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Ganz kurz vorm Aussterben Forscher schaffen dritten Nashorn-Embryo

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Ein Nördliches Breitmaulnashorn.

(Foto: Ami Vitale)

Das Nördliche Breitmaulnashorn ist das am stärksten vom Aussterben bedrohte Säugetier auf der Welt. Doch die Art soll weiterleben. Mit allen Mitteln der Reproduktionsmedizin machen sich deshalb Forscher daran, Nachkommen zu schaffen - und melden einen Teilerfolg.

Najin und Fatu sind die beiden letzten Exemplare ihrer Art. Die beiden Nördlichen Breitmaulnashörner sind Weibchen. Sie leben im Naturschutzgebiet Ol Pejeta Conservancy in Kenia. Mit dem Tod ihres Vaters Sudan im März 2018 ist die Art so gut wie ausgestorben. Doch das wollen Wissenschaftler nicht hinnehmen.

Dem "BioRescue Wissenschafts- und Naturschutzteam" ist es gelungen, mit gefrostetem Sperma und einer Eizelle, die Fatu bereits im September 2019 entnommen worden war, einen Embryo zu erschaffen. Dieser ist der dritte Nördliche Breitmaulnashorn-Embryo, der zur Rettung der Art durch künstliche Befruchtung im Labor entstanden ist. Die Prozedur wurde bereits am 17. Dezember 2019 vorgenommen. Sie hat sich als sicher erwiesen und kann solange regelmäßig durchgeführt werden, bis die Tiere zu alt sind, schreibt der Forschungsverbund Berlin e.V. in einer Mitteilung.

"Unser erneuter Erfolg bei der Erzeugung von Embryos aus Eizellen von Fatu zeigt, dass das BioRescue-Programm auf dem richtigen Weg ist. Nun wird das Team alles daran setzen, das gleiche Ergebnis auch für die 30-jährige Najin zu erreichen, bevor es für sie zu spät ist. Im Jahr 2020 wollen wir einen Nördlichen Breitmaulnashorn-Embryo in eine erste Leihmutter übertragen, um so das Überleben des Nördlichen Breitmaulnashorns zu sichern", fasst Thomas Hildebrandt, Leiter der Abteilung für Reproduktionsmanagement des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, die Ergebnisse zusammen.

Tierische Leihmutter wird gesucht

Die Vorbereitungen für die nächsten Schritte der Mission zur Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns laufen bereits auf Hochtouren. Parallel dazu sollen weitere Embryos erzeugt werden. Aus einer Gruppe Südlicher Breitmaulnashörner in der Ol Pejeta Conservancy wird derzeit ein passendes Weibchen als Leihmutter ausgewählt. Die beiden Dickhäuterinnen Fatu und Nanji können aufgrund von Unterleibsproblemen selbst keine Kälbchen mehr austragen.

Um die bestmöglichen Ergebnisse für die Arbeit mit den Embryos des Nördlichen Breitmaulnashorns zu erzielen, stützt sich das BioRescue-Team auf seine bisherigen Erfahrungen im Embryotransfer bei Südlichen Breitmaulnashörnern in europäischen Zoos. Samen- und Einzellgewinnung, künstliche Befruchtungen und Leihmutterschaften werden bereits von den Forschern durchgeführt. Auf diese Weise sollen den Tieren mit Reproduktionsproblemen in europäischen Zoos geholfen werden. Obwohl noch Forschungsbedarf besteht, rechnet das Team damit, dass ein erster Transfer eines Nördlichen-Breitmaulnashorn-Embryos Ende 2020 erfolgen kann. Bis dahin liegen alle Embryos sicher im flüssigen Stickstoff.

Zusätzlich zur Eizellenentnahme transportierte das BioRescue-Team im Dezember 2019 auch kryokonserviertes Sperma von Sudan, dem letzten Nördlichen-Breitmaulnashorn-Männchen, das im März 2018 verstarb, von Kenia nach Deutschland. Ziel ist es, das Sperma in Zukunft für die Produktion weiterer Embryos zu verwenden. Da die Proben jedoch erst 2014 gewonnen wurden, als Sudan bereits über 40 Jahre alt war, muss zunächst geprüft werden, ob sie für diesen Einsatzzweck noch geeignet sind.

Parallel dazu arbeiten Forscher des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin an Stammzelltechnik, um aus erhaltenen Nashorn-Körperzellen Spermien und Eizellen zu züchten. Denn nur so könnte man eine genetische Vielfalt herstellen, die für den Aufbau einer Population groß genug wäre.

Doch nicht alle Wissenschaftler sind von diesen Erfolgen begeistert. "Es ist absolute Zeitverschwendung", sagt der Evolutionsbiologe Stuart Pimm von der Duke University in Durham, North Carolina. Um Arten vor der Ausrottung zu schützen, müsse man das eigentliche Problem lösen: den Konflikt zwischen Mensch und Tier.

Quelle: ntv.de, jaz