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Sport unter Strom Bringt EMS-Training wirklich was?

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Unter den Augen des EMS-Trainers gibt es kein Entkommen.

imago/ZUMA Press

Zweimal 20 Minuten Training pro Woche und nach einem halben Jahr ist der Körper straff und fit - funktioniert das tatsächlich? Eine Studie hat das Versprechen von EMS-Training-Anbietern überprüft.

Probetraining im EMS-Studio: Anna reicht mir ein eng anliegendes Shirt sowie eine Art Radlerhose. Während ich mich umziehe, benässt die junge Fitness-Trainerin mit einer Sprühflasche die übrige Spezialkleidung: Eine "Funktionsweste" mit vielen Elektroden, die ich dann über Shirt und Hose anziehe. Um Oberschenkel und Po zieht sie zusätzlich einen Gürtel stramm. Dann verbindet sie die an mir baumelnden Kabel mit dem eigentlichen EMS-Gerät, einer Art Schaltpult mit vielen Knöpfen. Strom und Wasser - ein wenig Unbehagen macht sich bei dieser Kombination schon breit. Doch Zeit für Sorgen bleibt nicht, schon zieht ein leichtes Kribbeln durch meinen rechten Arm.

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Armin Ergert testet an der Deutschen Sporthochschule in Köln, Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik, Abteilung Trainingswissenschaftliche Interventionsforschung, die EMS. Hier: Ausfallschritt Ausgangsstellung.

(Foto: DSHS-Köln/dpa)

EMS ist die Abkürzung für Elektromyostimulation oder auch elektrische Muskelstimulaton. Die Trainingsmethode erweitert seit einigen Jahren das ohnehin reichhaltige Angebot auf dem Fitness-Markt und verspricht maximalen Trainingseffekt mit minimalem (Zeit-)Aufwand. Das Training sei sehr viel effektiver als herkömmliches Fitness-Training, etwa auf einem Stepper, erklärt Anna. Ein großer Vorteil: Das Training stimuliere gleichzeitig mehrere große Muskelgruppen im Körper. Die Muskeln ließen sich gezielt aufbauen, Fett werde abgebaut, Problemzonen verschwänden.

Nicht nur müde Versprechen

Dass das nicht unbedingt nur müde Versprechungen sind, belegt unter anderem eine kürzlich veröffentlichte Studie von Forschern der Universität Erlangen-Nürnberg, der Technischen Hochschule Kaiserslautern und der Deutschen Sporthochschule in Köln (DSHS). Sie hatten in ihrer Übersichtsarbeit 23 Studien zu Wirksamkeit und Sicherheit von EMS-Training ausgewertet. Das Training baue in signifikantem Umfang Muskelmasse auf, reduziere die Fettmasse und sei nicht mit besonderen Risiken verbunden, fassen die Wissenschaftler ihre Ergebnisse im Fachblatt "Frontiers in Physiology" zusammen.

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Ausfallschritt Endstellung.

(Foto: DSHS-Köln/dpa)

Bevor es mit meinem ersten Training losgehen kann, steuert Anna von ihrem Pult aus einzelne Muskelgruppen an - Arme, Beine, Gesäß oder Bauch. Sie erhöht langsam die Stromstärke und stoppt bei einem für mich verträglichen Wert. Verträglich fühlt sich ein kräftiges, aber noch nicht schmerzhaftes Kribbeln in den Muskeln an. Schließlich sind die Voreinstellungen abgeschlossen, es kann losgehen. Ich stelle mich im Ausfallschritt auf, die Handflächen gegeneinander gepresst. Der Strom wird nun jeweils für einige Sekunden in meinen Körper geleitet. Währenddessen spanne ich meine Muskeln an. Dann folgt eine Entspannungsphase von einigen Sekunden ohne Strom. Eine Übung umfasst in der Regel zehn Impulse. Dann folgt eine neue Übung oder eine neue Position.

Elektrischer Reiz verstärkt Übungswirkung

Das Prinzip des EMS-Trainings ist schnell erklärt: "Der elektrische Reiz löst eine Kontraktion der Muskeln aus", erläutert Heinz Kleinöder von der DSHS. "Das verstärkt die Wirkung von herkömmlichen Übungen, wie Kniebeugen, oder von Haltepositionen." Das Verfahren sei zunächst vor allem in der Physiotherapie oder in der Rehabilitation eingesetzt worden und sei seit vielen Jahren etabliert. Es eigne sich etwa dafür, geschädigte Muskeln nach einer Verletzung wieder aufzubauen. "Seit etwa zehn Jahren gibt es EMS-Training mit einem Ganzkörperreiz, bei dem bis zu neun Muskelgruppen gleichzeitig angesteuert werden. Die Wirkung dieser Methode war bisher wissenschaftlich weniger gut untersucht."

Mit der aktuellen Auswertung, an der der Sportwissenschaftler von der Trainingswissenschaftlichen Interventionsforschung an der DSHS beteiligt war, liegen nun umfassendere Daten vor. In den einzelnen Studien hatten Wissenschaftler die Wirksamkeit bei zumeist untrainierten Erwachsenen mit einem durchschnittlichen Alter zwischen 33 und 77 Jahren untersucht. In einigen Studien hatten die Probanden gesundheitliche Beschwerden, wie Rückenschmerzen, Herzprobleme oder Übergewicht, oder sie litten altersbedingt unter Muskelschwund.

Die Auswertung ergab, dass die Probanden von einem EMS-Training umfassend profitierten. Unabhängig von Alter und Geschlecht nahm durch das Training die Muskelmasse und -stärke deutlich zu. Die Forscher fanden zudem Hinweise darauf, dass Schmerzen im unteren Rückenbereich nachließen.

Zeitsparend und effektiv

Ein besonderer Vorteil der Methode sei, dass sie zeitsparend und effektiv ist. Sie könne Menschen im mittleren bis hohen Lebensalter motivieren, die wenig Zeit haben und sonst eher nicht vom Sofa kommen. Und das Training kam bei den Probanden anscheinend auch gut an: Die Zahl der Abbrecher sei in den ausgewerteten Studien gering gewesen. "Für so genannte Couch Potatoes kann EMS-Training ein Einstieg in eine gesündere Lebensweise sein", sagt Kleinöder.

Das liege vermutlich auch an der engen Begleitung durch Trainer, die maximal zwei Sportler gleichzeitig betreuten. Die elektrische Stimulation zeige außer dem zusätzlichen Effekt auf die Muskeln eine positive Begleiterscheinung: "Gerade für wenig erfahrene Menschen kann es von Vorteil sein, wenn sie ihre Muskeln beim Training bewusst wahrnehmen."

Durchaus anstrengend

Das mit dem Wahrnehmen ist tatsächlich eine angenehme Sache, stelle ich beim Training fest. Die Stromimpulse fühlen sich ein wenig an, als wenn ich während des Trainings massiert würde. Es wäre allerdings ein Fehler zu glauben, dass das Ganze nicht anstrengend ist. Schon nach wenigen Minuten läuft mir der Schweiß an der Schläfe herab. Allein an einem Fitnessgerät würde ich vielleicht jetzt einen Gang runterschalten oder eine Pause einlegen. Aber unter den Augen der Trainerin gibt es kein Entkommen. Sie macht die einzelnen Übungen vor und zählt die verbleibenden Wiederholungen runter.

Die enge Begleitung durch eine Trainerin macht das Verfahren auch für Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen wie etwa Herzproblemen interessant. Die Datenanalyse lieferte keine Hinweise darauf, dass das EMS-Training Risiken mit sich bringe, berichten die Wissenschaftler nach der Auswertung. Stattdessen scheine es sich auf bestimmte kardiovaskuläre und metabolische Risikofaktoren günstig auszuwirken. Vermutlich gehe dieser positive Effekt auf die Reduktion des Körperfetts zurück - diese Zusammenhänge müssten aber noch genauer untersucht werden, schreiben die Forscher.

Besser mit Anleitung

"Es gibt immer wieder Leute, die trainieren anleitungslos ohne Verstand, indem sie eine möglichst hohe Intensität mit Effektivität und Gesundheit verbinden, beziehungsweise gleichsetzen", sagt Kleinöder. "Wohldosiert, richtig angeleitet und durchgeführt ist EMS-Training sicher."

Meine Trainerin kündigt die letzte Übung an. Die 20 Minuten sind verflogen. Sie empfiehlt, nach dem Training viel zu trinken und während der nächsten 48 Stunden keine zweite Einheit nachzulegen. Danach steht mir kurz nach dem Training ohnehin nicht der Sinn. Ich fühle mich gut, auf angenehme Weise rundherum und tiefgreifend erschöpft. In einigen Tagen könnte ich mich erneut an die Strom-und-Wasser-Methode wagen.

Ein Punkt, der viele Leute allerdings abschrecken könnte, ist der Preis: Pro Trainingseinheit werden mindestens 20 Euro fällig, oft in Verbindung mit Abschluss eines Jahresvertrages. Hinzu kommen Anmeldegebühren und Leihgebühren oder Anschaffungskosten für die Spezial-Kleidung. Eine Mitgliedschaft in einem guten Fitness-Studio ist günstiger - quasi eine Einzelbetreuung bekommt man dafür allerdings nicht.

Quelle: n-tv.de, Anja Garms, dpa

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