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Blowout der Deepwater Horizon Ölkatastrophe wirkt noch immer in der Tiefsee

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Vergeblich versuchte 2010 die Feuerwehr den Brand auf der Ölplattform "Deepwater Horizon" zu löschen.

(Foto: picture alliance / Us Coast Guar)

Die Ölpest im Golf von Mexiko ist die bisher schwerste Umweltkatastrophe in den USA. Beim Blowout strömen 700 Millionen Liter Öl ins Wasser. Das hat schwerwiegende Auswirkungen auf das Ökosystem. Bis heute wirkt die Katastrophe von 2010 nach - auch in der Tiefsee.

Die Lebensgemeinschaft der Tiefsee hat sich nach der Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Jahr 2010 nachhaltig verändert. Sie sei ärmer, gleichförmiger und von abnormen Bestandsdichten einzelner Tierarten geprägt, berichten Forscher im Fachmagazin "Open Science" der britischen Royal Society. Drei große Tiergruppen verschwanden demnach komplett aus der Region, bestimmte Gliederfüßer (Arthropoden) kommen hingegen in weitaus größerer Zahl vor.

Die Ölplattform war im April 2010 im Golf von Mexiko explodiert. Monatelang sprudelte aus einem Leck in 1500 Metern Tiefe Erdöl ins Meer, insgesamt rund 700 Millionen Liter. Hunderttausende Tiere wie Meeressäuger, Fische, Vögel und Schildkröten waren im Zuge der Katastrophe gestorben. Anders als die Folgen der Ölverschmutzung in den oberen Wasserschichten und an den Küsten seien die Nachwirkungen in der Tiefsee nur wenig untersucht, erläutern die Forscher.

Sie werteten Aufnahmen eines unbemannten Tauchgerätes aus dem Jahr 2017 aus, die Rückschlüsse auf die Artenvielfalt in bis zu 2000 Metern Entfernung vom Leck ermöglichen. Der Einfluss auf die Nahrungsnetze im Meer und wirtschaftlich bedeutsame Arten reiche wohl noch weit darüber hinaus, so die Wissenschaftler.

Zersetztes Öl und Kohlenwasserstoffe sanken tief

Rund 35 Prozent der nach der Explosion ins Meer gelangten Kohlenwasserstoffe seien in der Tiefsee geblieben, erläutern die Forscher. Zusätzlich sei vom Wetter, von Bränden und verwendeten chemischen Mitteln zersetztes Öl von der Meeresoberfläche in die Tiefe gesunken. Um der Ölpest Herr zu werden, waren fast sieben Millionen Liter umweltschädliche Öl-Bekämpfungsmittel eingesetzt worden. Die toxischen Kohlenwasserstoffe aus dem Öl, Chemikalien aus den Dispergiermitteln und Schwermetalle aus dem Bohrschlamm hätten Teile des Tiefseegrundes im Golf von Mexiko zur Giftmüllhalde gemacht.

In der Folge sei der Bestand vieler Tiergruppen im Umkreis des Lecks in den ersten Monaten nach dem Unglück um bis zu 93 Prozent zurückgegangen. Auch sieben Jahre nach der Katastrophe seien die Lebensgemeinschaften noch weit von ihrer ursprünglichen Form entfernt gewesen, berichten die Forscher zu ihrer aktuellen Auswertung. Die nahe des Ölausflusses in weitaus größerer Dichte vorkommenden Gliederfüßer würden womöglich von aus dem Öl stammenden, zersetzten Kohlenwasserstoffen angezogen. Erhöht war zum Beispiel die Zahl bestimmter Tiefsee-Garnelen.

Zu den noch immer komplett fehlenden Arten gehörten bestimmte Tiefsee-Asseln, Seegurken, Venusfliegenfallen-Anemonen und Gießkannenschwämme. Dass sich die Bestände vieler Tiefseespezies bisher kaum erholten, sei kaum verwunderlich, erklären die Forscher. Viele physiologische Prozesse liefen bei ihnen besonders langsam ab, ihre Fruchtbarkeit sei vergleichsweise gering, die Generationszeit lang. Gerade für Tiefseeräume reiche es daher nicht aus, die Folgen solcher Unglücke wie üblich lediglich über drei bis fünf Jahre zu prüfen.

Keine Bestandsdaten vor dem Unglück

Extrem wichtig sei auch, nicht erst bei Unglücken Daten zum Leben in der Tiefsee zu sammeln, betonen die Forscher. In der "Deepwater-Horizon"-Region fehle es für viele Pflanzen- und Tierarten an Angaben zum Bestand vor dem Unglück.

Die kaum erforschte Tiefsee ist der größte irdische Lebensraum der Erde. Von den rund 300 Millionen Quadratkilometern Tiefseeboden wurde bisher nur ein winziger Bruchteil mit U-Booten und Tauchrobotern erkundet. Schätzungen zufolge könnte es dort noch Millionen unbekannte Arten geben. Erst seit einigen Jahrzehnten ist überhaupt bekannt, dass es dort Orte gibt, an denen Lebewesen ähnlich dicht und üppig wachsen wie in den Tropen.

Brisant ist der Mangel an Wissen auch deshalb, weil der Mensch selbst ohne Ölkatastrophen erheblichen Einfluss auf die Lebensräume in der Tiefe nimmt. So wurde etwa im Pazifik - sogar schon im bis zu elf Kilometer tiefen Marianengraben - Müll in der Tiefsee entdeckt. Plastik zum Beispiel treibt nicht nur auf dem Meer, es sinkt zu kleinen Teilen zerrieben auch auf den Grund. Forscher haben Mikroplastik selbst in der arktischen Tiefsee schon gefunden.

Quelle: n-tv.de, Annett Stein, dpa

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