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Rätselraten um Krankheit Kalachi - das Dorf, das plötzlich einschläft

In dem kleinen Dorf Kalachi passiert Merkwürdiges: Plötzlich übermannt die Bewohner der Schlaf, bis zu sechs Tage lang wachen sie nicht mehr auf. Ärzte und Wissenschaftler rätseln über die Ursache.

Der Regisseur eines Horrorfilms könnte sich die Szenen nicht besser ausdenken: In einem kleinen Dorf werden die Bewohner von einer mysteriösen Krankheit befallen. Egal, welcher Tätigkeit sie gerade nachgehen, plötzlich überkommt sie ein tiefer Schlaf. Ob in der Schule, zu Hause, auf dem Motorrad oder auf dem Weg zur Arbeit. Bis zu sechs Tage lang wachen sie nicht mehr auf. Erinnern können sie sich danach an nichts, manche klagen über Halluzinationen und Kopfschmerzen.

Doch solche Szenen sind nicht an einem Filmset in Hollywood gedreht worden - sie finden tatsächlich statt: Seit März 2013, in zwei kleinen Dörfern in Kasachstan. Betroffen sind das 600-Seelen-Dorf Kalachi und der noch kleinere Ort Krasnogorsk. Mehr als 150 Einwohner hat die Krankheit bereits erwischt. Manche von ihnen mehrfach. Der "Guardian" berichtet von Betroffenen, die in ihren Halluzinationen geflügelte Pferde gesehen haben wollen und Würmer, die ihre Hände auffressen.

Was geht da im Norden Kasachstans nur vor? Für Ärzte sind die Ereignisse ein Rätsel. Zuerst vermuteten sie, gepanschter Wodka sei für die Vorfälle verantwortlich. Dann aber, als sich die Krankheit immer weiter ausbreitete, sprachen sie von einer "unbekannten Enzephalopathie", einer Erkrankung des Gehirns.

Vermutungen über die Ursache der Schlafkrankheit gab es natürlich auch unter den Bewohnern und seitens offizieller Stellen. Viele hatten die in der Nähe liegenden Uranminen im Verdacht, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geschlossen worden waren. Das kasachische Gesundheitsministerium nahm sich dieser Verdächtigungen an und inspizierte nach Angaben des "Guardian" Tausende Häuser in der Gegend, konnte aber weder eine außergewöhnlich hohe Strahlenbelastung noch besonders viele Schwermetalle finden. Nichts, was die merkwürdigen Vorgänge hätte erklären können.

Vergiftet Kohlenmonoxid die Bewohner?

Nun hat die Regierung Kasachstans verkündet: Die Ursache für die mysteriöse Schlafkrankheit ist gefunden. Und in der Tat, so heißt es jetzt ganz offiziell, seien die Uranminen verantwortlich. Wissenschaftler hätten nach der Untersuchung von Betroffenen herausgefunden, dass die Krankheit durch erhöhte Werte von Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoff in der Luft verursacht werde. "Wenn der Gehalt von Kohlenmonoxid und -wasserstoff in der Mine ansteigt, nimmt der Sauerstoffgehalt in der Luft in den Dörfern ab", sagt der kasachische Vize-Präsident Berdybek Saparbayev der britischen "Daily Mail".

Doch nicht alle Wissenschaftler sind überzeugt - zumindest was den Ursprung des Kohlenmonoxids angeht. Zu viele Fragen bleiben unbeantwortet: Wenn die Mine inaktiv ist - woher kommt das Gas, das eigentlich bei Verbrennungen entsteht? Und wie kann so viel Gas auf einmal nach draußen gelangen? Robert Ferriter, Experte für Minensicherheit in den USA, sagte dem US-Magazin "Wired": "Mir fällt es sehr schwer, das zu glauben." Es sei zwar gut möglich, dass gefährliche Gase an schlecht belüfteten Orten eingeschlossen würden. Um das zu erklären, was in Kalachi passiert, hätte das Gas aber eine ganz schöne Strecke zurücklegen müssen. Und das in einer Konzentration, die am Ende noch stark genug ist, um solche Probleme zu verursachen.

Dazu kommt, dass die Erkrankten zuvor bereits auf Kohlenmonoxid getestet wurden - ohne Ergebnis. Man muss jedoch eingestehen, dass es auch möglich ist, dass die Betroffenen schlicht zu spät getestet wurden und das Gift nicht mehr nachweisbar war. Wie der Vize-Präsident des Landes mitteilte, sei inzwischen festgestellt worden, dass der Kohlenmonoxid-Gehalt der Luft in den Dörfern zehn Mal höher liegt als gewöhnlich. Doch kombiniert mit den Anmerkungen des US-Sicherheitsexperten stellt sich die Frage, ob der Grund dafür tatsächlich die stillgelegte Uranmine ist.

Was auch immer für die seltsamen Vorgänge verantwortlich ist, die Behörden gehen kein Risiko ein. Die beiden Dörfer werden nun komplett evakuiert. Viele Menschen sind bereits aus eigenem Antrieb aus den Ortschaften weggezogen. Bis zum Ende des Jahres sollen alle Familien, die noch dort wohnen, umgesiedelt werden.

Quelle: ntv.de