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Psychologe über Schaulust "Jeder Mensch ist ein Gaffer"

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Gaffer blicken von einer Brücke aus auf einen Unfall.

(Foto: picture alliance / Lino Mirgeler)

Wenn ein Unfall passiert, sind Gaffer meist nicht weit. Schlimmstenfalls fotografieren und filmen sie Opfer und behindern Rettungskräfte. Im Gespräch mit n-tv erklärt der Verkehrspsychologe Haiko Ackermann, warum Menschen sich so verhalten.

n-tv.de: Warum gaffen Menschen?

Haiko Ackermann: Jeder Mensch hat den Drang, neugierig zu sein und diese Neugier zu befriedigen. Gaffen ist eine Abwandlung der Neugier, es ist eine egoistische Variante von Neugierde. Das Wort "Gier" steckt ja im Wort "Neugier" drin. Ich befriedige also eine Gier und hasche nach Sensation.

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Verkehrspsychologe Haiko Ackermann

(Foto: Privat)

Wo hat Gaffen seinen Ursprung?

In früheren Zeiten, als wir noch im Freien gelebt haben, ist Neugier eine ganz wichtige Lebenseigenschaft gewesen. Der Mensch hat seine Umwelt beobachtet, um zu erkennen, ob eine Gefahr droht. Neugierde hat uns geschützt und gerettet. Der Mensch konnte seine Umwelt beherrschen, indem er neugierig auf sie zugegangen ist und sie visuell und akustisch abgetastet hat.

Aber mittlerweile ist Neugier nicht mehr lebensnotwendig.

Gaffen ist ein Kitzel. Immer, wenn etwas los ist, auch wenn es Bratwürste für 50 Cent gibt, dann strömen alle hin, um ein Schnäppchen zu machen. Es ist eine Lustbefriedigung, am Ort des Geschehens zu sein. Bei Unfällen kommt noch hinzu, dass der Mensch guckt, um sich zu vergewissern, dass er nicht von diesem Unglück betroffen ist. Ich würde das als milde Form der Schadenfreude bezeichnen. Außerdem gaffen Menschen heute, weil es die sozialen Medien gibt, in denen alles gepostet wird. Heutzutage kann ein normaler Mensch ein Internet-Star werden, wenn er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und dabei Filme dreht. Er kann einen spektakulären Unfall filmen oder einen nackten Promi am Strand. Beides hat mit Gaffen zu tun. Generell gilt: Sobald etwas Spektakuläres passiert, gucken die Leute und wollen dabei sein.

Würden Sie also sagen, dass auch die zunehmende Digitalisierung schuld am Gaffen ist?

Die Digitalisierung ist nicht schuld, aber sie fördert das Gaffen. Denn Menschen, die darauf bedacht sind, Fotos oder Filme zu machen, sind natürlich motiviert, als Erster am Ort zu sein und Dinge abzulichten.

Was ist der Gaffer für ein Mensch?

Er gehört zu den ganz normalen Menschen. Ernsthaft: Jeder Mensch ist ein Gaffer. Wenn ich mir die Nachrichten im Fernsehen anschaue und das Erdbeben in Italien und die Überschwemmung in China ansehe, ist das Gaffen. Nur ist es nicht strafbar, wenn ich im Wohnzimmer sitze und die Nachrichten gucke. Der Gaffer, über den wir hier reden, macht sich strafbar, weil er Persönlichkeitsrechte missachtet und - schlimmer noch - Einsatzkräfte behindert.

Sind Gaffer eher männlich oder weiblich?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zuerst überlegen, was am Ende des Gaffens steht. Da steht das Handy, mit dem ein Film gedreht wird und der wird dann ins Internet gestellt. Und man kann sich selber in der Persönlichkeit erhöhen, wenn man schreibt, ich war dabei, ich bin der Erste, ich hab' alles auf Band. Es geht um die Befriedigung des eigenen Narzissmus. Die Menschen, die so etwas machen, erhöhen sich künstlich. Und ich würde sagen, dass Männer eher den Drang dazu haben.

Gibt es eine Gruppendynamik?

Auf jeden Fall. Es gibt Rudelbildung. Wenn etwas passiert und nur zwei Leute stehen da, dann wird nicht viel passieren. Aber wenn da sechs Leute stehen, dann bleiben andere schon eher stehen. Sie haben das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn sie nicht gucken. Das, was da passiert ist, scheint schließlich spannend zu sein. Sonst würden dort ja nicht so viele Leute stehen.

Würden Sie sagen, dass wir immer mehr abstumpfen?

Natürlich stumpfen die Leute ab. Im Fernsehen gibt es ja eine Katastrophe nach der anderen zu sehen. Irgendwann ist es nicht mehr so spektakulär, überschwemmte Gebiete nur aus der Ferne zu beobachten. Und da suchen manche Leute den persönlichen Thrill, persönlich am Ort des Geschehens zu sein.   

Politiker fordern höhere Strafen für Gaffer. Wird das Ihrer Meinung nach die Schaulust eindämmen?

Sie verwenden ja schon das Wort "Schaulust". Das steckt also das Wort "Lust" drin. Und wo die Lust hintersteckt, handelt es sich um Phänomene, die immer wieder passieren. Zumal der Schaulustige auch nicht davon ausgeht, erwischt zu werden. Und die meisten werden auch gar nicht erwischt. Die stehen da, stören andere, gaffen und sind dann auch wieder verschwunden. Es muss bei jedem einzelnen Gaffer nachgewiesen werden, dass er gegafft hat und nicht bereitgestanden hat, um zu helfen. Es gibt allerdings auch Schaulustige, die nicht filmen. Die hinterher sagen, ich stand bereit und wäre sofort zur Hilfe geeilt, wenn jemand gesagt hätte, wir brauchen dich.

Und dieses Problem kann durch höhere Strafen nicht gelöst werden?

Das Gaffen wird schon hart bestraft. Wenn ich Opfer fotografiere oder filme, kann das mit einer hohen Geldstrafe oder gar mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden. Es gibt also bereits empfindliche Strafen, sie müssen nur angewendet werden. Das wird auch gemacht: Im April hat ein Gericht in Niedersachsen drei Männer zu harten Strafen fürs Gaffen verurteilt.

Allerdings hat die Polizei an einem Unfallort meist schon genug zu tun und kann sich nicht auch noch um Gaffer kümmern.  

Das ist genau das Problem: Es fehlen Kräfte, um die Leute anzuzeigen. Gaffen muss bewiesen werden, es müssen Zeugen befragt werden. Bei einem schweren Unfall müsste dann quasi wegen der zahlreichen Gaffer eine ganze Hundertschaft ausrücken.

In manchen Bundesländern werden mobile Schutzwände als Gaffer-Schutz eingesetzt. Ist das die bessere Idee?

Ja, das ist eine sehr gute Idee. Ich habe neulich erst gelesen, dass eine Polizeieinheit nach einem Unfall diese Schutzwände angefordert hat und plötzlich löste sich der Stau auf der Gegenfahrbahn auf. Die Idee mit den Schutzwänden begrüße ich sehr. Dann würde es gar nicht erst zum Gaffen und den ganzen Begleiterscheinungen kommen.

Was kann ich als Laie tun, um andere Menschen am Gaffen zu hindern?

Wenn ich als Laie an einem Unfallort eintreffe, sollte ich als Erstes gucken, ob Hilfe benötigt wird. Wenn das der Fall ist, gehe ich hin und helfe. Dazu muss ich Einsatzkräfte befragen. Wenn noch keine da sind, dann muss ich den Einsatzort absichern und die Einsatzkräfte anrufen. Wenn ich dabei entdecke, dass es Gaffer gibt, die einfach nur gucken und ihr Handy zücken, würde ich hingehen und diese Menschen ansprechen. Ich würde ihnen sagen, dass das, was sie gerade tun, den Opfern nicht hilft. Sie sollten also entweder mit anpacken oder weiterfahren. Es ist wichtig, das Geschehen konkret anzusprechen. Das kann man freundlich machen und bestimmt. Man sollte nicht ausfallend werden, damit es keinen Konflikt gibt. Und im Zweifelsfall würde ich mich der Polizei als Zeuge zur Verfügung stellen und mir die Nummernschilder derjenigen aufschreiben, von denen ich meine, dass sie gegafft haben. Und dann würde ich Anzeige erstatten.

Sollte ich - als Beweis - vielleicht die Gaffer filmen?

Also ich würde mein Handy zücken und Gaffer filmen, wenn ich das zur Anzeige bringen möchte.

Mit dem Verkehrspsychologen Haiko Ackermann sprach Kira Pieper.

Quelle: n-tv.de

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