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Vom Kettenraucher zum Kettenkauer Auch Zigarettenersatz kann süchtig machen

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Nikotinkaugumi statt Zigarette: Manch einer tauscht da eine Sucht gegen die andere.

(Foto: picture alliance / Patrick Pleul)

Der Jahreswechsel naht und damit die Zeit der guten Vorsätze. Dabei immer ganz weit vorn: der Rauchstopp. Viele Menschen versuchen, von Zigaretten loszukommen. Doch auch Hilfsmittel wie das Nikotinkaugummi haben Tücken. Manch einer kaut und kaut und kaut.

Drei Mal in der Woche bricht Chris Meyer* mit seiner Gewohnheit. Dann greift er nach dem Frühstück nicht zuerst zu seinen Kaugummis, sondern packt stattdessen die Sporttasche und geht schwimmen. An diesen Tagen merkt er, dass seinem Körper etwas fehlt. Nach dem Bahnenziehen hat der Entzug ein Ende. Er drückt einen Kaugummi aus der Packung und schiebt ihn in den Mund.

Meyer, 44 Jahre alt, hat 25 Jahre lang fast durchgehend geraucht. Seit knapp fünf Jahren kaut er Nikotinkaugummis. "An meiner Sucht hat sich überhaupt nichts geändert."

Wie gefährlich ist Sucht nach Nikotinkaugummis?

Mit dem Jahreswechsel kommt die Zeit der guten Vorsätze. Menschen werden versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören. Einige werden stattdessen zu Nikotinkaugummis greifen, manche darauf hängenbleiben. Wie viele Menschen betrifft das? Und wie gefährlich ist die Sucht nach den Nikotinkaugummis?

Meyer kaut, wie er geraucht hat: zum Kaffee, beim Telefonieren, nach dem Essen. "Ich bin eigentlich Kettenkauer geworden." Wenn er morgens aufwacht, ist der Nikotinpegel merklich gefallen.

Früher waren es 30 Kippen am Tag, heute sind es 20 Kaugummis. Seit Heiligabend 2011 raucht er nicht mehr - drei Tage später kam der erste Griff zu den Kaugummis. "Wenn ich die Dinger nicht mehr nehmen würde - ich glaube, ich würde wieder rückfällig." Meyer ist kein Einzelfall. Einigen seiner Kollegen geht es ähnlich, in Internetforen beschreiben andere Ex-Raucher das gleiche Phänomen.

Anteil der Raucher in Deutschland geht zurück

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Laut Tabakatlas geht die Zahl jugendlicher Raucher in Deutschland zurück.

(Foto: imago/Westend61)

Der Anteil der Raucher in Deutschland geht dem Tabakatlas des Deutschen Krebsforschungszentrums zufolge seit einigen Jahren zurück. Besonders Jugendliche lassen die Finger von Zigaretten. 2013 rauchten rund 25 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 18 Jahren. Krebs, Herzkreislauf- oder Atemwegserkrankungen: Zigarettenkonsum stellt in den Industrieländern eines der größten Gesundheitsrisiken dar. Viele Menschen steigen deshalb auf Ersatzprodukte um.

Laut Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen ist die Erfolgsaussicht entwöhnungswilliger Raucher mithilfe eines Nikotinersatzes je nach Medikament eineinhalb bis zweineinhalb mal höher als bei der Behandlung mit einem Placebo.

Behandlung soll sechs bis zwölf Wochen dauern

Die Behandlung mit Nikotinkaugummis soll fachlichem Rat zufolge sechs bis zwölf Wochen dauern - dann hat der Patient seine Sucht im Idealfall überwunden. "Eine länger als sechs Monate andauernde Behandlung (...) wird im Allgemeinen nicht empfohlen", heißt es in der Beilage eines Präparats. Die Kaugummis gibt es in einer Stärke von zwei und vier Milligramm Nikotin. Mit dem Rauch einer Zigarette geraten 0,5 bis 1,5 Milligramm Nikotin ins Blut.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schreibt, das Risiko, von Nikotinkaugummis abhängig zu werden, werde als eher gering eingeschätzt. Auch Tobias Raupach, der die Tabakentwöhnungsambulanz in Göttingen leitet, kann sich an kaum einen Patienten erinnern, der nach den Kaugummis süchtig war.

Die Wahrscheinlichkeit, von einem Ersatzprodukt - Nikotinpflaster, Nasensprays oder Kaugummis - abhängig zu werden, hängt damit zusammen, wie schnell das Nikotin im Gehirn freigesetzt wird, wie Anil Batra, Leiter der Sektion Suchtforschung und Suchtmedizin an der Universitätsklinik Tübingen, erklärt. Das Pflaster wirkt nach 15 Minuten über mehrere Stunden verteilt, das Nasenspray schnell bei akutem Verlangen. Beim Kaugummi dauert es fünf bis sieben Minuten, bis die Wirkung einsetzt. Experten empfehlen je nach Abhängigkeitsgrad eine Kombination verschiedener Präparate.

Je schneller im Gehirn, desto höher die Suchtpotenz

Die Geschwindigkeit des Zigarettenkicks wird ohnehin von keinem Präparat geschlagen. Das Nikotin des Glimmstängels erreicht das Hirn über die Schleimhäute der Lunge und das Blut schon nach rund 20 Sekunden. "Je schneller ein Suchtmittel im Gehirn ankommt, desto höher ist die Suchtpotenz", sagt auch Tobias Rüther, der die Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit am Klinikum der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität leitet.

60 bis 90 Minuten später folge dann der Entzug. Ohne Nikotin, das im Gehirn bestimmte Mechanismen auslöst, hat der Rauchende das Gefühl, das ihm etwas fehlt. "20 Mal am Tag hat ein Raucher einen Entzug, muss eine Substanz konsumieren, hat ein Wohlgefühl, einen Kick, eine schnelle Belohnung", sagt Rüther. Zur physischen - also körperlichen - Abhängigkeit kommt die psychische. Der Raucher wird zum Pawlowschen Hund.

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Kaffee und Zigarette - für viele eine geradezu zwanghafte Verbindung.

(Foto: imago/Westend61)

An dem Hund hat Iwan Petrowitsch Pawlow die klassische Konditionierung nachgewiesen. Klingelte er zu jedem Füttern mit einer Klingel, reagierte der Hund selbst dann mit Speichelfluss, wenn er nur die Klingel hörte - obwohl kein Futter kam. Er war konditioniert.

Auch bei Rauchern gebe es diesen Reflex, sagt Rüther. Sie warten an der Haltestelle, sie trinken Kaffee, sie hatten Sex - und jedes Mal greifen sie zur Zigarette, obwohl die letzte Kippe womöglich erst wenige Minuten zurückliegt. Im Leben eines Rauchers, der mit 14 Jahren angefangen habe, gebe es viele Tätigkeiten, die derjenige noch nie ohne Rauchen gemacht habe, sagt Rüther. Deshalb sei es für viele so schwierig, davon loszukommen. "Weil es nicht nur das Nikotin ist, sondern eben auch das ganze Brimborium drumherum."

Ersatzprodukte sollen körperlichen Entzug hemmen

Die nikotinhaltigen Ersatzprodukte sollen den körperlichen Entzug Entwöhnungswilliger hemmen. Beim Kaugummi geht das so: Man kaut sechs, sieben mal, bis ein pfeffriger Geschmack entsteht. Dann parkt man den Kaugummi in der Backentasche, bis der Geschmack nachlässt. In der ersten Woche tariert der Raucher aus, wie viele Kaugummis er braucht, damit Entzugssymptome wie Reizbarkeit, Nervosität oder Schlafstörungen nicht auftreten. In den Folgewochen wird die Dosis Stück für Stück reduziert.

Viele Konsumenten kauen das Nikotinkaugummi allerdings wie ein normales Kaugummi - der Nikotin-Kick ist ungleich höher. Beim Aufhören hilft das aber eher nicht. Entweder werden diejenigen rückfällig oder sie kauen Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Deshalb plädieren Experten unbedingt für eine fachliche Beratung während des Rauchstopps.

Rascher Rückfall

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Viele Raucher werden bereits innerhalb eines Monats wieder rückfällig.

(Foto: dpa)

In Deutschland würden Raucher sich oft jedoch auf die eigene Willenskraft verlassen, sagt Raupach. "Das geht in den meisten Fällen schief, und es kommt rasch zum Rückfall." Die Patienten müssten wissen, welche Präparate es gibt, wie man sie einsetzt und welche Nebenwirkungen sie haben.

Im Fachbuch "Toxikologie" von Hans Marquardt heißt es: "Etwa 80 Prozent der Raucher, die sich entschlossen haben, ohne fremde Hilfe das Rauchen aufzugeben, werden bereits innerhalb eines Monats wieder rückfällig und weniger als 10 Prozent bleiben über ein halbes Jahr hinaus abstinent."

Geringe Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen des Nikotinkaugummis sind nach bisherigem Kenntnisstand eher gering. Beim Rauchen ist ohnehin weniger das Nikotin das Gefährliche. Der Tabakrauch enthält mehrere Tausend Substanzen, die beim Inhalieren in den Körper geraten - mindestens 50 sind krebserregend, weitere 50 gelten als chemische Gifte. All das fällt bei den Kaugummis weg.

Von einem langfristigen Konsum raten Experten dennoch ab. Zwar gebe es keine Hinweise darauf, dass Nikotin Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Lungenkrebs auslöse, sagt Raupach. "Die Folgen eines langfristigen Gebrauchs sind aber nicht ausreichend erforscht, um eine unbegrenzte Einnahme empfehlen zu können."

"Art Schadensbegrenzung"

"Wir würden jeden ermutigen - auch nach zwei Jahren -, zu versuchen, runterzukommen", sagt Batra von der Uniklinik in Tübingen über die Langzeitkonsumenten. Er nennt das jahrelange Kaugummikauen "eine Art Schadensbegrenzung". Auch Raupach sagt: "Wenn die einzige Alternative ist, dass Sie rauchen, dann nehmen Sie bitte das Kaugummi." Nikotin sei jedoch keine körpereigene Substanz und werde vom Organismus nicht benötigt.

Laut Packungsbeilage treten beim Konsum der Kaugummis bei einem von zehn Patienten Kopfschmerzen, Husten, Schluckauf, Übelkeit und Reizungen von Mund oder Hals auf. Raupach von der Tabakentwöhnungsambulanz in Göttingen nennt Aufstoßen und Sodbrennen als Nebenwirkungen, Rüther von der Spezialambulanz in München verweist bei erhöhtem Nikotinkonsum auf Herzschlagerhöhung und Gefäßverengung.

Chris Meyer hat für sich noch keine körperlichen Beeinträchtigungen des jahrelangen Kaugummikauens ausgemacht. "Dadurch, dass ich rauche, seit ich 14 bin, fühle ich mich mit Nikotin im Körper normal."

Empfehlung: Zehn Kaugummis täglich

Billiger wäre die Abstinenz selbstverständlich - wobei der Süchtige im Vergleich zum Rauchen auch durch den Nikotinersatz spart. Wer rund eine Packung täglich qualmt - also sechs Euro ausgibt -, dem werden zu Beginn der Therapie zehn Kaugummis täglich empfohlen. Das ergibt bei der Zwei-Milligramm-Version Kosten von etwa 2,20 Euro. Selbst Meyer, der doppelt so viel kaut, bliebe mit 4,40 Euro unter den Kosten für 20 Zigaretten.

Was Meyer tun könnte, um irgendwann doch noch mit seiner Gewohnheit zu brechen - und nicht rückfällig zu werden? Raupach empfiehlt eine fachliche Beratung. Man müsse überlegen, welche Ersatzprodukte die bessere Alternative zum Kaugummi wären. Rüther schlägt vor, immer mal wieder ein Kaugummi durch ein normales zu ersetzen - und den Konsum langsam zu reduzieren.

Ernsthaft versucht, aufzuhören, hat Meyer allerdings noch nicht. Dabei wäre es ihm schon lieber, nicht von dem Nervengift abhängig zu sein. Seinen Stoff hat er jederzeit vorrätig und kauft ihn immer in den gleichen zwei Apotheken. "Eigentlich warte ich darauf, dass ein Apotheker mal sagt: "Was machen Sie eigentlich, das ist ja Medikamentenmissbrauch."

* Name auf Wunsch des Betroffenen geändert

Quelle: n-tv.de, Michel Winde, dpa