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Jugendliche mit Kontrollverlust Aufmerksamkeitsgrad bestimmt Essverhalten

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XXL-Portionen reichen manchmal nicht aus.

(Foto: imago/Westend61)

Dass Heranwachsende unglaubliche Mengen verdrücken können, weiß man. Wenn solche Fressattacken allerdings regelmäßig auftreten, kann eine Essstörung vorliegen, die Forscher nun genauer untersuchen.

Die meisten Menschen, die einen Teenager im Haushalt haben, kennen es: Gerade noch war der Kühlschrank voll und im nächsten Moment sind nur noch klägliche Reste zu finden. Jugendliche scheinen manchmal einen unstillbaren Heißhunger zu haben. Kommen solche Essattacken regelmäßig vor, spricht man von einer Essstörung, die auch als Binge Eating Disorder (BED) bezeichnet wird. Da die Essstörung mit vielen Begleiterscheinungen wie Übergewicht, Depressionen oder einem geringen Selbstwertgefühl einhergehen, haben sich Forscher auf die Suche nach Behandlungsansätzen gemacht.

Binge Eating Disorder

Menschen mit Binge Eating Disorder (BED) leiden, ähnlich wie Menschen mit Bulimie, unter wiederholten Essattacken. Treten diese mindestens zwei Mal pro Woche über einen Zeitraum von einem halben Jahr auf, liegt eine Essstörung vor, die seit einigen Jahren als Krankheit anerkannt ist.

Betroffene mit BED verzehren deutlich mehr, als andere Menschen im gleichen Zeitraum essen würden. Anders als Bulimie-Kranke werden allerdings keine gegenregulatorischen Maßnahmen wie Sport, Erbrechen oder Ähnliches praktiziert. Das führt in den meisten Fällen zu schneller Gewichtszunahme und Übergewicht.

Wissenschaftler der Universität Leipzig ist es gelungen, zu zeigen, dass Jugendliche mit BED Nahrungsreize anders wahrnehmen als gesunde Personen. Dafür legte das Team um Professorin Anja Hilbert vom Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas-Erkrankungen an der Medizinischen Fakultät Leipzig Probanden im Alter zwischen 12 und 20 Jahren Bilder auf einem Monitor vor und maß dabei Blickbewegungen und Reaktionszeiten. Den Probanden wurden jeweils drei Sekunden mehrere Bildpaare von Nahrungsreizen und neutralen Bildern (Naturbilder oder Alltagsgegenstände) gezeigt.

Blick bleibt beim Essen

"Das Besondere an dieser Untersuchung ist, dass wir die Blickbewegungen der Probanden präzise aufzeichnen können und ein direktes Maß der visuellen Aufmerksamkeit erhalten", betont Hilbert. Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche mit BED nicht nur intensiver auf Nahrungsreize reagieren, sondern zudem Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit von diesen Bildern zu lösen.

Die Kontrollgruppe bei der Untersuchung bestand aus sogenannten "statistischen Zwillingen": Jugendliche mit BED und Jugendliche ohne BED im gleichen Alter, mit gleichem Geschlecht und dem gleichen Gewichts- und sozioökonomischen Status schauten sich dieselben Bilder an. Es stellte sich heraus, dass Jugendliche mit BED deutlich schneller als ihr statistischer Zwilling einen Nahrungsreiz unter Nicht-Nahrungsreizen entdecken können.

Resümierend lässt sich sagen, dass Jugendliche mit Essanfall-Störungen im Vergleich mit gesunden Jugendlichen den Bildern mit Nahrungsmitteln mehr Aufmerksamkeit schenkten. Es ist wahrscheinlich, dass diese erhöhte Aufmerksamkeit ausschlaggebend für die Auslösung und Aufrechterhaltung der Essanfälle ist. Die Betroffenen verlieren die Kontrolle über ihr Essverhalten. Die veränderten Aufmerksamkeitsprozesse im Zustand der Sättigung kann ein Merkmal für gestörtes Essverhalten sein. Die Forscher gehen zudem davon aus, dass wichtige kognitive Funktionen zur Verhaltenskontrolle durch diesen Aufmerksamkeitsunterschied beeinträchtig werden und deshalb enthemmtes Verhalten, wie es bei Essanfällen auftritt, fördert.

Die Studienergebnisse könnten die Grundlage für die Entwicklung neuer, wirksamer Therapien bilden. Am IFB in Leipzig wird derzeit untersucht, ob ein sogenanntes Neurofeedback-Training Erwachsenen mit Essattacken helfen kann. 

Quelle: n-tv.de, jaz

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