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Strategie gegen das Coronavirus Gibt es nur noch einen Ausweg?

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Wie sieht der Weg aus der Corona-Krise aus?

(Foto: imago images/CHROMORANGE)

Wie wird das Ende der Corona-Pandemie aussehen? Viel wurde in den vergangenen Wochen diskutiert und abgewogen. Im Raum stand etwa das Erreichen einer Herdenimmunität der Bevölkerung. Doch diese birgt große Risiken - womit eine andere Lösung in den Vordergrund rückt.

Die Coronavirus-Pandemie ist in Deutschland vorerst eingedämmt - aber zu Ende ist sie damit noch lange nicht. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt zwar. Aber um das Virus Sars-CoV-2 nachhaltig loszuwerden, gibt es nach derzeitigem Kenntnisstand nur zwei Wege. Der erste: Das Virus wird durch Quarantänemaßnahmen ausgerottet. Oder der zweite: Die Bevölkerung wird immun gegen den Erreger.

Die erste Variante klingt verlockend, ist aber wohl kaum umsetzbar. Auch wenn in Deutschland mittlerweile eine wichtige Voraussetzung dafür gegeben ist: Die sogenannte Reproduktionszahl R ist in den vergangenen Tagen auf einen Wert niedriger als 1,0 gesunken. Das bedeutet, dass ein Corona-Infizierter im Schnitt weniger als einen weiteren Menschen ansteckt. Grund sind vor allem strenge Maßnahmen wie Kontaktverbote und Schulschließungen. Bleibt die Reproduktionszahl unter 1,0, würde die Zahl der Infizierten immer weiter sinken, bis das Virus ausgerottet ist.

Doch dabei gibt es erhebliche Schwierigkeiten: Zum einen droht durch die Lockerung der strengen Maßnahme ein erneuter Anstieg der Reproduktionszahl über 1,0. Wäre das der Fall, müssten die Maßnahmen wieder verschärft werden - mit unvorhersehbaren Folgen für die Wirtschaft. Zum anderen: Selbst wenn hierzulande die Zahl der Infizierten auf null gesenkt würde, drohte eine erneute Einschleppung des Erregers aus dem Ausland. Gerade für Deutschland in seiner zentralen Lage in Europa dürfte es "aufgrund der Pendlerströme und Wirtschaftsverkehre" schwer sein, das zu verhindern, betonte zuletzt Kanzleramtschef Helge Braun. Ohne eine - kaum umsetzbare - massive Abschottung gegen das Ausland ist diese Variante also hinfällig.

Dann wäre da noch Variante zwei: Die Bevölkerung wird immun gegen das Virus. Im Fall von Sars-CoV-2 gehen Experten davon aus, dass mindestens 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung eine solche Immunität aufweisen müssten, damit die Pandemie auch ohne soziale Distanzierung und andere Eindämmungs-Maßnahmen zum Erliegen kommt. Eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus und eine Überlastung des Gesundheitssystems wären damit erstmal vom Tisch. Aber wie kann das funktionieren?

Das Problem mit der Herdenimmunität

Bisher wurde von Experten immer wieder ins Spiel gebracht, die Corona-Pandemie quasi kontrolliert fortschreiten zu lassen, damit sich irgendwann 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung auf natürlichem Wege angesteckt haben. Diese nach ihrer Genesung immunen Menschen könnten dann auch die restlichen 30 bis 40 Prozent - etwa die besonders gefährdeten Risikogruppen - schützen, da sie den Erreger wie eine Schutzmauer abblocken. Von einem Herdenschutz oder einer Herdenimmunität ist dabei die Rede. In Schweden etwa wird derzeit gehofft, diesen Zustand zu erreichen.

Doch die Sache mit der Herdenimmunität hat gleich mehrere Haken: "Einen ausreichenden Teil der Bevölkerung natürlich zu immunisieren heißt, dass alle diese Erkrankung durchmachen", betont Epidemiologin Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig gegenüber ntv.de. In Deutschland müssten also mindestens 50 Millionen Menschen an Covid-19 erkranken. Das hätte auch bei einer vergleichsweise geringen Fallsterblichkeit immer noch sehr viele Todesopfer zur Folge.

Zugleich kann das Virus auch mit einer Herdenimmunität nicht endgültig besiegt werden: "Man muss sich klarmachen, dass bei einer Immunisierung von 60 oder 70 Prozent nicht alles plötzlich stoppt", sagt Lange. Es könne dann immer noch zu Infektionen kommen. Zwar gehe die Verbreitung des Erregers in der Gesamtbevölkerung zurück - in einzelnen Gruppen jedoch, die eine geringe Immunisierung durchgemacht haben, könne sie auch wieder zunehmen, so Lange. Also möglicherweise in gerade jenen nicht-immunen Risikogruppen, die zuvor isoliert wurden.

Auch Kanzleramtschef Braun, der selbst Arzt ist, bezeichnet das Erreichen einer Herdenimmunität als unrealistisch: "Um nur die Hälfte der deutschen Bevölkerung in 18 Monaten zu immunisieren, müssten sich jeden Tag 73.000 Menschen mit Corona infizieren", so Braun. "So hohe Zahlen würde unser Gesundheitssystem nicht verkraften und könnten auch von den Gesundheitsämtern nicht nachverfolgt werden. Die Epidemie würde uns entgleiten."

Eine weitere Unsicherheit beim Thema Herdenimmunität: Bisher steht nicht letztendlich fest, dass Menschen, die Covid-19 überstanden haben, danach auch immun sind. "Wir gehen zwar davon aus, dass es einen immunisierenden Effekt hat", sagt Epidemiologin Lange. Allerdings sei bisher unklar, wie hoch dieser ist. Berichten aus Asien, wonach sich Corona-Patienten ein zweites Mal ansteckten, begegnen viele Experten allerdings mit Skepsis. Sie halten es für eher unwahrscheinlich, dass es sich tatsächlich um eine erneute Ansteckung handelt.

Es bleibt wohl nur eine Option

Eine schnelle Ausrottung des Virus scheint also unwahrscheinlich, das Erreichen einer Herdenimmunität auf natürlichem Wege ist mit großen Risiken und Unsicherheiten verbunden. Welcher Weg bleibt also?

Eine alternative Strategie scheint sich zuletzt immer mehr durchzusetzen: Warten, bis ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 vorhanden ist. Die Forschung an einem Corona-Vakzin läuft bereits auf Hochtouren. Bisher ist aber unklar, wann eine Impfung zur Verfügung steht. Experten gehen von frühestens kommendem Jahr aus. Bis dahin heißt es also: durchhalten. "Bis es einen Impfstoff gibt, werden wir miteinander und aufeinander aufpassen müssen", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im ZDF. Die Abstandsgebote und verschärften Hygieneregeln werden nach seiner Einschätzung noch lange gelten, wohl noch "über Monate".

Auch in dem jüngsten Beschluss von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Regierungschefs der Länder zur Eindämmung der Covid-19-Epidemie steht: "Ein Impfstoff ist der Schlüssel zu einer Rückkehr des normalen Alltags." Für den australischen Epidemiologen Archie Clements steht mit Blick auf ein Ende der Corona-Pandemie ebenfalls fest: "Die einzige wirkliche Lösung ist ein Impfstoff."

Ist ein Impfstoff einmal vorhanden, wird nicht nur ein Teil der Bevölkerung immunisiert - wie bei der natürlichen Herdenimmunität -, sondern bestenfalls alle Menschen. Vor allem die Corona-Risikogruppen, also Menschen über 70 Jahren oder mit einer Vorerkrankung, könnten mit einem Impfstoff als erste gegen den für sie besonders gefährlichen Erreger geschützt werden. Und großen Teilen der Bevölkerung bliebe zudem eine Erkrankung an Covid-19 erspart.

Es wäre eine tatsächlich nachhaltige Lösung der Corona-Krise, denn das Virus könnte so bestenfalls weltweit ausgerottet werden. Aber dieses Vorgehen hat ebenfalls seine Tücken: Wie lange hält die Bevölkerung das strikte Einhalten von scharfen Hygiene- und Abstandsmaßnahmen durch? Bis der Impfstoff da ist? Und inwieweit kann währenddessen die Volkswirtschaft zum "business as usual" zurückkehren? Der Wiener Infektiologe Christoph Wenisch dämpfte im österreichischen Radiosender Ö1 bereits Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Corona-Krise. "Einen normalen Alltag gibt es erst nach Covid-19. Das wird frühestens 2022 oder im 2023er-Jahr sein, wenn die Impfung da ist." Alles andere wäre "verfrüht zu sagen".

Quelle: ntv.de