Marktberichte

EZB setzt Null vor das Komma Draghi dreht Dax ins Minus

2012-06-29T125119Z_01_AD02_RTRMDNP_3_GERMANY.JPG9160350573382354925.jpg

(Foto: REUTERS)

Seit Tagen fiebern Investoren der Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank entgegen, nun bekommen sie die erhoffte Senkung - und der Dax rutscht ins Minus. Kurse machen aber nicht nur EZB-Entscheidungen, sondern etwa auch Volkswagen, die bei der Porsche-Übernahme dank eines Steuertricks auf die Tube drücken können.

DAX
DAX 14.490,30

Die Schuldenkrise in Europa hat die Währungshüter zu einer Zinssenkung auf einen historischen Tiefststand getrieben. Erstmals in der Geschichte der EZB senkte die Zentralbank den Leitzins auf 0,75 Prozent und verbilligte damit den Zugang für Banken zu frischem Zentralbankgeld. Nach viel Vorschusslorbeeren in den vergangenen Tagen fehlte dem Markt nun Kraft für weiter steigende Kurse, was den Markt unter Druck setzte.

Der Dax beendete den Handel mit einem Kursminus von 0,4 Prozent bei 6535,56 Punkten. Vor der Zinsentscheidung hatte der Leitindex zwischenzeitlich bis auf 6641 Zähler zugelegt. Für den MDax ging es um 0,8 Prozent abwärts auf 10.606,38 Punkte. Der TecDax verlor 0,3 Prozent auf 770,89 Punkte.

"Draghi hat auf der Pressekonferenz kein Kaufargument für Aktien geliefert", so ein Händler. Das Wachstum in der Eurozone sei schwach, dass stelle aber keine Überraschung dar. "Es gibt erst mal keine weitere 'dicke Bertha'", so ein anderer Händler mit Verweis auf ausgebliebene Hinweise auf einen erneuten EZB-Langfristtender. Damit habe die EZB mit dem Senkung der Leitzinsen um 25 Basispunkte zu wenig geliefert, nun würden im Dax erst einmal Gewinne mitgenommen.

Mancher Börsianer hatte bereits im Vorfeld der Zinsentscheidung damit gerechnet, dass es nach Fakten zu Kursverlusten kommen würde. Das Prinzip "Kaufe bei Gerüchten, verkaufe bei Fakten" wird am Aktienmarkt oft beobachtet.

Neben dem Leitzins, zu dem Banken sich Geld bei der EZB leihen können, senkten die Währungshüter auch den Einlagenzinssatz. Wenn Banken Geld bei der EZB parken, erhalten sie dafür künftig statt bislang 0,25 Prozent nun keinerlei Verzinsung mehr - der Satz sinkt auf 0,0 Prozent. Damit will die EZB verhindern, dass Banken ihr Geld lediglich bei der EZB zu parken. "Die Senkung des Zinses für die Einlagefazilität kommt für uns völlig überraschend", sagte ein Geldhändler in Frankfurt. "Ich bin gespannt, wie der Geldmarkt damit umgehen wird. Viele hatten der EZB ja empfohlen, den Zins nicht auf null zu senken. Denn ob damit die Banken dazu gezwungen werden können, einander zu vertrauen, bezweifele ich", sagte er.

Kurz vor der EZB-Entscheidung hatte die Bank of England ihren Leitzins mit 0,5 Prozent beibehalten. Wie von zahlreichen Ökonomen erwartet, stockte die Zentralbank allerdings ihr Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen um 50 Mrd. auf dann 375 Mrd. Pfund auf.

Überraschend hatte zudem die chinesische Zentralbank ihre Geldpolitik gelockert. Die People's Bank of China senkte den einjährigen Ausleihsatz um 31 Basispunkte und den einjährigen Einlagensatz um 25 Basispunkte. Zuletzt hatten die chinesischen Währungshüter die Leitzinsen Anfang Juni gesenkt, die erste Senkung seit Dezember 2008.

Keine Unterstützung für den deutschen Aktienmarkt lieferten die deutlich oberhalb der Erwartung ausgefallenen ADP-Arbeitsmarktdaten aus den USA. Der Arbeitsmarktdienstleister meldete einen Stellenzuwachs von 176.000 Stellen per Juni, auch der Vormonat wurde deutlich nach oben revidiert. "Damit hat der offizielle Arbeitsmarktbericht erst einmal positives Überraschungspotenzial", erwartet Ralf Umlauf, Marktexperte der Helaba. "Damit steht die Fed zunächst nicht unter Druck, QE3 aufzulegen", so ein Händler.

VW fährt allen davon

Bei den Einzeltiteln sorgte vor allem der überraschend frühe Zusammenschluss von Volkswagen und Porsche schon zum 1. August für steigende Kurse. Vor allem die VW-Aktionäre freuten sich, der Kurs der im Dax notierten Vorzugsaktie raste mit einem Plus von 5,1 Prozent allen davon. Zwischenzeitlich notierten die Papiere sogar beinahe doppelt so stark im Plus. "Mit der beschleunigten Integration werden Synergieeffekte noch früher gehoben - das gefällt dem Markt", fasste ein Händler zusammen. Die in keinem großen Index notierten Porsche-Titel schlossen nach anfänglichen Zuwächsen hingegen 1,2 Prozent im Minus. Die Aussicht auf eine immer stärkere Verzahnung der einzelnen Konzernteile drückte sich auch bei MAN in steigenden Kursen aus, die Papiere legten um 1,3 Prozent zu.

Daneben gehörten eher defensive Aktien zu den Gewinnern. Für Fresenius Medical Care ging es um 0,5 Prozent aufwärts, der Konsumgüterkonzern Henkel verbuchte ein Tagesplus von 1,0 Prozent.

Keine Kursreaktion löste dagegen ein Bußgeld gegen den Stahlkonzern ThyssenKrupp aus. Die Papiere gehörten mit 2,0 Prozent Minus zwar zu den größeren Verlierern, allerdings waren die Aktien erst am Nachmittag mit dem Gesamtmarkt unter Druck geraten. Das Bundeskartellamt verhängte gegen vier Produzenten und Lieferanten von Schienen eine Strafzahlung von insgesamt knapp 125 Mio. Euro, darunter auch gegen ThyssenKrupp. Über viele Jahre hätten sich die Lieferanten gegenseitig nahezu konstante Quoten am Auftragsvolumen der Deutschen Bahn zugesichert, so die Wettbewerbshüter.Nach der Entscheidung am Vormittag verbuchten die Papiere zunächst Kurszuwächse.

Zu den Verlierern zählten die Aktien des Pharma- und Spezialchemiekonzerns Merck. Ein erneuter Rückschlag beim Krebsmedikament Erbitux vergraulte die Anleger, die Papiere sanken um 2,3 Prozent.

Kursverluste verbuchten auch Finanztitel. Für die Commerzbank ging es um 2,4 Prozent nach unten, die Deutsche Bank sackte um 1,6 Prozent ab. Tagesverlierer im Dax war der Industriegasekonzern Linde, der sich um 3 Prozent verbilligt.e

Im SDax trieb die Erleichterung über eine Einigung des Hauptaktionärs mit dem Vorstand auf ein Sanierungskonzept die Praktiker-Aktien zeitweise deutlich in die Höhe. Bei Handelsschluss war mit 2,7 Prozent Aufschlag nur noch ein Bruchteil davon übrig. Schon am Morgen warnten einige Börsianer sogar vor späteren Verlusten, denn letztlich drohe eine Kapitalerhöhung. Der Preis der jungen Aktien dürfte niedriger als der aktuelle liegen, erklärte DZ-Bank-Analyst Herbert Sturm. "Dies könnte zu erneutem Kursdruck auf die Praktiker-Aktie führen", fügte er hinzu. Sturm sieht den fairen Wert von Praktiker bei einem Euro.

Quelle: ntv.de, nne/rts

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen