Wissen

Hirntod und entstellte Leichname Organspende und ihre Kritiker

20215122.jpg

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Neuregelungen in Sachen Organspende sollen dazu führen, dass mehr Menschen einer Entnahme ihrer Organe nach dem Tod zustimmen. Dazu muss man sich kritisch mit dem Thema beschäftigen. Es gibt in den Augen der Kritiker Gründe, die gegen eine Spende sprechen. Bei genauerer Betrachtung sind sie jedoch - aus wissenschaftlicher Sicht - hinfällig.

"Ja, ich gestatte, dass nach der ärztlichen Feststellung meines Todes meinem Körper Organe und Gewebe zur Transplantation entnommen werden." Vor diesen Worten muss das Kreuz auf dem Organspendeausweis gesetzt sein, um einer Organentnahme nach dem Tod zuzustimmen. Künftig soll jeder Erwachsene in Deutschland regelmäßig gefragt werden, wo er sein Häkchen macht. Die Bundesregierung erhofft sich dadurch deutlich mehr Spenderorgane als bisher. 12.000 Menschen warten aktuell hierzulande auf eine Organtransplantation. Im Jahr 2011 wurden in Deutschland nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation nur rund 3900 Organe gespendet, mehr als 4050 jedoch wurden transplantiert. Deutschland ist eine Organ-Importnation.

29943114.jpg

Gesundheitsminister Bahr wirbt dafür, Organe nach dem Tod zu spenden.

(Foto: picture alliance / dpa)

In den meisten europäischen Ländern gilt bei der Organspende die so genannte "Widerspruchslösung": Das heißt, im Todesfalle  dürfen dem Verstorbenen Organe entnommen werden, es sei denn, er hat zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. In einigen Ländern haben die Angehörigen nach dem Tode noch ein Widerspruchsrecht. In Deutschland gilt die "erweiterte Zustimmungslösung". Wer zu Lebzeiten also nicht ausdrücklich einer Organentnahme zustimmt, wird nicht zum Spender. Angehörige haben nach dem Tod einer Person aber noch die Möglichkeit, eine Spende zuzulassen. Entscheidungsgrundlage soll hierbei der mutmaßliche - oder ihnen bekannte - Wille des Verstorbenen sein.

In 90 Prozent der Fälle entscheiden die Angehörigen über eine Organentnahme, weil der Verstorbene seinen Willen zu Lebzeiten nicht dokumentiert hat. Mit der Neuregelung  soll sich dies ändern. Die Prognosen sind günstig, denn Umfragen zufolge stehen 70 bis 75 Prozent aller Deutschen einer Organentnahme positiv gegenüber. Ob diese jedoch auf Nachfrage auch zu Spendern werden, muss sich erst zeigen. Denn sich wirklich dafür zu entscheiden, ist etwas anderes als ein Lippenbekenntnis. Und eine Entscheidung bedeutet vor allem eines: Man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Hirn tot – Mensch tot?

Voraussetzung für eine Organentnahme ist in Deutschland neben der Zustimmung der Hirntod eines Menschen. Erst wenn dieser von zwei Ärzten unabhängig voneinander festgestellt wurde, folgen weitere Untersuchungen, ob der Verstorbene als Spender überhaupt geeignet ist. Doch hier stellt sich schon die erste Frage, bei der Kritiker der Organspende einhaken: Ist ein Mensch, dessen Hirntod festgestellt wird, wirklich tot? Immer wieder gibt es Mediziner, die die Zuverlässigkeit der Hirntod-Diagnose anzweifeln.

5705352.jpg

Die meisten Menschen, die in Deutschland auf ein Spendeorgan warten, benötigen eine Niere. Bis ein Spender gefunden wird, müssen sie pro Woche mehrfach zur Dialyse.

(Foto: picture-alliance / dpa)

"Der Hirntod ist weltweit das einzige und eindeutig anerkannte Kriterium, den Tod eines Menschen festzustellen", erklärt Professor Günter Kirste gegenüber n-tv.de. Er ist Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. "Es gibt ein paar Ethiker in Deutschland, die das bestreiten. Aber da kann ich Ihnen sagen: das ist wissenschaftlich nicht haltbar. Ebenso könnte man behaupten, die Erde sei eine Scheibe. Das hätte einen ähnlichen wissenschaftlichen Gehalt." Nichtsdestotrotz versteht er die Angst, die manche Menschen haben. "Diesen Ängsten kann man nur entgegentreten, indem man umfassend sachlich und wissenschaftlich aufklärt", so Kirste.

Kritiker der Hirntod-Diagnose führen immer wieder an, der Körper sei bei einem Hirntod noch am Leben: das Herz schlage, der Blutkreislauf sei intakt. "Der Körper lebt aber nicht mehr", sagt der Professor. "Das Herz schlägt nur noch, weil die Herzfunktion durch entsprechende Maschinen aufrecht erhalten wird." Für die Organtransplantation ist das sehr wichtig, damit die Organe, die entnommen werden sollen, möglichst lange durchblutet werden.

Professor Focke Ziemssen, Oberarzt an der Tübinger Universitäts-Augenklinik, pflichtet Kirste bei. Auch aus seiner Sicht sei die Hirntod-Diagnose "absolut sicher". "Es gibt immer Kritiker, die aber in der Regel auch wenig Konkretes ins Feld führen, sondern mit der Angst der Menschen spielen", erklärt Ziemssen. Beispiele von Scheintoten, wie man sie aus anderen Ländern manchmal höre, hätten keine ausreichende Diagnostik erhalten - meist sei in diesen Fällen auch kein Hirntod vermutet worden. "Sie können daher nicht als potenziell  'ausgeschlachtete Organopfer' dargestellt werden."

Narkotika und Muskelrelaxan für Tote?

Warum aber, so könnte man kritisch weiter fragen, werden Organspendern vor der Entnahme Narkotika gespritzt? Auch das sehen Zweifler als Eingeständnis, dass sich selbst die agierenden Ärzte nicht hundertprozentig sicher sind, dass der Spender keine Schmerzen mehr empfindet. "Es gibt einige Anästhesisten, die meinen, bei einer Organentnahme Schmerzmittel geben zu müssen", sagt Kirste. Längst sei dies aber nicht überall der Fall. "Und Schmerzmittel sind auch nicht nötig." Warum?

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation erklärt auf ihrer Webseite ausführlich, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit ein Mensch als "hirntot" gilt. Neben diversen Reflex-Tests wird auch die Fähigkeit zur selbstständigen Atmung überprüft. Und: Es wird geprüft, ob der Patient "keinerlei zentrale Reaktion auch auf stärkste Schmerzreize erkennen lässt". Durch die Feststellung des Hirntodes sei ein Schmerzempfinden absolut ausgeschlossen, sagt der Mediziner. Auch die Bundesärztekammer gab im Jahr 2001 eine Erklärung zu genau dieser Frage ab. Dort heißt es: "Nach dem Hirntod gibt es keine Schmerzempfindung mehr. Deshalb sind nach dem Hirntod bei Organentnahmen keine Maßnahmen zur Schmerzverhütung (zum Beispiel Narkose) nötig. Die Tätigkeit eines Anästhesisten bei der Organentnahme dient ausschließlich der Erhaltung der Funktionsfähigkeit der zu entnehmenden Organe."

Organspende im Ausland

In manchen Ländern gelten andere Regelungen für die Organspende als in Deutschland. So findet zum Beispiel das Hirntod-Kriterium, das in Deutschland Voraussetzung für eine Spende ist, nicht überall Anwendung. In Spanien etwa kann zum Spender werden, wessen Herz zehn Minuten lang nicht mehr schlägt – eine auch unter Medizinern sehr umstrittene Regelung. Wer als deutscher Tourist in entsprechende Länder reist und dort ums Leben kommt, fällt nicht etwa unter die deutsche Regelung zur Organspende, sondern unter die im jeweiligen Land gültige.

Doch dem kann man vorbeugen. Wer in Urlaub fährt, sollte sich vorher erkundigen, welche Regelung in seinem Urlaubsland gilt. Und ob er unter diesen Umständen zum Spender werden möchte. "Für den Organspendeausweis gibt es Beizettel in neun Sprachen", erklärt die Deutsche Stiftung Organspende gegenüber n-tv.de. Dort kann man dann entsprechend Ausnahmen formulieren, und etwa – während der Zeit im Ausland – eine Organspende verweigern.

Entstellter Leichnam nach Organspende?

Einige Menschen denken bei der Verweigerung einer Organspende weniger an sich selbst, als an ihre Angehörigen. Die Angst, der Leichnam sei nach der Organentnahme verstümmelt und unansehnlich, ist jedoch unbegründet. Kirste: "Ein Organspender sieht nach der Organentnahme aus wie jeder andere Leichnam auch."

Selbst eine Entnahme der Augen oder der Augen-Hornhaut sei unbedenklich. "Es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die einer Hornhaut-Entnahme nicht zustimmen, weil man dann dem Toten nicht noch einmal in die Augen sehen kann", sagt Kirste. Ziemssen gibt in dieser Hinsicht Entwarnung. Die Augen würden in der Regel vor dem Einsetzen der Leichenstarre vom Pflegepersonal geschlossen. "Wenn Menschen Abschied nehmen, ähnelt der verstorbene Mensch einer schlafenden Person. Dieser friedliche Eindruck ist genauso gegeben, wenn Hornhäute oder Augen entnommen worden sind", sagt Ziemssen. Es werde im Falle einer Entnahme der Augen auch sorgfältig passende künstliche Augen ausgewählt und eingesetzt, anschließend würden die Augen wieder geschlossen. Der Augenarzt betont: "Die Spender sehen daher nicht entstellt aus."

"Dennoch haben wir Verständnis und Respekt vor der Entscheidung, wenn jemand aus persönlichen oder religiösen Gründen sich nicht mit der Vorstelllung anfreunden kann", ergänzt Ziemssen. Für solche Fälle kann man auf dem Spendeausweis Ausnahmen formulieren, ohne grundsätzlich einer Organspende zu widersprechen.

Information soll Zweifel ausräumen

Günter Kirste hält die Neuregelung beim Thema Organspende grundsätzlich für einen Schritt in die richtige Richtung. Allerdings fordert er eine umfangreiche Aufklärung der Menschen, damit sich jeder selbst ein Bild machen könne. Nur so könnten die Vorbehalte gegen eine Organspende aus der Welt geschafft werden. Denn leidtragend sind letzten Endes diejenigen, die auf ein Spenderorgan hoffen.

Rational gesehen gibt es keinerlei Gründe, eine Organspende grundsätzlich zu verweigern. Dennoch muss man die Ängste und Sorgen der Menschen ernst nehmen, denn sie sind verständlich und natürlich. Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass die Frage zur Spendebereitschaft unmittelbar mit dem Gedanken an den eigenen Tod - und vor allem dem eigenen Sterben - zusammenhängt. Beides ist für viele mit Angst oder zumindest Unbehagen verbunden. In Wirklichkeit ist die Frage nach der Organspende aber keine Frage nach dem Tod. Sie ist eine Frage nach dem Leben.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema