Wissen

Intensivmediziner zuversichtlich "Maßnahmen zeigen Wirkung - auch Ausgangssperren"

223908346 (1).jpg

Verfrühte Öffnungs-Forderungen stellten immer eine Gefahr dar, sagt Intensivmediziner Uwe Janssens.

(Foto: picture alliance/dpa)

Hoffnung macht sich in Deutschland breit: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sinkt kontinuierlich, und auch auf den Intensivstationen liegen immer weniger Covid-19-Patienten. Sind wir also schon auf der Zielgeraden zum Ende der Pandemie? Zumindest näher dran als je zuvor, sagt Uwe Janssens, der frühere Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) im Gespräch mit ntv. Der Intensivmediziner zeigt sich vorsichtig optimistisch, erklärt aber auch, worauf es jetzt ankommt.

ntv: Vor einer Woche beantworteten Sie die Frage, ob Deutschland in der Pandemie über den Berg sei, mit: Nein noch nicht ganz. Wie ist die Situation heute?

Uwe Janssens: Ja, wir haben die Bergkuppe überschritten. Wir haben vor allen Dingen die Impfungen, die zwar langsam aber stetig fortschreiten. Das bringt uns einen großen Schritt dem Ende der Pandemie näher.

Uwe Janssens.JPG

Uwe Janssens ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler, die er seit 2005 leitet.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte gestern, das Gefühl sei besser als die tatsächliche Lage. Das Wetter ist schön, und die Leute haben das Gefühl, Corona ist bald vorbei. Liegt darin auch eine Gefahr?

Darin liegt immer eine Gefahr. Zurzeit haben wir tatsächlich sinkende Infektionszahlen. Das heißt, dass die Maßnahmen, die getroffen worden sind, in der Summe Wirkung zeigen - auch Ausgangssperren. Hinzu kommt sicherlich der positive Effekt der Impfungen. Die werden hoffentlich bald auch die breiten Bevölkerungsschichten erreichen, die jetzt immer noch ungeimpft sind.

Die positiven Zahlen nähren natürlich auch Hoffnungen. So will die Gastronomie öffnen. Bereiten Ihnen solche Forderungen Bauchschmerzen oder sind sie jetzt angebracht?

Die Forderungen sind nachvollziehbar. Man blicke nur nach Großbritannien. Angesichts der niedrigen Inzidenzen dürfen Restaurants im Land auch wieder innen öffnen. Dank der hohen Durchimpfungsquote können sich das die Briten erlauben. Wenn wir an den Punkt kommen, wo Großbritannien jetzt steht, dann spricht auch hier nichts gegen Öffnungen. Vorher sollte man vorsichtig abwägen, was angesichts der Zahlen möglich und sinnvoll ist. Denn Innenbereiche von Kneipen und Restaurants sind nun mal Orte, an denen sich Leute anstecken können - eher als draußen.

Wenn ältere Bevölkerungsgruppen geimpft sind, infizieren sich mehr jüngere Menschen. Was bedeutet das für die Intensivstationen der Kliniken?

Wenn ein junger Patient schwer an Covid-19 erkrankt und auf die Intensivstation kommt, ist die Liegedauer deutlich länger. Das liegt daran, dass bei älteren Patienten die Krankheit meist so dramatisch verläuft, dass leider relativ schnell der Tod eintritt. Das ist bei jungen Patienten, die große Reserven mitbringen, nicht der Fall. Die Heilungschancen sind bei ihnen auf der Intensivstation sehr viel höher, dadurch liegen sie aber auch im Schnitt länger als über 80-Jährige.

Müssen in den Krankenhäusern nach wie vor planbare Operationen verschoben werden?

Wir haben in einigen großen Krankenhäusern immer noch sehr eingeschränkte Intensivkapazitäten. In Köln liegen sie beispielsweise unter zehn Prozent. Daher könne Kliniken Operationen, die einen Intensivaufenthalt nach sich ziehen, nicht alle durchführen. Vor allem in Hot-Spot-Regionen gibt es immer noch Einschränkungen.

Ist man nach der ersten Impfung bereits vor schweren Covid-19-Verläufen geschützt, wenn man sich trotzdem infiziert?

Das ist nicht so leicht zu beantworten, da uns bislang umfangreiche Daten fehlen. Allerdings weisen Beobachtungen aus Großbritannien tatsächlich darauf hin, dass bereits nach der ersten Impfung ein gewisser Schutz aufgebaut wird, der vor schweren Verläufen schützt.

In Großbritannien wurde hauptsächlich Astrazeneca verimpft. Wie wichtig ist die Einhaltung eines ausreichenden Abstands zur zweiten Impfung?

Wir wissen, dass der Astrazeneca-Impfstoff nach einer Spritze die höchste Wirksamkeit nach 12 Wochen entfaltet. Somit ist die Verkürzung der Impfintervalle bei dem britisch-schwedischen Vakzin eher problematisch. Der größte Schutz entsteht, wenn die Impfungen tatsächlich in 12 Wochen Abstand erfolgen. Denn dann baut die zweite Impfung einen maximalen Schutz auf.

Mit Uwe Janssens sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.