Wissen

Kinder aus rumänischen Heimen Frühe Vernachlässigung, kleineres Gehirn?

imago88573418h.jpg

Grafische Darstellung eines Kindergehirns.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Das Gehirn kann nach Verletzung oder Unfall viele Defizite wieder ausgleichen. Diese Neuroplastizität des Hirns hat jedoch ihre Grenzen, finden Forscher nun heraus. Besonders wenn am Anfang eines Lebens wichtige Dinge fehlen, wie bei den Kindern aus den rumänischen Heimen.

Kleine Kinder brauchen Nahrung, Kleidung, Pflege, Wärme und Zuwendung, um sich gut entwickeln zu können. Fehlt etwas, entstehen Defizite. Wie sich die schockierenden Zustände in den Waisenhäusern Rumäniens zu Zeiten des Diktators Nicolae Ceaușescus auf die Entwicklung des Gehirns von Betroffenen auswirkten, haben Wissenschaftler vom King's College London nun herausgefunden, wie der britische "Guardian" berichtet.

Die Forscher, deren Ergebnisse bei PNAS veröffentlicht wurden, haben insgesamt 88 Menschen im Alter auf verschiedene Arten untersucht. 67 davon waren in ihrer Kindheit mindestens 3 und höchstens 41 Monate in einem rumänischen Kinderheim untergebracht und wurden nach dem Zusammenbruch Rumäniens von britischen Familien adoptiert. Die restlichen 21 Erwachsenen wurden in Großbritannien geboren und in den ersten sechs Monaten ihres Lebens adoptiert.

Die Forscher nahmen vor allem die Gehirne ihrer Probanden ganz genau unter die Lupe. Mit Scans wurden die verschiedenen Bereiche des Hirns abgebildet und vermessen. Die Auswertungen der Bilder zeigen, dass die rumänischen Adoptierten im Schnitt ein um 8,6 Prozent kleineres Gehirn haben als die Adoptierten aus Großbritannien. Die Analyse der Daten zeigt außerdem, dass jeder Monat mehr, den ein Kind in einem Heim in Rumänien untergebracht war, zu einem geringeren Volumen des Gehirns von einem Kubikzentimeter führte. "Je mehr Entbehrungen sie hatten, desto kleiner ist ihr Gehirn", fasst Edmund Sonuga-Barke, der ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat, die Ergebnisse laut "Guardian" zusammen. Das kann sich bei den Probanden aus Rumänien im Vergleich zu den britischen Adoptierten in verringerter Intelligenz und Aufmerksamkeitsdefizitsyndromen äußern.

Liebevolle Adoptivfamilien reichten nicht

imago94924334h.jpg

Ein ängstlicher Junge im Januar 1990 in einem Waisenhaus in der Nähe von Bukarest.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Bereits in früheren Studien mit Adoptierten konnte gezeigt werden, dass diese in ihrer Kindheit unter einer Reihe von Problemen litten, darunter vor allem kognitive Schwierigkeiten und Aufmerksamkeitssyndrom mit Hyperakitivität. Einige dieser Probleme konnten bis ins Erwachsenenalter hinein kompensiert werden. Als Erwachsene hatten die Adoptierten dann vor allem mit Depressionen und Angst zu kämpfen.

Die neuen Befunde zeigen jedoch, dass auch die Aufnahme in eine liebevolle Familie in frühester Kindheit diese Defizite nicht vollständig wieder ausgleichen kann. Das bestätigt auch Sonuga-Barke: "Der auffälligste Befund ist, dass die Auswirkungen auf das Gehirn bestehen geblieben sind."

Als Gründe für die verminderte Entwicklung des Gehirns vermuten die Forscher eine Reihe von Faktoren, darunter fehlende Erfahrungen und chronischer Stress, den die Kinder in den ersten Lebensmonaten in den Waisenhäusern Rumäniens hatten. Der Mangel an Stimulation, sozialer Interaktion und Bindung seien außerdem als Erklärung denkbar, wird Sonuga-Barke weiter zitiert, ebenso wie Unterernährung, genetische Faktoren und ethnische Dispositionen.

In dem von Ceaușescu geführten Land waren per Gesetz von 1966 Abtreibungen und Empfängnisverhütung verboten. In der Folge waren viele Kinder ungewollt oder durch versuchte Abtreibungen behindert. Diese sogenannten Dekretkinder wurden in Heimen untergebracht. Die Zustände dort waren katastrophal. Das gesamte Bild der Verwahrlosung der Waisenkinder zeigte sich nach dem Zusammenbruch der Diktatur 1989. Die Kinder waren unterernährt, lebten oftmals im Dreck und wurden völlig unzureichend betreut.

Quelle: ntv.de, jaz