Wissen

Mysteriöses Video aus Mexiko Experten rätseln über abgestürzten Vogelschwarm

Sogar Fachleute sprechen von einem "ganz und gar außergewöhnlichen Vorfall": Eine Überwachungskamera in Mexiko filmt, wie ein Schwarm Vögel plötzlich zu Boden stürzt. Dutzende Tiere sterben. Über die Ursache gibt es zwei mögliche Theorien.

Es sind ungewöhnliche Bilder, die eine Überwachungskamera in der mexikanischen Stadt Cuauhtémoc einfängt. Die etwas mehr als 30 Sekunden Videomaterial zeigen, wie ein gewaltiger Schwarm Gelbkopfstärlinge ohne ersichtlichen Grund zu Boden stürzt. Einige der Tiere können sich erholen und fliegen wieder los, Dutzende bleiben jedoch tot liegen. Es ist unklar, was vor der Aufnahme oder danach passierte.

Über das seltsame Ereignis berichtete eine mexikanische Lokalzeitung aus der Region Chihuahua als Erstes. Demnach ereignete sich der Vorfall bereits am 7. Februar. Die Tiere seien auf dem Weg zum Überwintern aus Nordkanada auf dem Weg nach Mexiko gewesen. Anwohnende hätten die toten Vögel am Morgen entdeckt und der Polizei gemeldet.

In dem mexikanischen Lokalblatt wird hohe Luftverschmutzung für den ungewöhnlichen Vorfall verantwortlich gemacht. Hervorgerufen worden könnte das etwa durch Holzkohleöfen oder Chemikalien aus der Landwirtschaft. Für möglich wird auch ein Stromschlag gehalten.

Ein "wirklich großer Schreckmoment"

Das sind jedoch Erklärungen, die Forschende nicht einfach so überzeugen. Der Ökologe Richard Broughton zeigte sich im "Guardian" zu 99 Prozent sicher, dass ein Raubvogel das Massensterben ausgelöst habe - auch wenn er auf dem Video nicht zu sehen ist. Der Angreifer habe den Schwarm von oben attackiert und ihn so dazu getrieben, nach unten auszuweichen, sagte Forscher vom UK-Center für Ökologie und Hydrologie. "Man kann sehen, dass sie sich am Anfang wie eine Welle verhalten, als würden sie von oben herabgespült werden", sagte er der Zeitung. Dabei seien sie auf den Boden gestürzt.

Auch Naturschutzbiologe Alexander Lees hält die These für plausibel. Ausgehend von dem Video sei für ihn die wahrscheinlichste Ursache, dass der Schwarm versucht habe, einem Angreifer auszuweichen und dabei auf den Boden aufgeschlagen sei. Es passiere sehr häufig, dass Vögel mit Gebäuden zusammenstoßen, sagte er dem "Guardian". "In einem dicht gedrängten Schwarm folgen die Tiere eher den Bewegungen des vor ihnen fliegenden Vogels, als dass sie ihre weitere Umgebung wahrnehmen."

Der Ornithologe Kevin J. McGowan schließt sich in der "Washington Post" dieser Erklärung an. Der Forscher vom Cornell Lab of Ornithology spricht von einem "wirklich großen Schreckmoment" für die Stärlinge. Um sich vor Fressfeinden zu schützen, formten die Tiere einen dichten Schwarm. Dass die Vögel vor einem Angreifer geflüchtet seien und ihnen dabei ein Missgeschick unterlief, sei die einzige Erklärung, die Sinn ergebe, sagte er.

"Ganz und gar außergewöhnlich"

Für Peter Berthold, den ehemaligen Leiter des Max-Planck-Instituts für Ornithologie, sieht die Sache jedoch anders aus. Ein Schwarm, der sich vor einem Angreifer erschrecke und auf dem Boden aufschlage? "So etwas gibt es nicht", sagte der Vogelkundler dem "Spiegel". Er geht sogar noch einen Schritt weiter. "Wenn Vögel durch Erschrecken vor Greifvögeln tot aus der Luft fallen würden, dann gäbe es gar keine Vögel mehr." Aus ihrem Alltag wüssten die Tiere, wie sie bei einem Schock reagieren müssten.

Der Ornithologe hält den Vorfall für "ganz und gar außergewöhnlich". Berthold könne sich nur vorstellen, dass ein Umwelteinfluss dafür verantwortlich sei. Auch, weil Stärlinge akrobatische Flieger seien. Die Vögel seien gemeinsam in eine Giftgaswolke hineingeflogen, vermutete er. "Irgendetwas ist unkontrolliert entwichen und hat die Vögel erwischt."

Ornithologe McGowan glaubt in der "Washington Post" trotzdem nicht daran. Vögel hätten einen großen Luftwiderstand, sie würden nicht wie Steine vom Himmel fallen. Das spricht aus seiner Sicht dagegen, dass die Tiere bereits in der Luft gestorben sind. McGowan vermutet deshalb eine "gezielte Bewegung".

Dem mexikanischen Medienbericht zufolge wurde eine Obduktion der toten Gelbkopfstärlinge angeordnet. Spätestens wenn deren Ergebnisse vorliegen, wird sich klären, warum der Schwarm auf dem Weg in den warmen Süden plötzlich abgestürzt ist. Bis dahin gibt es nur ein ungewöhnliches Video und mehrere Ferndiagnosen.

Quelle: ntv.de, ses

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen