit. "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Bernanke die Hände gebunden sind", heißt es. Der etwas unter den Erwartungen ausgefallene Auftragseingang der US-Industrie für den Monat August spielt indes keine Rolle.

Belastet wurde der Markt zudem von den Venizelos lässt Dampf aus Kessel in den Rettungsbemühungen für Griechenland: Mit der nächsten Kredittranche aus dem Rettungspaket kann das hoch verschuldete Land nun wohl erst im November rechnen. "Die Unsicherheit geht weiter und das ist nichts, was der Markt derzeit gebrauchen kann", sagte ein Händler. Die Euro-Finanzminister warteten noch den Bericht der Troika von EU, EZB und Internationalem Währungsfonds ab, erklärte Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker den neuen Zeitplan. Anleger hatten auf eine Entscheidung in diesem Monat gehofft.

"Juncker hat die nächste Tranche an Hilfsgeldern für Griechenland jetzt erst für November in Aussicht gestellt. Das bedeutet, dass sich die Hängepartie und damit die Unsicherheit weiter fortsetzt", sagt ein Händler. Zudem könnten die Banken stärker am Rettungspaket beteiligt werden. Ein ursprünglich für den 13. Oktober geplantes Treffen der Finanzminister zum Thema Griechenland wurde kurzerhand abgesagt.

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Schwacher Feiertagshandel: Der Dax am Tag der deutschen Einheit.

(Foto: REUTERS)

Im MDax beschleunigte EU-Urteil über Fußball-Exklusivausstrahlungen im TV die Talfahrt von Sky Deutschland. Die Papiere büßten 7,9 Prozent ein auf 1,63 Euro. Nach Auffassung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) müssen Fernsehzuschauer nicht mehr unbedingt einen einheimischen Pay-TV-Sender abonnieren, um sich Fußball-Übertragungen anzuschauen. Die Fußballfans dürfen auch auf ausländische Fernseh-Anbieter zurückgreifen. Für den Bezahlfernseh-Konzern Sky Deutschland bedeute das mehr Wettbewerb, sagte ein Händler.

Außerhalb des Aktienmarkts griffen die Investoren auf der Suche nach sicheren Anlagen erneut zu Bundesanleihen. Der Bund-Future legte bis zu 136 Ticks auf 138,80 Punkte zu und lag damit nur noch rund 50 Ticks unter seinem bisherigen Rekordhoch vom September. Der Eurokurs erholte sich nach den Bernanke-Aussagen etwas und notierte zuletzt bei 1,3281 US-Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs gegen Mittag noch auf 1,3181 (Montag: 1,3327) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,7587 (0,7504) Euro.

Symbolbeladene Kuriosität

Gleichzeitig kratzte die Diskussion um die Rettung Griechenlands am Image Deutschlands als solventem Schuldner. Die Absicherung eines zehn Millionen Euro schweren Pakets von Bundesanleihen per Credit Default Swap (CDS) stieg den zweiten Tag in Folge auf ein Rekordhoch von 121.000 Euro, teilte der Datenanbieter Markit mit. "Es sieht so aus, als trage Deutschland immer mehr die von den Peripherieländern ausgehenden Risiken", sagte Volkswirtin Jennifer McKeown von Capital Economics.

Am Rande der Gespräche um die Folgen einer möglicherweise bevorstehenden "Finanzkrise 2.0" wiesen Börsianer auf eine Kuriosität am Rande hin: Am Montag hatte der S&P500-Index bei 1099,23 Punkten geschlossen - dem exakt gleichen Stand wie am 3. Oktober 2008. Damals fiel sein Kurs bis zum Jahresende noch um 18 Prozent. "Das ist natürlich ein kompletter Zufall", betonte Christian Keilland, Chef-Händler des Brokerhauses BTIG in Hongkong. "Aber es sieht danach aus, dass - wo immer die Reise hingeht - es schneller, härter und rauer wird."

Die Umsätze steigen

Die Turbulenzen rund um die griechische Schuldenkrise haben den Umsatz an den wichtigsten deutschen Börsen im September in die Höhe getrieben. Auf den Handelssystemen Xetra und Xetra Frankfurt Spezialist wurden Papiere im Volumen von 131,6 Mrd. Euro ge- und verkauft, teilte die Deutsche Börse mit. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sei dies ein Plus von 26,7 Prozent. Die Zahl der Orders kletterte auf Xetra um 56,5 Prozent auf 16,2 Millionen einzelne Anweisungen.

Auf Aktien entfiel den Angaben zufolge ein Umsatz von 108,4 Mrd. Euro, auf Anleihen 1,6 Mrd. Euro und auf strukturierte Produkte 3,1 Mrd. Euro. Im Handel mit Publikumsfonds und Exchange Traded Funds (ETFs) habe der Orderbuchumsatz bei 18,6 Mrd. Euro gelegen. Umsatzstärkster Dax-Wert sei die Deutsche Bank mit einem Umsatzvolumen von 8,3 Mrd. Euro Gewesen, hieß es. Bei den ETFs habe der iShares Dax die Tabellenspitze inne gehabt.

An der Terminbörse Eurex wurden im September pro Tag durchschnittlich 12,4 Mio. Kontrakte gehandelt , wie die Deutsche Börse weiter mitteilte. "Der Anstieg von etwa 25 Prozent im Jahresvergleich beruht unter anderem auf dem infolge der europäischen Schuldenkrise gestiegenen Absicherungsbedarf der Marktteilnehmer." Wichtigstes Segment seien Aktienindex-Derivate. Von diesen wurden den Angaben zufolge im vergangenen Monat insgesamt 112,6 Mio. gehandelt, ein Plus von 62 Prozent im Jahresvergleich. Der Dax-Future markierte mit 5,5 Mio. gehandelten Kontrakten den besten Monatswert des Jahres.

Quelle: n-tv.de, mmo/DJ/dpa/rts

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