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"Extrem einseitige Daten" Lungenärzte zweifeln an Feinstaub-Grenzwerten

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Für Luftschadstoffe gelten in Deutschland Grenzwerte. Sie sollen die Menschen schützen, etwa vor zu schmutzigen Autoabgasen. Doch sind die Stoffe überhaupt so gefährlich? Einige Spezialisten haben Zweifel - ihr Fachverband hat bisher allerdings eine klare Position.

(Foto: picture alliance / Alexander Rüs)

Mitten in der Debatte um Feinstaub-Belastung und Fahrverbote meldet eine Gruppe von Lungenärzten Zweifel an den derzeitigen Stickoxid-Grenzwerten an. Die Experten sehen derzeit keine wissenschaftliche Begründung für die Zahlen.

Lungenärzte haben eine kritische Überprüfung der Auswirkungen von Feinstaub und Stickoxiden auf die Gesundheit gefordert. In einer Stellungnahme äußerte eine Gruppe von mehr als 100 Medizinern erhebliche Zweifel an der wissenschaftlichen Methodik bei der Festlegung der Grenzwerte.

Zugleich drangen die Ärzte auf eine Neubewertung der Studien. Es gebe derzeit "keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte", hieß es in der Stellungnahme. Die Ärztegruppe kritisierte, die Daten zur Gefährdung von Luftverschmutzung seien "extrem einseitig" interpretiert worden. Andere Faktoren wie Lebensstil, Rauchen, Alkoholkonsum oder Bewegung hätten weitaus stärkere Auswirkungen auf Krankheitshäufigkeit und Lebenserwartung.

Der frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), Dieter Köhler, der die Stellungnahme initiierte, sprach von einer "Ideologisierung" der Debatte über die Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub. Diese werde noch zunehmen, weil vielen Städten weitere Fahrverbote drohten.

Die Kritik der Ärzte bezieht sich auf Studien, in denen Wissenschaftler unter anderem des Helmholtz-Instituts in München und der Berliner Charité Krankheiten und Lebenserwartung von Regionen mit unterschiedlicher Feinstaub- oder Stickoxidbelastung verglichen.

Die nun veröffentlichte Gegenposition der DGP solle ein Anstoß für die notwendige Forschung und "eine kritische Überprüfung der Auswirkungen von Stickoxiden und Feinstaub" sein, erklärten die DGP, der Verband der Pneumologischen Kliniken und die Deutsche Lungenstiftung.

Grüne kritisieren neue Debatte um Grenzwerte

Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen, hält die nun angestoßene Diskussion über die Grenzwerte für unsinnig: "Die aktuelle Debatte ist nur ein Ablenkungsmanöver und chaotisiert die ohnehin schon unübersichtliche Lage bei den Fahrverboten", sagt der Bundestagsabgeordnete. "Man kann in Deutschland die Uhr danach stellen, dass bei Umweltproblemen die Grenzwerte und die Messmethoden angezweifelt werden. Beim Nitrat im Grundwasser haben wir das erlebt, genauso wie bei Pestizidrückständen in Lebensmitteln. Vorstöße, die Grenzwerte zu verwässern, führen nur zur Verunsicherung der Bevölkerung."

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hält die Zweifel der mehr als 100 Lungenexperten hingegen für wichtig. "Der wissenschaftliche Ansatz hat das Gewicht, den Ansatz des Verbietens, Einschränkens und Verärgerns zu überwinden", sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Initiative helfe mit, "Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte zu bringen".

Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) - der Jahresmittelwert darf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Außenluft nicht überschreiten - gelten in der EU seit 2010. Sie beruhen auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Auch für Feinstaub gibt es je nach Partikelgröße Grenzwerte. An Orten, wo Grenzwerte über längere Zeit deutlich überschritten werden, drohen zum Beispiel Fahrverbote für Autos mit besonders hohem Schadstoffausstoß. Experten haben berechnet, dass Tausende Menschen vorzeitig an Folgen von Luftverschmutzung sterben - laut Umweltbundesamt im Jahr 2014 etwa 6000 an Herz-Kreislauf-Krankheiten, die auf die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien.

Quelle: n-tv.de, sgu/jpe/AFP/dpa

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