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Studie: Potenzial gegen SuchtAbnehmspritze könnte auch Alkoholkranken helfen

06.05.2026, 12:02 Uhr
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Testpersonen reduzierten laut Studie ihren Konsum deutlich. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Der gegen Diabetes und Adipositas bekannte Wirkstoff Semaglutid könnte Menschen mit Alkoholproblemen helfen. Eine neue Untersuchung belegt eine deutliche Reduzierung des Trinkverlangens. Allerdings ist noch unklar, ob der Effekt nach Absetzen des Präparats anhält.

Abnehmspritzen könnten womöglich auch einmal Alkoholkranken helfen. In einer - wenn auch kleinen - Studie tranken fettleibige Suchtkranke mithilfe des Wirkstoffs Semaglutid deutlich weniger Alkohol als solche der Kontrollgruppe. "Semaglutid zeigte robuste therapeutische Effekte bei behandlungssuchenden Teilnehmenden mit Adipositas und Alkoholkonsumstörung", schließt das Forschungsteam im Fachjournal "The Lancet" mit Blick auf den Alkoholkonsum.

Das Team betont jedoch ebenso wie Kommentatoren der Studie, dass vor einem breiten Einsatz der Abnehmspritze bei Alkoholkranken weitere Studien nötig sind, insbesondere zur langfristigen Wirkung. Semaglutid ahmt wie andere sogenannte GLP-1-Rezeptoragonisten ein Darm-Hormon nach und wird bei Diabetes und bei Adipositas eingesetzt.

In der Studie reduzierten sich die besonders starken Trinktage bei Probanden mit Abnehmspritze in 26 Wochen um 41,1 Prozentpunkte im Vergleich zum Ausgangswert. Die der Kontrollgruppe seien um 26,4 Prozentpunkte gesunken, schreibt die Gruppe um Anders Fink-Jensen vom Bispebjerg-Frederiksberg Hospital der Universität Kopenhagen in Dänemark. In beiden Gruppen habe es verhaltenstherapeutische Sitzungen gegeben. Das habe wahrscheinlich auch die Ergebnisse der Placebo-Gruppe verbessert.

Semaglutid reduziert nicht nur Alkoholverlangen

Der durchschnittliche Gesamtalkoholkonsum sank laut Studie um 1550,2 Gramm pro 30 Tage mit Semaglutid und um 1025,9 Gramm mit Placebo. Auch die durchschnittliche Anzahl an Getränken pro Trinktag reduzierte sich durch Semaglutid stärker. Die selbstberichteten Angaben zum Alkoholkonsum seien durch den als Goldstandard geltenden Biomarker Phosphatidylethanol im Blut bestätigt worden, betont das Team.

Die 108 Probanden der Studie waren je zur Hälfte in die Semaglutid- und in die Kontrollgruppe eingeteilt worden. Alle wurden in die Datenanalyse einbezogen, obwohl nur 88 Teilnehmende die gesamte Studie abschlossen. Unerwünschte Wirkungen - zumeist leichte bis mäßige Magen-Darm-Beschwerden - traten in der Semaglutid-Gruppe häufiger auf, gingen nach Studienangaben aber vorüber.

"Die aktuelle Studie liefert einen weiteren wichtigen klinischen Hinweis darauf, dass GLP-1-Rezeptoragonisten auch im Bereich der Alkoholkonsumstörung therapeutisch relevant werden könnten", sagte Sophia Khom-Steinkellner vom Department für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Wien, die nicht an der Studie beteiligt war. "Besonders bemerkenswert ist, dass unter Semaglutid nicht nur das Alkoholverlangen, sondern auch starker Alkoholkonsum und die Trinkmenge pro Trinktag reduziert wurden."

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Die Studie habe jedoch eine relativ kleine Teilnehmerzahl und es fehlten Daten zum Alkoholkonsum nach Studienende, sagte Khom-Steinkellner. "Somit bleiben Fragen unbeantwortet, nämlich jene nach der Nachhaltigkeit der Effekte und nach potenziellen Rebound-Effekten, wie sie für die gewichtsreduzierende Wirkung beobachtet wurden." In früheren Studien hatten Menschen nach Absetzen der Medikamente stark zugenommen.

Keine Belege für komplette Alkohol-Abstinenz

Diese Kritikpunkte nennt auch der Suchtexperte Patrick Bach vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim. Die Studienergebnisse seien dennoch klinisch relevant, besonders, weil für die bisher zugelassenen Medikamente für Alkoholkranke lediglich kleine bis moderate Effekte beobachtet worden seien.

Neben Daten zur Langzeitwirkung fehlten jedoch auch Belege für eine Förderung beziehungsweise Aufrechterhaltung einer kompletten Alkohol-Abstinenz, sagte Bach mit Blick auf die Studienlage zu Semaglutid allgemein. Diese sei für die meisten Patienten mit einer Alkoholabhängigkeit jedoch das primäre Behandlungsziel.

Die genauen Wirkmechanismen von GLP-1-Rezeptoragonisten sind nach Auskunft des Studienteams nicht vollständig geklärt. Sie wirkten jedoch auch auf bei Alkoholabhängigkeit über den GLP-1-Rezeptor. Nach einer Hypothese könnten die therapeutischen Effekte aus Mechanismen entstehen, die Stoffwechselregulationen und Belohnungssysteme beeinflussen, die sowohl bei Adipositas als auch Alkoholkonsumstörung beteiligt sind. "In Übereinstimmung damit fanden wir eine signifikante Assoziation zwischen Gewichtsverlust und reduzierter Alkoholkonsummenge."

Die Alkoholkonsumstörung gehöre weltweit zu den häufigsten und zugleich am wenigsten behandelten Gesundheitsproblemen, heißt es in einem "Lancet"-Kommentar. "Ein Wirksamkeitssignal bedeutet noch keine tatsächliche klinische Effektivität; daher müssen die Ergebnisse kommender Studien abgewartet und weitere Untersuchungen zur praktischen Umsetzung durchgeführt werden." Sollten zukünftige Studien die Wirksamkeit von GLP-1-Rezeptoragonisten bei Alkoholkonsumstörungen jedoch bestätigen, könnten die Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit erheblich sein.

Quelle: ntv.de, Simone Humml, dpa

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