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Mögliche Ursache für Neuro-Covid Erschöpfte Abwehrzellen im Nervenwasser

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Auch T-Zellen können offenbar erschöpft sein.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Eine Infektion mit Sars-CoV-2 kann zahlreiche Krankheitsbilder hervorbringen. Neurologische Störungen wie Geruchsverlust, Kopfschmerzen und sogar Schlaganfälle gehören dazu. Forschende aus Deutschland stellen dazu einen Erklärungsansatz vor.

Forschende der Universitäten Münster und Duisburg-Essen haben im Nervenwasser von Covid-19-Patienten mit neurologischen Symptomen spezifische Veränderungen der Immunzellen festgestellt. "Diese Funde deuten auf eine eingeschränkte antivirale Immunantwort bei Neuro-Covid-Patienten hin", interpretiert Professor Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen, die Erkenntnisse in einer Mitteilung. Ein detailliertes Verständnis des Phänomens Neuro-Covid ist die Grundlage, um die Krankheit schneller zu erkennen und gezielter zu behandeln.

Die Forschenden um Michael Heming hatten zunächst aus einer Gruppe von 102 Covid-19-Patienten diejenigen herausgefunden, die unter neurologischen Symptomen litten und bei denen eine Entnahme des Liquors, so die medizinische Bezeichnung der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, notwendig war. So konnten acht Patienten ausgemacht werden, deren Nervenwasser mit speziellen Verfahren genau untersucht wurde. Drei dieser Patienten zeigten schwere neurologische Symptome, die fünf anderen nur leichte.

In einem zweiten Schritt wurde das Immunzellprofil der Covid-19-Patienten mit dem von Patienten verglichen, die an Multipler Sklerose, einer durch Viren verursachten Hirnentzündung und nicht-entzündlich erhöhtem Hirndruck litten. Alle drei gehören zu den neurologischen Erkrankungen. Dabei zeigte sich, dass das Nervenwasser der Neuro-Covid-Patienten spezifische Veränderungen der Immunzellen aufweist, die sich deutlich von allen anderen untersuchten Krankheiten unterscheiden. Die Ergebnisse wurden im Journal "Immunity" veröffentlicht.

Abgeschwächte Immunreaktionen

"Gemeinsam konnten wir in diesen Untersuchungen feststellen, dass sich im Nervenwasser der Patienten vermehrt T-Zellen fanden, die erschöpft wirkten", so Heming in der Mitteilung. Ein ähnlicher Effekt besteht auch bei chronischen Erkrankungen und Krebs. Eine solche Erschöpfung entsteht, wenn T-Zellen zu lange mit Antigenen konfrontiert werden. Die sogenannte Interferon-Antwort von Neuro-Covid-Patienten, also die maßgebliche frühe Abwehrreaktion bei Viruserkrankungen, war im Vergleich zur viralen Gehirnentzündung abgeschwächt.

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Bei einem Teil der Monozyten, die sich bei der Immunabwehr zu speziellen Makrophagen wandeln, um als Fresszellen zu agieren, war diese spezifische Umwandlung nicht zu sehen. Hinweise auf das Coronavirus selbst fanden die Forschenden hingegen nicht.

Um zu klären, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Neuro-Covid und einer eingeschränkten Immunantwort gibt, sind weitere Untersuchungen nötig. Zu bedenken ist allerdings, dass jede Lumbalpunktion zur Gewinnung von Nervenflüssigkeit ein invasiver Eingriff ist, der eine Reihe an Risiken birgt. Er sollte deshalb nur durchgeführt werden, wenn es triftige medizinische Gründe gibt.

Quelle: ntv.de, jaz

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