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Ein bisschen Gott spielen Geo-Engineering: Trumpf oder Bedrohung?

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Ähnlich wie bei Vulkanausbrüchen könnten Ballons Schwefeldioxid in die Stratosphäre bringen. Die Partikel würden dann Sonnenlicht reflektieren. Die Folge: Auf der Erde wird es nicht so heiß. Eine Idee, die ihre Tücken hat.

(Foto: Hughhunt/Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

Seit mehreren Jahren ist es im Gespräch: Der Einsatz ausgefeilter Technologien könnte der Erderwärmung entgegenwirken, so die Idee. Beim Climate Engineering, auch Geo-Engineering genannt, will der Mensch die Klimaentwicklung manipulieren. Die Ideen reichen von Meeresdüngung bis hin zu reflektierenden Spiegeln im All. Ist Climate Engineering das Ass im Ärmel, wenn Klimaverhandlungen weiterhin ergebnislos verlaufen? Befreit es die Welt von der Aufgabe, die Kohlendioxid-Emissionen von vornherein drastisch zu reduzieren? n-tv.de spricht mit Prof. Mark Lawrence, dem Wissenschaftlichen Direktor und Klimaforscher am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Lawrence erzählt, was von Climate Engineering zu halten ist, wie realistisch die Umsetzung ist und welche Chancen und Risiken es birgt.

n-tv.de: Herr Professor Lawrence, ist Climate Engineering Science-Fiction oder tatsächlich eine ernst zu nehmende Option?

Mark Lawrence: Es ist beides. Zurzeit sind alle Climate-Engineering-Techniken Science-Fiction. Keine ist so weit entwickelt, dass sie im großen Stil eingesetzt werden könnte. Aber es gibt einige Techniken, die mittelfristig ernst zu nehmende Optionen sein könnten. Andere jedoch, wie zum Beispiel Spiegel im All, die das Sonnenlicht reflektieren, werden lange Zeit Science-Fiction bleiben.

Ist Climate Engineering der Ausweg, wenn alle Klimaverhandlungen scheitern? Ist es der Trumpf in der Tasche?

Wir haben in diesem Sommer eine Studie für die Europäische Kommission herausgebracht und ein Ergebnis ist: Es ist unklug, zu erwarten, dass die diskutierten Climate-Engineering-Techniken innerhalb des kommenden Jahrzehnts, wahrscheinlich sogar innerhalb der nächsten paar Jahrzehnte, eingesetzt werden können. Das liegt an der Vielzahl von wissenschaftlichen, technischen und auch gesellschaftlichen Unsicherheiten und Herausforderungen, die damit verbunden sind. Allerdings könnte es sein, dass in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts solche Herausforderungen – vor allem, wenn es um die Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre geht – überwunden werden können.

Das bedeutet, das Ziel, die Kohlendioxid-Emissionen ohne Climate Engineering zu reduzieren, muss weiterhin Priorität haben?

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Viele verschiedene Ansätze zur Kilma-Manipulation werden diskutiert.

(Foto: Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS))

Genau. Ohnehin gilt: Alle Techniken des Climate Engineering sind ganz klar kein Ersatz für die starke Reduzierung der CO2-Emissionen.

Welche Methoden des Climate Engineering sind denn im Gespräch?

Die Ideen teilen sich auf in zwei Hauptbereiche: Der eine Technologiebereich setzt auf die Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre, der andere auf die verstärkte Reflexion von Sonnenlicht.

Wie könnte man das anstellen, CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen?

Eine Methode wäre die Aufforstung in großem Stil, eine andere wäre die Kombination von Bioenergie - also Energie, die aus Biomasse gewonnen wird - mit CO2-Speicherung. Das CO2 wird dann bei der Verbrennung der Biomasse abgetrennt und unterirdisch eingelagert. Alternativ könnte CO2 aus der freien Luft mit chemischen Filtern entzogen werden. Und dann wird noch die Möglichkeit der Eisendüngung erforscht. Dabei würde man bestimmte Gebiete der Meere mit Eisen düngen, um das Algenwachstum zu fördern. Mehr Algen, mehr Photosynthese, weniger CO2 in der Atmosphäre – das ist die Idee dahinter. Ein solcher Eingriff wäre jedoch mit erheblichen Risiken verbunden.

Auf die Risiken kommen wir noch. Bleiben wir einen Moment bei den Methoden: Wie könnte es gelingen, dass weniger Sonnenlicht auf die Erde trifft?

Hier diskutiert man zum Beispiel, Aerosolpartikel in die Stratosphäre zu bringen, also auf etwa 20 Kilometer Höhe. Die würden dann einen Teil der Sonnenstrahlung ins All reflektieren und dadurch die Erderwärmung abschwächen. Eine weitere Idee ist es, Wolken über den Meeren aufzuhellen – mit bestimmten Partikeln wie Meersalz, die man in die Wolke sprüht. Je heller die Wolken, umso mehr Sonnenlicht können sie reflektieren.

Welche dieser Methoden hat man bereits ausprobiert?

Von den Methoden, Kohlendioxid zu entfernen, wurden und werden einige getestet, zum Beispiel aktuell die CO2-Filtermethode; von den Methoden, Sonnenstrahlung zu reflektieren, noch keine einzige – jedenfalls nicht in großen, atmosphärischen Untersuchungen.

Zu welchen Ergebnissen ist man bei den Tests gekommen? Waren sie vielversprechend?

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Bei der Aufforstung etwa wissen wir, dass sie in kleinen Ökosystemen sehr gut funktioniert, aber in wirklich großem Maßstab wirft das viele ungelöste Fragen auf, etwa die, wie Ökosysteme und Biodiversität sich ändern würden. Für die Kombination von Bioenergie mit CO2-Speicherung gibt es Versuchsanlagen, in denen die Technik schon prinzipiell funktioniert. Aber wie es bei ihrer Anwendung im großen Rahmen aussähe, wissen wir auch hier nicht. Für den Entzug von CO2 aus der Umgebungsluft gibt es Prototypen, die haben aber einen hohen Energiebedarf. Es wären um die 1000 große Kraftwerke nötig, um diese Prototypen anzutreiben, wenn man die aktuellen Emissionen aus der Luft entfernen wollte. Bei der Eisendüngung – ich hatte es bereits angedeutet – hat sich gezeigt, dass die damit verbundenen Unklarheiten, Nebenwirkungen und Risiken den beabsichtigten Nutzen mit ziemlicher Sicherheit übersteigen würden.

Welche Risiken birgt die Eisendüngung denn?

Bei den Meeresbewohnern käme es zu Veränderungen in der Nahrungskette. Außerdem nimmt Phytoplankton, also Kieselalgen, Grünalgen, Blaualgen et cetera, zwar CO2 auf für die Photosynthese, produziert aber jede Menge andere, zum Teil klimawirksame Gase. Und wenn das Phytoplankton durch Bakterien abgebaut wird, entsteht dabei Lachgas. Das ist ein 300fach stärkeres Treibhausgas als CO2.

Und wie steht es bei den Techniken zur Reflexion des Sonnenlichts um die Risiken?

Auch hier gibt es mehrere Probleme. Der mögliche positive Effekt von solchen Climate-Engineering-Technologien, nämlich eine Kühlung des Klimas, wäre nicht gleichmäßig auf dem ganzen Planeten verteilt. Außerdem hätten die Technologien Auswirkungen auf die Niederschlagsmengen und –verteilungen, auf stratosphärisches Ozon und sogar auf die Himmelsfarben. Und dann sind da ja vor allem noch die sozial-gesellschaftlichen Risiken, die mit den Techniken einhergehen.

Welche konkret sind das? Warum müsste Climate Engineering auch gesellschaftlich und ethisch diskutiert werden?

Da gibt es viele Gründe. Ein ganz zentraler ist die Frage, wie man überhaupt auf internationaler Ebene eine demokratische Entscheidung zum Climate Engineering treffen könnte. Schließlich hätte jede Climate-Engineering-Technik – wenn sie in großem Maßstab eingesetzt wird – einen Einfluss auf die ganze Welt. Bei den Sonnenstrahlungstechniken kämen die unterschiedlichen Wirkungen in bestimmten geografischen Regionen hinzu.
Sollte eine internationale demokratische Entscheidung nicht gelingen, Climate Engineering aber trotzdem von einem Staat eingesetzt werden, besteht das Risiko, dass es zu internationalen Konflikten kommt. Das liegt auf der Hand, wenn eine Nation die folgenreichen Techniken anwenden würde, eine andere Nation damit aber nicht einverstanden wäre.
Aber schon bevor es so weit kommt, müssen wir uns mit den grundlegenden ethischen Aspekten auseinandersetzen: Für einige Menschen bedeutet Climate Engineering, Gott zu spielen. Für sie ist die Anwendung solcher Techniken daher ethisch ausgeschlossen. Andere haben eher Sorgen praktischer Art: Wenn man Climate Engineering als Option angehen würde, könnte es die Motivation zu den notwendigen Bemühungen, Emissionen zu reduzieren, deutlich schwächen.

Welche Alternativen zum Climate Engineering gibt es?

Für eine nachhaltige Interaktion mit der Atmosphäre gibt es keine Alternative zur Reduktion der CO2-Emissionen. Wir Menschen beeinflussen die Atmosphäre und die Umwelt, um zu überleben. Aber das muss endlich auf eine Weise geschehen, die andere Menschen auf der Erde und vor allem nachkommende Generationen und ihre Lebensgrundlagen nicht bedroht.

Welche Maßnahmen sind da geeignet?

CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen, könnte später einmal bei der Stabilisierung eines reduzierten CO2-Wertes helfen, nicht aber das eigentliche Problem lösen: unsere enormen jährlichen Emissionen von CO2 und anderen klimawirksamen Stoffen. Vielmehr geht es um die Dekarbonisierung, also die radikale Reduzierung der Emissionen aus fossilen Brennstoffen. Diese erreicht man durch verschiedene Maßnahmen: durch mehr erneuerbare Energien, weniger umweltbelastende Transportmittel und ein weniger umwelt- und menschenbelastendes Konsumverhalten. Zu Letzterem gehört unter anderem ein geringerer Fleischkonsum, denn die intensive Fleischproduktion ist klimabelastend – etwa, weil Kühe eine große Quelle für das Treibhausgas Methan sind. Durch all diese Maßnahmen ließe sich unser schädigender Einfluss auf die Atmosphäre nachhaltig mindern. Und nur durch solche Maßnahmen. Es ist ganz klar: Climate Engineering kann sie nicht ersetzen.

Mit Prof. Mark Lawrence sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

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