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Erkenntnisse aus der Arktis "Der Meeresgrund ist ein Plastik-Endlager"

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Ein Plastikfetzen hat sich in 2500 Metern Wassertiefe im "Hausgarten"-Observatorium in einem Schwamm (Cladorhiza cf. gelida) verfangen und ist inzwischen mit Anemonen (Amphianthus sp.) besiedelt.

picture alliance / Ofos/James Ta

Plastikmüll entwickelt sich zu einer globalen Umweltkatastrophe. Bis 2050 werden sich einer UN-Schätzung zufolge Plastikabfälle in den Meeren verzehnfachen. Was das bedeutet, sieht die Meeresbiologin Melanie Bergmann überdeutlich, wenn sie in der Arktis ihrer Arbeit nachgeht.

n-tv.de: Sie haben ursprünglich auf einem anderen Gebiet geforscht, wie sind Sie auf das Thema Plastik im Meer aufmerksam geworden?
Melanie Bergmann: Das Alfred-Wegener-Institut betreibt in der Arktis das Tiefseeobservatorium "Hausgarten". Zu diesem Stationsnetz fahren wir jedes Jahr und nehmen an bestimmten Positionen Proben vom Wasser und vom Sediment in der Tiefsee. Dazu gehören auch Beobachtungen mit einem geschleppten Kamerasystem. Ich habe für meine Arbeit die Kamerabilder ausgewertet, um einzuschätzen, ob es durch den Klimawandel Veränderungen bei der Fauna am Meeresboden gibt. Sind da plötzlich weniger Seesterne einer Art oder mehr Seegurken oder Schwämme? Bei der Durchsicht dieser Bilder ist mir aufgefallen, dass wir 2011 deutlich mehr Müll hatten. Daraufhin habe ich das genauer untersucht, auch an anderen Stationen.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Es hat sich bewahrheitet, dass wir da einen Trend haben. An einer Station hat sich der Müll sogar innerhalb von zehn Jahren verzwanzigfacht. Wir haben dann angefangen, auch Mikroplastik zu untersuchen und davon über 6000 Teilchen pro Kilogramm gefunden. Wenn man sich diesen Anteil im Bezug auf eine Kilo-Tüte Zucker vorstellt, versteht man, dass das wirklich viel ist.

Die Arktis ist ja weit von menschlichen Ballungsräumen entfernt, wie kommt das Plastik Ihrer Meinung nach dorthin?
Es gibt dafür keine einfache Erklärung. Der Hauptteil wird sicher mit Wind und Wellen von Nordeuropa aus oder auch aus dem Atlantik mit dem Golfstrom gen Norden driften. So geschieht das auch mit natürlichem Treibgut. Zudem wird immer mehr Plastik produziert und dann gelangt natürlich auch immer mehr ins Meer. Durch den Klimawandel gibt es außerdem immer weniger Eis in der Arktis, dadurch kommen auch immer mehr Schiffe bis dorthin. Die Zahl der Kreuzfahrtschiffe hat deutlich zugenommen, die Zahl der Touristen hat sich in zehn Jahren verdreifacht. Auch die Fischerei hat dort zugenommen. Und leider ist es unweigerlich so: Dort, wo der Mensch sich aufhält, gelangt auch Müll ins Meer.

Können Sie aus Ihrer Forschung sagen, woher das Plastik stammt, das Sie finden?
Wir arbeiten mit Touristen auf Kreuzfahrtschiffen zusammen, die beispielsweise die Strände von Spitzbergen säubern. Die haben für uns untersucht, was zu finden ist. Dabei haben wir festgestellt, dass ein Großteil des Plastiks aus der Fischerei stammt, an einigen Stellen waren es 90 Prozent des Mülls. Bei den Unterwasseraufnahmen ist es schwieriger. Lose Seilenden deuten da ebenfalls auf die Fischerei hin. Aber bei einer Flasche oder einer Plastiktüte kann man das kaum sagen. Die können von einer Jacht oder einem Kreuzfahrtschiff stammen, die kann aber auch jemand an einem Strand an der Nordsee weggeworfen haben.

Wo finden Sie denn den meisten Plastikmüll?
Wir haben am Hausgarten die flachste Station bei 1200 Metern und die tiefste auf 5500 Meter. Außerdem haben wir auf einer Nord-Süd-Achse mehrere Messpunkte. Die Stationen, von denen wir die Bilder ausgewertet haben, liegen alle ungefähr in einer Tiefe von 2500 Metern. Das haben wir so ausgesucht, um den Einfluss des Eises untersuchen zu können, weil wir natürlich im Norden deutlich mehr in der Eisrandzone sind. Am Hausgarten schauen wir auch: Wie viel Müll haben wir an der Oberfläche, wie viel in der Wassersäule und wie viel im Sediment? Es sieht so aus, als ob das meiste am Meeresboden ist. Der Meeresgrund scheint eine Art Endlager zu sein. Außerdem finden wir mehr Müll und Mikroplastik an der nördlichen Station. Das deutet darauf hin, dass auch das Meereis als Transportmedium oder Barriere eine Rolle spielen könnte.

Lassen sich schon Schlüsse ziehen, wo die Verschmutzung weltweit am größten ist?
Das Mittelmeer ist sicher sehr verschmutzt, wobei wir mit den Daten unseres Portals Litterbase vorsichtig sein müssen. Dort stellen wir ja nur dar, was überhaupt gemessen wurde. Wenn wir Regionen haben, die vermeintlich frei von Müll sind, heißt das einfach nur, dass dort noch nicht gemessen wurde. Es gibt keine Daten vom Kaspischen Meer und wenige Informationen zum offenen Ozean, insbesondere dem Indischen Ozean, weil sich die Forschung häufig auf die Küsten konzentriert.

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Plastikmüll wird lila dargestellt, anderer gelb.

(Foto: Litterbase/AWI)

Was ist bei der unklaren Datenlage das Problem?
Als das Plastik-Problem erkannt wurde, haben alle Wissenschaftler erstmal drauflosgeforscht, auf die ihnen am sinnvollsten erscheinende Weise mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Es wurde mit verschiedenen Analyseansätzen gemessen, AWI Helgoland erfasst beispielsweise sehr kleine Mikropartikel in der Größe von 11 Mikrometer (µm). Viele andere erfassen Teilchen erst ab 200 µm. Am Hausgarten haben wir aber zum Beispiel herausgefunden, dass 80 Prozent der Teilchen in diesem allerkleinsten Bereich fallen. Studien, die nur im 200-µm-Bereich arbeiten, würden also deutlich geringere Mengen finden und das Problem stark unterschätzen. Außerdem messen die einen Teilchen pro Kubikmeter, die anderen Teilchen pro Quadratmeter, die anderen pro Kilogramm. Bei Litterbase versuchen wir ja alle Daten zusammenzufassen, um ein globales Bild zu zeigen. Diese verschiedenen Einheiten lassen sich aber nur schwer oder auch gar nicht ineinander umrechnen. Das kann man dann einfach nicht miteinander vergleichen und schwer sagen, diese Region ist im Vergleich mit jener besonders verschmutzt.

Sie sind vor wenigen Tagen von der diesjährigen Expedition zurückgekommen. Können Sie zu den aktuellen Bildern schon eine Einschätzung treffen?
Eine Masterstudentin hat sich die Bilder bis 2017 gerade noch einmal angesehen. Da wird deutlich, dass sich der Trend fortsetzt. Besonders 2016 gab es noch einmal einen deutlichen Anstieg. Die Bilder von diesem Jahr habe ich natürlich noch nicht vollständig ausgewertet, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir an der zentralen "Hausgarten"-Station wahrscheinlich wieder einen Anstieg beobachten werden, da waren über 26 Müllteile.

Sie stellen Ihr Buch als E-Book kostenlos zur Verfügung. Ihre Vorträge kann man als Videos in Internet anschauen. Welche Idee verfolgen Sie damit?
Ich will zeigen, dass wir auch etwas tun müssen, obwohl wir uns in Deutschland gern einreden, wir wären Recycling-Weltmeister und damit sei alles gut. Wir zeigen dann nach Asien, aber der Müll, den wir in der Arktis finden, stammt aus Europa und auch aus Deutschland. Außerdem ist Deutschland Europameister im Export von Müll, unter anderem nach Asien, und ein Großteil wird verbrannt. Denn die meisten Verpackungen sind nicht sortenrein und können gar nicht recycelt werden. Auch wir müssen gucken, wie wir die Plastikproduktion drosseln. Je mehr Plastik im Umlauf ist, je mehr gelangt auch in die Umwelt. Wenn ich am Wochenende an der Weser entlanggehe, sehe ich dort überall Plastik herumliegen und hebe es auf. Plastik hat ja nicht nur schädliche Auswirkungen auf die Meere, auch das Plastik, das im Park liegt, ist schlecht für die Umwelt. Es verändert die Bodenbeschaffenheit, Auswirkungen auf Regenwürmer und andere Landtiere sind nachgewiesen. Es ist inzwischen auch bekannt, dass Flüsse ein wesentlicher Eintragsweg für Müll und Mikroplastik in die Meere sind. Das haben viele Konsumenten schon verstanden und probieren, weniger verpackte Artikel zu kaufen. Aber häufig hat man als Verbraucher keine Wahl und es fehlen politische Vorgaben, die eine Drosselung des Verpackungswahnsinns bewirken. Das ist nicht nur beim Thema Plastikverschmutzung, sondern auch beim Klimawandel nicht mehr nachvollziehbar, dass da totaler Stillstand herrscht. Laut Weltbank werden wir in den nächsten 30 Jahren weltweit jährlich 3,4 Milliarden Tonnen Müll produzieren, davon 12 Prozent Plastik. Was werden unsere Kinder dazu sagen? Da sind Industrieinteressen scheinbar wichtiger, anders kann ich mir das nicht erklären. Aber selbst die Weltbank fordert inzwischen ein Umdenken!

Was halten Sie von den jüngsten Überlegungen, das Plastik wieder aus dem Meer zu entfernen?
Meines Erachtens gibt es bisher keine realistische Idee, wie man das schaffen könnte. Der einzige Bereich, wo man ansetzen könnte, ist im Küstenbereich, also an den Stränden oder dort, wo man noch tauchen kann. Dann gibt es die "Fishing for Litter"-Inititative, bei der Fischer das Plastik, das sich in ihren Netzen verfängt, mit an Land bringen und dort sachgemäß entsorgen. Einiges kann man sicher noch an den Flüssen bewirken, bevor das Plastik in die Meere getragen wird. Alles andere, wie auch das "Ocean Cleanup"-Projekt, halte ich für fragwürdig. Die Auswirkungen auf die Tierwelt als Beifang sind im Zweifelsfall erheblich. Außerdem wissen wir ja inzwischen, dass nur ein kleiner Teil des Mülls überhaupt an der Meeresoberfläche schwimmt. Und dann wird mit diesen Reinigungsaktionen noch suggeriert, dass wir ja jetzt eine Lösung für das Problem haben und immer so weitermachen können. Das ist aber nicht so. Da gibt es im Bereich der Umweltbildung sicher effektivere Maßnahmen. Im Garbage Patch, also diesen riesigen Müllstrudeln im Meer, stammte 46 Prozent des Mülls aus der Fischerei, an den Stränden Spitzbergens teilweise sogar über 90 Prozent. Vielleicht wäre es ein guter Ansatz, Programme zu entwickeln, wie man Verhaltensänderungen bei Fischern herbeiführen kann. Wenn die ihre Netze oder ihren Müll nicht mehr ins Meer werfen, bewirkt das sicher mehr.

Hat Ihre Forschung Konsequenzen für Ihr eigenes Konsumverhalten?
Ich gehe inzwischen deutlich bewusster einkaufen, mein Obst und Gemüse kaufe ich auf dem Markt, wann immer ich es kann. Ich kaufe meine Milch in Pfandflaschen, meinen Joghurt auch. Ich kaufe bestimmte Dinge im Unverpackt-Laden. Ich habe Shampoo als Seifenstück und werde demnächst auch anfangen, mein Waschmittel selbst zu machen. Drogerie-Artikel scanne ich vor dem Kauf auf Mikroplastik mit der Codecheck-App. Außerdem kaufe ich wenig Kleidung mit synthetischen Anteilen und wasche nur wirklich schmutzige Wäsche.

Mit Melanie Bergmann sprach Solveig Bach

Zum Thementag #Oceanminded zeigt n-tv am 30.10. mehrere Dokumentationen: 19.05 Uhr "Wohin die Reise geht – Forscher in der Antarktis, 20.15 Uhr "Müllkippe Meer – Kampf gegen den Plastikmüll", 21.05 Uhr "Planet Ocean 1", 22.10 Uhr "Planet Ocean 2".

Quelle: n-tv.de

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