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Zu viele zu schnell? Kritik an schlechten Corona-Studien

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Anfang Mai waren schon weit über 1000 klinische Corona-Studien in einem Register gelistet.

(Foto: imago images/Shotshop)

Die Corona-Pandemie treibt die Forschung zu Höchstleistungen an. Abertausende Studien werden veröffentlicht - bei manchen lässt die Qualität jedoch zu wünschen übrig, bemängelt eine Analyse, Dutzende wurden bereits zurückgezogen. Was sind die Gründe?

Die Corona-Pandemie sorgt in der Wissenschaft für eine Flut von Studien von teils fragwürdiger Qualität. Etliche Untersuchungen, die auf sogenannten Preprint-Servern zugänglich oder sogar schon in Fachzeitschriften veröffentlicht waren, seien bereits zurückgezogen worden, bemängelt Katrina Bramstedt von der australischen Bond University im "Journal of Medical Ethics". Mitverantwortlich dafür sei der derzeit hohe öffentliche Druck, schreibt Bramstedt, die auch Generalsekretärin der Agentur für Integrität der Forschung in Luxemburg ist.

Die schieren Zahlen sind beeindruckend: Anfang Mai - also nur wenige Monate nach Beginn der Pandemie - waren laut Bramstedt schon weit über 1000 klinische Corona-Studien in einem Register gelistet. Inzwischen sind es mehr als 3500 und auf Preprint-Servern liegen derzeit mehr als 9300 Untersuchungen. Diese Server weisen zwar darauf hin, dass die Arbeiten noch ungeprüft sind, die Resultate kann aber jeder einsehen.

Bis Ende Juli seien insgesamt 33 Untersuchungen - 19 publizierte Artikel und 14 unveröffentlichte Studien auf Preprint-Servern - zurückgezogen oder zumindest beanstandet worden, schreibt Bramstedt in dem Artikel. Darunter waren sogar Arbeiten, die die beiden weltweit führenden Medizin-Fachzeitschriften, "Lancet" und "New England Journal of Medicine", veröffentlicht hatten.

Druck kann zu Fehlern führen

Mehr als die Hälfte der mangelhaften Studien - 19 von 33 - stammte aus Asien und hiervon kamen wiederum 11 aus China. Aber das Problem bestehe weltweit, betont Bramstedt. "Kein Forscherteam kann sich dem Druck und dem Tempo entziehen, mit dem die Covid-19-Forschung abläuft", schreibt sie. "Und das kann die Gefahr von unbeabsichtigten Fehlern wie auch von absichtlichem Fehlverhalten vergrößern." Zu Letzterem zählen etwa die Manipulation von Daten und die Verschleierung eigener Interessenskonflikte.

Solche Mängel sind nicht nur von akademischem Interesse, sondern können Patienten mitunter gefährlich werden. "Aus der Nutzung fehlerhafter Forschungsergebnisse aus Preprints wie auch veröffentlichten Studien können wichtige, dauerhafte und irreversible Schäden von Patienten resultieren", betont Bramstedt.

Die Gründe für die derzeitige Entwicklung liegen zum einen darin, dass viele nicht von Experten begutachtete Arbeiten auf Preprint-Servern öffentlich zugänglich sind. Zudem sind viele Experten, die die Studien für Fachzeitschriften ehrenamtlich begutachten, derzeit anderweitig ausgelastet. Bramstedt schlägt vor, den sogenannten Peer-Review-Prozess zu straffen, ohne dabei die Qualität der Begutachtung zu beeinträchtigen. Zudem müsse jedes Studienergebnis veröffentlicht werden - unabhängig vom Resultat. Verstöße gegen wissenschaftliche Standards sollten klar geahndet werden, fordert sie.

"Forschung hat das Potenzial, in das öffentliche Leben einzufließen und von vielen Interessenvertretern benutzt zu werden, einschließlich Regierungen und politischen Entscheidungsträgern", wird Bramstedt in einer Mitteilung zitiert. "Daher müssen die Daten robust sein." Der Herausgeber des "Journal of Medical Ethics", John McMillan von der neuseeländischen University of Otago, ergänzt, die wissenschaftliche Integrität sei von entscheidender Bedeutung. Nicht nur angesichts des enormen Drucks etwa hinsichtlich erfolgreicher Therapien und Impfungen, sondern auch wegen weit verbreiteter Falschinformationen.

Politischer Druck ein Problem

Der öffentliche Druck infolge der Pandemie hat auch Folgen für den Zulassungsprozess von Arzneien: Erst Anfang Oktober hatten zwei führende US-Fachzeitschriften, "Science" und das "New England Journal of Medicine" ("NEJM"), der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) Nachlässigkeit bei der Überwachung klinischer Studien vorgeworfen.

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Politischer Druck beeinflusse die FDA bei der Zulassung möglicher Corona-Impfstoffe, beklagte ein "NEJM"-Editorial. Das zeige sich bei der Notfallzulassung für Hydroxychloroquin und Chloroquin, die schon nach einigen Wochen wieder zurückgezogen wurde, heißt es darin. Die im August erteilte Zulassung von Rekonvaleszenzplasma - Blutplasma von ehemaligen Covid-19-Erkrankten - für Corona-Patienten basiere auf einer "undurchsichtigen" und "unklaren" Datenlage.

Ohne transparente und wissenschaftlich fundierte Prozesse verspiele die FDA das Vertrauen, das sie im vergangenen Jahrhundert aufgebaut habe, hieß es weiter. Ärzte und Patienten müssten sich darauf verlassen können, dass jede Zulassung auf einer sorgfältigen Bewertung aller verfügbaren Daten beruht und die Entscheidungen der Behörde gut begründet und objektiv sind.

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa