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Der dunkle Sommer mit Schnee Forscher lösen Rätsel um das Jahr 536

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Auch in unserer Zeit hatte ein Vulkanausbruch auf Island schwerwiegende Folgen. Als 2010 der Eyjafjallajökull Aschewolken in die Atmosphäre spukte, folgte das größte Verkehrschaos der Luftfahrtgeschichte.

picture alliance / dpa

Vor rund 1500 Jahren erleben Europa und Asien einen plötzlichen Kälteeinbruch. 18 Monate lang verdunkelt sich der Himmel, eine Katastrophe jagt die nächste. Nun könnten Wissenschaftler das Rätsel gelöst haben.

Gewaltige Brände in Kalifornien, ein schier endloser Sommer in Deutschland, immer weniger Wasser im Tschadsee - wer will, kann viele Vorboten des Klimawandels erkennen. Mittlerweile wird immer deutlicher, dass die Grundlagen des Lebens in Gefahr sind. Doch es gab Zeiten in Europa und Asien, da sah es noch viel schlimmer aus.

Zum Beispiel im Jahr 536. Der US-Historiker Michael McCormick hat dieses Jahr kürzlich sogar gegenüber dem Magazin "Science" als die schlimmste Zeit bezeichnet, in der Menschen jemals leben mussten. Die Ansicht muss man nicht teilen, denn an furchtbaren Abschnitten mangelt es der Geschichte nicht. Dennoch, es stimmt, dass es vor rund 1500 Jahren besonders düster für Europa und wohl die gesamte Nordhalbkugel aussah. 18 Monate lang umhüllte ein mysteriöser Nebel ganze Landstriche und schirmte die Erdoberfläche vom Licht der Sonne ab.

Die Folge war ein Klimawandel, nur im Vergleich zu heute in die andere Richtung: Es wurde kälter. Von Irland bis Ostasien berichten die Chronisten jener Tage von Missernten, Hungersnöten und einer ungewöhnlich langen Kälteperiode. In China soll sogar im Sommer Schnee gefallen sein. Insgesamt sanken die Temperaturen um durchschnittlich 1,5 bis 2,5 Grad Celsius während der warmen Jahreszeit. McCormick zufolge war es der Beginn des kältesten Jahrzehnts der vergangenen 2300 Jahre. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie, die der Mittelalter-Spezialist der US-Elite-Universität Harvard gemeinsam mit dem US-Gletscherforscher Paul Mayewski von der Universität Maine vorgelegt hat.

Uralte Bäume verraten Geheimnisse

Im Jahr 2016 waren Geografen des Schweizer Instituts für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der Uni Gießen, Ulf Büntgen und Jürg Luterbacher, bereits auf deutliche Hinweise in diese Richtung gestoßen. Dabei halfen ihnen die Jahresringe extrem alter Baumstämme im russischen Altai-Gebirge, die mitunter für Blockhütten verwendeten worden waren. Sie wiesen nach, dass die Kälteperiode im 6. Jahrhundert noch niedrigere Temperaturen als die ebenfalls so bezeichnete "Kleine Eiszeit" zwischen dem 13. und dem 19. Jahrhundert verzeichnete. Historiker sprechen mittlerweile von der "Kleinen Eiszeit der Spätantike".

Was war die Ursache dafür? Höchstwahrscheinlich ein gigantischer Vulkanausbruch. Proben aus dem ewigen Eis zeigten, dass es in den Jahren 536, 540 und 547 mehrere solcher Eruptionen gegeben haben muss. Schon vor drei Jahren legten Forschungen des Schweizer Wissenschaftlers Michael Sigl dies nahe. Er fand heraus, dass allen längeren Kälteperioden in den vergangenen 2500 Jahren Vulkanausbrüche vorangegangen waren. Dass sich das Klima abkühlte, lag an den vulkanischen Schwefelpartikeln, die in der oberen Erdatmosphäre Sonnenlicht reflektierten und damit von der Erdoberfläche fernhielten.

Die Forschungen der US-Wissenschaftler McCormick und Mayewski sind interessant, weil sie dem Gesamtbild weitere Details hinzufügen. Sie haben einen Aufsehen erregenden Artikel in der Zeitschrift "Antiquity" vorgelegt. Darin werden die Ergebnisse einer 72 Meter tiefen Bohrung in einem Schweizer Gletscher vorgestellt.

McCormick und seine Partner waren dadurch in der Lage, neue Details zu den katastrophalen Jahrzehnten nach 536 vorzulegen. Auch sie fanden Hinweise auf den Vulkanausbruch in diesem Jahr - sie gehen davon aus, dass dieser in Island stattgefunden haben dürfte, da die entsprechenden Partikel Vulkangestein auf der Insel im Nordatlantik ähneln. Forscher wie der bereits erwähnte Schweizer Michael Sigl halten dagegen einen Ausbruch in Nordamerika für wahrscheinlicher.

Pest, Hungersnöte, Kriege

Dank modernster Hightech-Messmethoden konnte das Team um McCormick die im ewigen Eis enthaltene Luft aus vergangenen Jahrhunderten höchst detailliert analysieren und auf den Monat genau datieren. Eine entscheidende Bedeutung kam dabei dem Bleigehalt zu. Dieser gilt als wichtiges Indiz dafür, ob gerade viel oder wenig Silber abgebaut wurde. Nach 536 sank der Bleigehalt und stieg erst im Jahr 640 wieder an. Daher geht McCormick davon aus, dass die ökonomischen Folgen des Vulkanausbruchs noch über die klimatischen hinausgingen. Demnach folgten auf die anderthalb Jahre Finsternis mehr als ein Jahrhundert des wirtschaftlichen Niedergangs.

Das Team um Büntgen und Luterbacher wies darauf hin, dass in die Kleine Eiszeit der Spätantike viele historische Umwälzungen fallen - etwa die "Justinianische Pest", die Millionen Menschen das Leben kostete. Neben Hungersnöten und Krankheiten kam es zu zahlreichen Völkerwanderungen, etwa der Slawen in den mittel- und osteuropäischen Raum hinein. Selbst der rasante Aufstieg arabischer Reiche und die Ausbreitung des Islams könnte von den klimatischen Veränderungen befördert worden sein.

Es habe im arabischen Raum mehr geregnet, daraufhin habe es mehr Futter für Kamele gegeben, wodurch wiederum mehr Reittiere bei der rasanten Expansion zur Verfügung gestanden haben könnten. Büntgen behauptet aber nicht, dass die klimatischen Veränderungen der einzige Grund für diese Entwicklungen gewesen seien. "Wir können nur deskriptive Vergleiche mit den geschichtlichen Daten anstellen", sagte er der "Neuen Zürcher Zeitung".

Für ihn weisen solche Forschungsergebnisse weit über die Spätantike hinaus. Seine Untersuchungen zeigten auf, welche politischen Folgen abrupte Klimaveränderungen haben können. "Aus der Geschwindigkeit und Größenordnung der damaligen Umwälzungen können wir etwas lernen", sagte er. Die Erkenntnisse ließen sich dazu nutzen, Strategien im Umgang mit dem heutigen Klimawandel zu entwickeln. Denn eins dürfte klar sein: Dieser wird nicht nach 18 Monaten wieder vorbei sein.

Quelle: n-tv.de

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