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Erbgut, Umwelt, Erfahrung Ein Gen für Homosexualität existiert nicht

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Teilnehmer beim Christopher Street Day in Frankfurt zeigen mit Regenbogenfarben, wie vielfältig Sexualität ist.

(Foto: picture alliance/dpa)

Hetero-, bi- oder homosexuell: Über den Einfluss der Gene bei der Entwicklung der sexuellen Orientierung diskutieren Forscher seit Jahren. Die bisher umfangreichste Untersuchung dazu zeigt, dass es das eine Gen dafür nicht gibt. Vielmehr kommen verschiedene Faktoren zusammen.

Ob man auf Männer steht oder auf Frauen oder auf beide Geschlechter, ob sich das im Laufe eines Lebens einmal oder öfter ändert, kann niemand durch seinen Willen entscheiden. Sexualität ist ein menschliches Verhalten, das verwirrend, emotional aufgeladen und manchmal nicht eindeutig einzuordnen sein kann.

Forscher wollen wissen, wie sexuelle Orientierung entsteht. Wie viel Einfluss haben die Gene eines Menschen? Welche Erfahrungen hat man gemacht? Welche Rolle spielen Gesellschaft und Kultur? Bereits bekannt ist, dass sich Homosexualität bei eineiigen Zwillingen und in manchen Familien häuft. Das ist ein Hinweis darauf, dass es eine genetische Basis für diese sexuelle Orientierung gibt. Forscher schätzen diese auf 30 Prozent.

Das internationale Forscherteam um Andrea Ganna vom Zentrum für Genommedizin am Massachusetts General Hospital Boston wollte es nun genauer wissen. Für die Untersuchung wurden die Daten von mehr als 470.000 Männern und Frauen aus Großbritannien und den USA im Alter zwischen 40 und 70 Jahren angeschaut. Die Forscher glichen die Gene der Probanden mit deren Antworten auf einem Fragebogen ab. Darin sollten die Studienteilnehmer unter anderem erklären, von welchem Geschlecht sie sich angezogen fühlen. Eine der Fragen lautete: Hatten Sie jemals Sex mit einer Person desselben Geschlechts? Anhand der Antworten wurden die Probanden dann in zwei Gruppen, eine mit homosexueller Orientierung und eine Kontrollgruppe aufgeteilt.

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(Foto: geneticsexbehavior.info)

Beim Abgleich der Basenpaare im Doppelstrang der DNA zeigte sich, dass es fünf Genvarianten gibt, die bei homosexuellen, bisexuellen oder anderweitig nicht ausschließlich heterosexuell aktiven Menschen sichtbar gehäuft auftreten. Doch nur zwei davon waren bei beiden Geschlechtern deutlich erkennbar. Bei den drei anderen ausgemachten Genmarkern dagegen waren zwei nur bei Männern und das dritte nur bei Frauen charakteristisch.

Diverses sexuelles Verhalten ist menschlich

Die Forscher schlossen aus ihren Ergebnissen, dass es nicht möglich ist, die sexuelle Orientierung eines Menschen anhand seiner genetischen Ausstattung abzulesen. Sie betonen die Komplexität bei der Entwicklung der sexuellen Orientierung und verweisen auf zusätzliche Einflüsse wie Gesellschaft, Kultur, Familie. Genauso wie andere menschliche Verhaltensweisen, entsteht auch die sexuelle Orientierung nicht aus einem bestimmten Gen oder einer Genvariante. Mehrere Gene, daraus resultierende Signalwege und eine Fülle von nicht benennbaren Umwelteinflüssen kommen zusammen. Obwohl es sich bei der Untersuchung um die größte ihrer Art handelt, räumt das Team um Ganna ein, dass ausschließlich nordamerikanische oder europäische Probanden im fortgeschrittenen Alter berücksichtigt wurden. Über jüngere Personen oder Personen anderer Herkunft können mit den neuen Ergebnissen deshalb gar keine Angaben gemacht werden.

"Die Studie liefert weitere Belege dafür, dass diverses sexuelles Verhalten ein natürlicher Teil des Menschen ist", schreiben die Forscher auf der Webseite geneticsexbehavior.info, die sie für Interessenten ihrer Studie angelegt haben. Sie warnen gleichzeitig davor, ihre Ergebnisse so zu interpretieren, dass Empfindungen von LGBTQ-Menschen als falsch oder durcheinander bezeichnet werden. Das Ziel ihrer Forschung sei vielmehr, die genetischen Grundlagen von gleichgeschlechtlicher sexueller Orientierung besser zu verstehen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden zudem im renommierten Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlicht.

Quelle: n-tv.de

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