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Extra Vitamine und Mineralstoffe Sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll oder schädlich?

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Nahrungsergänzungsmittel sehen oft wie Arzneimittel aus, sind aber keine.

(Foto: PantherMedia / Sergiy Tryapitsyn)

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In der Hoffnung, Beschwerden zu lindern, Mangelerscheinungen vorzubeugen oder ihre allgemeine Fitness zu steigern, greifen viele Menschen zu Nahrungsergänzungsmitteln. Wann ist das überhaupt sinnvoll, welche Dosierungen sind okay und wann kann es sogar gefährlich werden?

Ob in Supermärkten, Internet, Drogerien oder Apotheken - das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln ist riesig und nimmt weiter zu. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2020 in Deutschland rund 180.200 Tonnen produziert, knapp 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Wert der hergestellten Präparate stieg im gleichen Zeitraum sogar um mehr als 23 Prozent von 900 Millionen auf 1,1 Milliarden Euro. Der Informationsdienst IQVIA hat ermittelt, dass im vergangenen Jahr alleine die deutschen Apotheken mit Nahrungsergänzungsmitteln einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro machten, 4 Prozent mehr als 2020.

Viele glauben an eine Wirkung

Einer repräsentativen Umfrage für den Verbrauchermonitor des Bundesamts für Risikobewertung (BfR) zufolge nimmt in Deutschland fast die Hälfte der Bevölkerung über 16 Jahren Vitamine über frei erhältliche Präparate zu sich. Mehr als ein Drittel tut dies wöchentlich, 16 Prozent sogar täglich.

Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Verbraucherzentrale glaubt mehr als die Hälfte der Konsumenten, Nahrungsergänzungsmittel seien gesundheitsförderlich. 35 Prozent halten den gesundheitlichen Nutzen von Vitaminpräparaten für (sehr) hoch, 33 Prozent schätzen ihn mittel hoch ein.

Normalerweise überflüssig

Tatsächlich sind die meisten Nahrungsergänzungsmittel überflüssig. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) schreibt, "wer sich ausgewogen und abwechslungsreich ernährt, bekommt alle Nährstoffe, die der Körper benötigt. Zusätzlich Vitamine und Mineralstoffe einzunehmen, ist dann also unnötig."

Das IQWIG weist auch darauf hin, dass für einige Krankheiten durch wissenschaftliche Studien bewiesen ist, dass Nahrungsergänzungsmittel wirkungslos sind. Beispielsweise könne Vitamin C keinen Erkältungen vorbeugen, "Vitaminpräparate schützen auch nicht vor Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen". Nur wenn es darum gehe, gezielt Mangelzustände auszugleichen, sei es unter Umständen sinnvoll, zu Nahrungsmittelergänzungen zu greifen, so das Institut.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Stiftung Warentest nennt als eines der wenigen Beispiele Folsäure, die Frauen, die schwanger werden möchten oder sich in der frühen Schwangerschaft befinden, einnehmen sollten. Auch Babys, Bett­lägerige und Ältere benötigen möglicherweise zusätzliches Vitamin D. Veganer - unter Umständen auch Vegetarier - sollten B12 zu sich nehmen, das nur in tierischen Lebensmitteln wie Fleisch und Milchprodukten in ausreichenden Mengen enthalten ist. Frauen mit starker Monatsblutung brauchen möglicherweise Eisen-Präparate.

Wenn man Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen muss oder möchte, sollte man sich gut über die Präparate informieren. Das ist aber nicht immer einfach. Denn obwohl es laut Forsa-Umfrage fast die Hälfte der Bevölkerung glaubt, werden Nahrungsergänzungsmittel nicht staatlich auf Wirksamkeit und Sicherheit geprüft. Weder in Deutsch­land noch in der EU gelten gesetzliche Grenz­werte für die Gehalte an Vitaminen und Mineralstoffen.

Keine Medikamente, keine staatliche Prüfung

Nahrungsergänzungsmittel gelten nämlich nicht als Arznei-, sondern als Lebensmittel. Das führt einerseits dazu, dass die Anbieter nicht behaupten dürfen, ihre Produkte hätten eine pharmakologische Wirkung. Andererseits sind so für die Einhaltung der lebensmittelrechtlichen Vorschriften alleine Hersteller, Händler oder Importeur zuständig. Um die Präparate in den Handel zu bringen, genügt es, dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BLV) ein Muster zu schicken sowie Produktnamen und Hersteller, Händler oder Importeur zu nennen.

Der Gehalt von Vitaminen und Mineralstoffen in Nahrungsergänzungsmitteln ist sehr unterschiedlich. Hersteller müssen lediglich die pro Tag empfohlene Portion angeben und darauf hinweisen, dass sie nicht überschritten werden darf. Außerdem müssen sie darauf hinweisen, dass Nahrungs­ergän­zungs­mittel keine ausgewogene Ernährung ersetzen können und dass sie nicht in Reich­weite von Kindern aufgehoben werden sollten.

Empfohlene Höchstmengen oft überschritten

Obwohl Verbraucher sonst eher damit rechnen müssen, zu viel für zu wenig zu bezahlen, können die Präparate auch zu hoch dosiert sein. Vorschriften, die das verhindern, gibt es weder in Deutschland noch in der EU. Das BfR kann deshalb nur Vorschläge zu Höchstmengen von Vitaminen und Mineralstoffen in Nahrungsergänzungs- und angereicherten Lebensmitteln veröffentlichen. Die Behörde passt sie anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse regelmäßig an, wobei auch die Zufuhr von Vitaminen und Lebensmitteln durch die übliche Ernährung berücksichtigt wird.

Nicht alle Hersteller halten sich an die Empfehlungen. So haben die Verbraucherzentralen 2020 bei Magnesiumpräparaten festgestellt, dass 57 Prozent der untersuchten Produkte zu hoch dosiert waren. Bei Stiftung Warentest haben vor fünf Jahren 27 von 35 Vitaminpräparaten die empfohlenen Höchstmengen überschritten. Viel hilft viel sei aber ein Trugschluss, sagt BfR-Präsident Andreas Hensel. Die Dosis entscheide, ob Mineralstoffe und Vitamine der Gesundheit nützten oder schadeten.

Überdosierung kann Gesundheit schaden

Die Hersteller seien nicht verpflichtet, die gesundheitliche Unbedenklichkeit ihrer Mittel nachzuweisen, schreibt das IQWIG. Forschungsergebnisse wiesen beispielsweise darauf hin, dass Präparate mit Vitamin A, E und Betacarotin das Risiko für bestimmte Erkrankungen erhöhen könnten, wenn man sie länger und in hoher Dosierung nimmt.

Zu größter Vorsicht rät das Institut bei Bestellungen im Internet. Stammten Präparate aus dem Ausland, wo andere Regeln galten, könnten sie so hoch dosiert sein, dass sie in Deutschland als Arzneimittel gelten würden, warnt es. Da der Import von Medikamenten aus Nicht-EU-Ländern verboten ist, läuft man dann auch Gefahr, dass der Zoll die Bestellung einkassiert.

Nachdenken und Arzt fragen

Menschen könnten außerdem auf enthaltene pflanzliche Stoffe reagieren und es seien Wechselwirkungen mit Arzneimitteln möglich, so das Institut. Wer ein Medikament verschrieben bekomme und regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel einnehme, solle daher die Ärztin oder den Arzt darüber informieren.

Allgemein rät das IQWIG, sich vor dem Kauf zu überlegen, warum man das Mittel nehmen möchte und ob es wissenschaftliche Untersuchungen gäbe, die belegten, dass das Präparat bewirken könne, was man sich von ihm erhoffe. Ebenso sollte man sich fragen, ob es Nachteile gebe, wenn man darauf verzichtet.

Auf keinen Fall darf man sich von Werbesprüchen beeindrucken lassen. Weil die Hersteller nicht mit einer pharmakologische Wirkung werben dürften, versuchten sie es mit allgemeinen Behauptungen, die meist nicht nachgewiesen seien und nichts über einen tatsächlichen gesundheitlichen Nutzen der Mittel aussagten, so das IQWIG. Solche Aussagen seien beispielsweise "unterstützt die Abwehrkräfte", "übt einen ausgleichenden Effekt auf den Hormonhaushalt aus" oder "zur Unterstützung einer gesunden Gelenkfunktion".

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Stiftung Warentest hat zu Vitaminen und Mineralstoffen Übersichten veröffentlicht. In den Tabellen wird erklärt, warum eine Substanz für den Körper wichtig ist und wie man die Versorgung über die normale Ernährung sicherstellen kann. Man erfährt aber auch, wann Mangelzustände möglich sind und an welchen Symptomen man sie erkennt. Schließlich nennt Warentest die benötigten Tageszufuhren der Mineralstoffe und Vitamine und wie viel man davon höchstens durch Präparate zu sich nehmen sollte.

Im Spezial "Klartext Nahrungsergänzung" der Verbraucherzentrale findet man viele weiterführende Informationen. Unter anderem werden die rechtlichen Aspekte der Thematik näher erklärt und Menschen, die unter Umständen zusätzliche Vitamine oder Mineralstoffe benötigen, erfahren, warum das der Fall sein könnte, welche Mittel empfehlenswert sind und worauf sonst noch zu achten ist. Schließlich helfen Checklisten der Verbraucherzentrale bei der Entscheidung für oder gegen Nahrungsergänzungsmittel und bei der Verwendung der Präparate.

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 02. August 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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