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15 Millionen Deutsche betroffen Adipositas ist eine chronische Krankheit

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Millionen Menschen sind übergewichtig.

(Foto: dpa)

Dicke essen einfach zu viel und bewegen sich zu wenig. So lautet die verbreitete Erklärung für Übergewicht. Doch das Problem ist wesentlich komplexer. Adipöse Menschen sollten als chronisch Kranke angesehen werden und entsprechende Hilfe bekommen.

Obwohl es in Zukunft immer mehr Menschen mit schwerem Übergewicht in Deutschland geben wird, ist Adipositas bis heute keine anerkannte Krankheit. Starkes Übergewicht wird eher im Zusammenhang mit persönlicher Schwäche und Bequemlichkeit als mit einer ernst zu nehmenden und gefährlichen Krankheit angesehen. Das müsse sich dringend ändern, betont Petra-Maria Schumm-Draeger, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. auf einer Veranstaltung in Berlin. "Betroffene dürfen sich nicht selbst überlassen werden", denn nur so könnten zahlreiche Folgeerkrankungen, wie Diabetes mellitus Typ II  verhindert werden.

Obwohl es in Deutschland derzeit rund 15 Millionen Menschen mit Adipositas, also einem Body-Mass-Index ab 30 gibt, haben diese keinen Anspruch auf Behandlung ihrer Fettleibigkeit. "Wenn ein Patient mit schwerem Übergewicht in eine Arztpraxis kommt, dann gibt es keinen Cent dafür", erzählt der Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar, Hans Hauner, aus der Praxis. Dabei bräuchten gerade diese Patienten eine kontinuierliche und langfristige Betreuung durch Fachkräfte aus verschiedenen Disziplinen, um ihren Lebensstil zu verändern, ihr Körpergewicht und damit vielfältige Gesundheitsrisiken zu reduzieren. Die abgenommenen Kilos sollten möglichst bis ans Lebensende nicht wieder zurückkehren. Um das wirklich langfristig zu schaffen, braucht es mehr als einen starken Willen.

Das beweisen auch die ständig steigende Zahl von Menschen mit Übergewicht. Die Europäische Adipositas Gesellschaft geht davon aus, dass 2030 mehr als die Hälfte der Bevölkerung Europas und eben auch in Deutschland adipös sein wird. Liegen die Kosten für die Behandlung von adipösen Patienten und ihren Folgeerkrankungen hierzulande bei geschätzten 17 Milliarden Euro im Jahr, dann kann man von einer regelrechten Kostenexplosion in der Zukunft ausgehen.

Ursachensuche ist wichtig

Warum jemand stark übergewichtig wird, hat verschiedene Ursachen und sollte bei den Therapieansätzen berücksichtigt werden. Fakt ist: Wir leben in einer Adipositas-fördernden Umgebung. Die in unserer Gesellschaft stets verfügbaren oftmals hochkalorischen Genuss- und Lebensmittel verbunden mit einem bewegungsarmen Lebensstil lassen Übergewicht zu einem der fünf wesentlichen Gesundheitsrisiken in der modernen Gesellschaft werden.

Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es einen zunehmenden Überschuss an Nahrungsmitteln. "Unsere Gene sind so programmiert, dass die Nahrung verzehrt wird, wenn sie zur Verfügung steht", erklärt Matina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Je mehr Essen da ist, umso mehr essen wir. Menschen können diesen evolutionären Mechanismus nur mit dem Willen kontrollieren und das wiederum können manche Menschen besser als andere. Wie stark der Willen ausgeprägt ist, hängt vom Temperament jedes einzelnen ab und das ist angeboren.

"Bei rund zwanzig Prozent der adipösen Patienten hängt die Fettleibigkeit mit einer psychischen Störung zusammen", schätzt die Expertin. Dabei ist Adipositas nicht per se als psychische Erkrankung einzustufen, auch wenn viele psychische Erkrankungen oftmals mit einer bestimmten Art zu essen zu tun haben. Betroffene dürften nicht vollständig für ihre Fettleibigkeit verantwortlich gemacht werden, fordert de Zwaan und gibt mit einem Augenzwinkern zu bedenken, dass eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie beispielsweise eine allgemeine Verkleinerung von Essensportionen oder die Abschaffung von Rolltreppen bei der Eindämmung der Fettleibigkeit helfen könnte.

Adipositas ist also viel mehr als ein kosmetisches Ärgernis oder ein persönliches Dilemma. Sie ist eine chronische Erkrankung, die bereits zum gesellschaftlichen Problem geworden ist.

Quelle: n-tv.de

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