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Ungewöhnlicher Zusammenhang Ohne Vulkan-Katastrophe keine Sparkassen

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Der Vulkan Tambora auf der Insel Sumbawa vor Java hatte im Jahr 1815 seine bisher schwerste Eruption.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Vor 200 Jahren spuckt der indonesische Vulkan Tambora Feuer. Die Aschewolke hüllt selbst das weit entfernte Europa in Dunkelheit. Der Kontinent erlebt ein katastrophales "Jahr ohne Sommer". Doch die Not macht erfinderisch.

Kann ein gigantischer Vulkanausbruch auf Indonesien das Leben in Deutschland dramatisch verändern? Mehr als man glaubt, berichten Umwelt- und Geschichtsexperten in Stuttgart. Die Folgen der Eruption des Tambora auf der Insel Sumbawa im April 1815 lasse sich noch vielfach nachvollziehen. In der globalen Naturkatastrophe, verbunden mit Ernteausfällen und Verarmung auch in Europa, lägen die Ursprünge der Sparkassen, der Agrar-Universität Hohenheim und des Cannstatter Volksfests auf dem Stuttgarter "Wasen". Im armen Württemberg habe es als Reaktion eine "Explosion der Ideen" gegeben, wie der Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz, Claus-Peter Hutter, erläutert. Sogar die Erfindung des Fahrrades habe mit dem Tambora zu tun. Und die Horror-Figur Frankenstein.

1816: Im Jahr nach dem Vulkanausbruch macht sich die Katastrophe von der anderen Seite der Welt auch in Europa dramatisch bemerkbar. "Ohne dass man damals die Ursache kannte", wie Thomas Schnabel berichtet, der Direktor des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg. Von April bis September gehen Regen-, Graupel- und Schneeschauer nieder. Getreide verschimmelt, Kartoffeln verfaulen, Äpfel und Trauben reifen nicht. Ernteausfälle, Seuchen und Hungersnöte raffen Hunderttausende Menschen dahin. Die Brötchen schrumpfen. Brot wird mit gemahlenem Stroh und Sägemehl gestreckt. Noch heute spricht man vom "Jahr ohne Sommer". Betroffen ist vor allem der Süden Deutschlands.

In Indonesien sterben in glühenden Ascheregen und durch einen Tsunami mehr als 100.000 Menschen. "Wir dürfen nicht vergessen: Da war die eigentliche Katastrophe", sagt Schnabel. Vom einst 4300 Meter hohen Tambora werden mehr als 1400 Meter weggerissen. Staub, Asche und Geröll werden 50 bis 70 Kilometer hoch geschleudert.

Aufbewahren: Wissen ebenso wie Geld

Letztlich habe man damals im arg gebeutelten Württemberg "die richtigen Antworten gefunden", sagt Stephan Dabbert, Rektor der Universität Hohenheim. Das Königspaar habe auf Wissen, Forschung und Nachhaltigkeit gesetzt. Als die Preise für Grundnahrungsmittel nach der Missernte 1816 um 200 bis 500 Prozent steigen, gründet Wilhelm I. die landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt Hohenheim bei Stuttgart - den Kern der späteren Universität. Die Innovationskraft von einst lässt sich heute noch im Deutschen Landwirtschaftsmuseum auf dem Campus nachvollziehen.

Königin Katharina ruft angesichts der Hungersnot die "Centralleitung des Wohltätigkeitsvereins" ins Leben und gibt damit den Anstoß zur Gründung der Landessparkasse als ältester Wurzel der heutigen Landesbank Baden-Württemberg. "Die einfache Bevölkerung sollte eine Möglichkeit haben, auch kleine Geldbeträge sicher aufzubewahren", erzählt Stephan Schorn, Sprecher des Sparkassenverbandes. Zinsen habe es damals aber noch nicht gegeben. "Es ging zunächst nur ums Aufbewahren."

Feste, Fahrräder und Frankenstein

Die Fruchtsäule auf dem "Wasen" erinnert heute noch an die Ursprünge des alljährlichen Cannstatter Volksfests. Als die Menschen nach den Ernteausfällen und langer Not endlich wieder Essen haben, zieht Monarch Wilhelm I. seine Lehren: 1817 gründen er und seine Frau die "Centralstelle des landwirtschaftlichen Vereins", um die Landwirtschaft zu reformieren und die Bauern fortzubilden. Im September 1818 feiert das Landwirtschaftliche Hauptfest seine Premiere, mit Pferderennen, Preisen für Viehzucht und einer Ausstellung.

Es gibt nicht genug Getreide, massenweise sterben in der Not auch Pferde, was zu Transportproblemen führt. Beweise gibt es nicht, letztlich könnte der Tambora-Ausbruch aber auch 1817 Karl Freiherr Drais in Karlsruhe auf die Idee gebracht haben seine Draisine als Transportmittel ohne Pferdekraft zu erfinden - das erste Fahrrad.

In der Dichterwelt hält sich laut Schnabel die Legende, dass der Tambora-Ausbruch auch für Frankenstein & Co. verantwortlich ist. Im Horror-Wetter im "Sommer ohne Sonne" habe Lord Byron am Genfer See sein Gedicht "Finsternis" verfasst, auch entstanden Geschichten um Protagonisten, die als Prototypen des Vampirs gelten. Auch der Ursprung des Romans "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" von Mary Shelley, einem der bekanntesten Horror-Romane der Weltliteratur, soll im düsteren Tambora-Sommer liegen.

Quelle: n-tv.de, Roland Böhm, dpa

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