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Schutz durch Antikörper Ist man nach Sars-CoV-2-Infektion immun?

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Die Grafik zeigt weiße Blutkörperchen um ein Coronavirus.

(Foto: imago images/Westend61)

Je mehr Menschen sich mit einem Virus infiziert haben, desto mehr müssen dagegen immun sein. So lehrt es die Infektionsmedizin. An welcher Stelle sich das Immunsystem anders zu Sars-CoV-2 verhält und wie lange eine Immunität aktiv sein könnte, erklärt ntv.de.

Medikament, Impfung oder Immunität - seit Beginn der Corona-Pandemie gehört eine mögliche Immunität zu den wichtigsten Überlegungen für eine Normalisierung. Das Problem ist bisher, dass noch immer nicht klar ist, inwieweit Menschen nach einer durchgemachten Infektion tatsächlich vor einer erneuten Ansteckung geschützt sind.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzte Ende April ein: "Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass Personen, die sich von Covid-19 erholt haben und Antikörper haben, vor einer zweiten Infektion geschützt sind." Diese Einschätzung wurde bis heute nicht revidiert. Allerdings gab es dagegen Widerspruch, unter anderem vom Berliner Virologen Christian Drosten. Er sagte im NDR-Podcast: "Ich gehe weiter vollkommen davon aus, dass es eine Immunität gibt."

Dass eine Aussage dazu nicht leicht zu treffen ist, liegt daran, dass die Immunabwehr des Menschen ein sehr komplexes System ist. Eine besondere Rolle spielen darin die T-Zellen. Sie springen zusätzlich und gemeinsam mit anderen Teilen der Immunabwehr ein, wenn es dem angeborenen Immunsystem nicht gelingt, Krankheitserreger zu vernichten. Allerdings müssen sie den Feind dafür erst einmal kennenlernen. Das dauert eine gewisse Zeit, dann funktioniert die Abwehr jedoch deutlich besser, weil die Immunantwort sozusagen maßgeschneidert ist. Außerdem wird die Information abgespeichert und ist beim nächsten Kontakt mit dem Erreger sofort abrufbar.

Antikörper sagen nicht so viel

Im Wissenschaftsmagazin "Science" wurde über zwei Studien berichtet, bei denen im Blut genesener Patienten T-Zellen gefunden wurden, die unmittelbar für das Sars-Cov-2 gebildet wurden. Die Studien stammen von Immunologen am La Jolla Institute for Immunology in den USA und von Immunologen der Charité in Berlin.

In beiden Studien gab es auch einige Probanden, die nie mit Sars-CoV-2 infiziert waren und trotzdem diese zellulären Abwehrkräfte haben. Die Forscher gehen davon aus, dass diese Menschen zuvor mit anderen Coronaviren infiziert waren. Forscher nennen diesen Effekt "Kreuzreaktivität". Sie könnte nach Ansicht der Forscher ein Grund dafür sein, dass ein großer Teil der Bevölkerung nicht schwer erkrankt. Bisher wurde das jedoch noch nicht in Studien untersucht.

Ungeklärt ist auch weiterhin, ob Menschen, die Antikörper haben, tatsächlich vor einer erneuten Ansteckung sicher sind und vor allem wie lange. Antikörpertests, die entwickelt wurden, geben bislang lediglich Auskunft darüber, ob es in der Vergangenheit eine Sars-Cov-2-Infektion gegeben hat. Weltweite Erfahrungen zeigen jedoch, dass 10 bis 20 Prozent der Infizierten kaum oder gar keine nachweisbaren Antikörper im Blut haben. Das könnte an der Ungenauigkeit der Tests liegen, an speziellen Eigenschaften des Coronavirus oder auch an der individuellen Abwehr dieser Menschen.

Was die Dauer der Immunität angeht, gibt es bestimmte Erfahrungswerte. In der Sars-Epidemie 2002/03, die ebenfalls durch ein Coronavirus verursacht wurde, lag die erreichte Immunität bei bis zu zwei Jahren. Bei anderen Coronaviren liegt sie lediglich bei etwa drei Monaten. Wissenschaftler des Imperial College in London haben Modellberechnungen gemacht, nach denen die Immunität für mindestens eine weitere Saison besteht. Im Vergleich: Nach einer überstandenen Masern-Infektion ist man lebenslang immun. Charité-Immunologe Drosten nimmt an, dass die Menge der Antikörper bei Sars-Cov-2 mit der Zeit nachlässt. Er gibt aber auch zu bedenken, Antikörper alleine bewerkstelligen nicht die Immunität. Sie seien nur "ein Anzeiger von einer überstandenen Infektion".

Viele Unsicherheitsfaktoren

Derzeit gehen die Wissenschaftler davon aus, dass es den einen Wert für alle nicht gibt. Sie begründen das damit, dass das Immunsystem jedes Menschen anders konfiguriert ist. Dabei spielen das genetische Erbe, Krankheiten, die bereits durchgemacht wurden und der Lebensstil eine Rolle.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sind mögliche Mutationen des Virus. Sars-Cov-2 könnte sich so stark verändern, dass die Immunabwehr es nicht mehr als bereits bekannten Eindringling erkennt. Außerdem könnte der Mutationsdruck auf das Virus steigen, wenn immer mehr Menschen immun werden. Bislang ist das jedoch nicht der Fall. In verschiedenen Ländern wurden Virus-Genome untersucht, dabei wurde die zeitweise Annahme widerlegt, dass es inzwischen zwei Stämme gibt. Derzeit gehen die Forscher davon aus, dass es sich immer noch um das Ausgangsvirus handelt, dass auch nicht gefährlicher wird.

Damit steigt zunächst einmal die Zahl der Menschen, die eine individuelle Immunisierung durchlaufen und damit zumindest zeitweise vor einer Neuinfektion geschützt sind. Außerdem erleichtert ein stabiles Virus die Suche nach einem Impfstoff.

Quelle: ntv.de