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"Eher ein bisschen wobbelig" So soll das Coronavirus wirklich aussehen

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Lange Stacheln, unförmige Hülle: Dieses in einem 3D-Drucker entstandene Modell von Sars-CoV-2 soll der Realität recht nahe kommen.

(Foto: Rudolf-Virchow-Zentrum/Corona Structural Task Force)

Das Coronavirus ist selbst unter den besten Mikroskopen nur schemenhaft zu erkennen. Um dem Feind ein "Gesicht" zu geben, greifen Forscher auf Modelle zurück. Eines der vielleicht genausten entsteht an der Universität Würzburg - und zeigt einen Erreger, der wenig Ästhetik aufweist.

Es ist ein für das menschliche Auge unsichtbarer Erreger, welcher seit mehr als einem halben Jahr die Erdbevölkerung heimsucht. Denn das Coronavirus ist winzig. Sein Durchmesser entspricht etwa einem Tausendstel eines menschlichen Haares. Für das bloße Auge ist der Erreger unsichtbar, und selbst mit Elektronenmikroskopen gelingen Forschern nur schemenhafte Abbildungen. Vor allem computergenerierte Grafiken und Illustrationen bestimmen daher die Vorstellung vom Coronavirus. Aber wie zutreffend sind sie?

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Eine mittlerweile weltberühmte Darstellung: Die Illustration des Coronavirus von Alissa Eckert und Dan Higgins, erstellt für die US-Seuchenschutzbehörde CDC. Doch die Realität dürfte anders aussehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Besonders die Illustration der US-Seuchenschutzbehörde CDC, ein graues Virus mit glühend roten Stacheln auf seiner Hülle, ist mittlerweile weltweit verbreitet. Doch sieht das Virus wirklich so aus? Um das herauszufinden, hat ein Team um Andrea Thorn von der Universität Würzburg viele Studien zu Einzelstrukturen des Virus Sars-CoV-2 ausgewertet und daraus ein Modell des Erregers zusammengesetzt, welches seinem wahren Aussehen bisher am nächsten kommen soll.

"Das Erstaunlichste aus meiner Sicht war, dass das Virus nicht symmetrisch und rund ist, sondern ein bisschen wobbelig", sagt Thorn zu ntv.de über das Ergebnis, welches die Forscher auf einer speziellen Webseite veröffentlicht haben. Die Oberfläche sei unregelmäßig und verändere sich zudem ständig "wie bei einer Seifenblase", so Thorn. Aufgrund der unregelmäßigen Form habe das neue Virus-Modell in ihrem Team den Spitznamen "Kartoffel" erhalten.

In der bisherigen Darstellung wird das Coronavirus oft als perfekte Kugel gezeigt - auch Thorn war zunächst davon ausgegangen, dass Sars-CoV-2 rund ist, wie es bei vielen anderen Viren der Fall sei. Was die Forscher bei der Berechnung des neuen Modells ebenfalls feststellten: Das Virus kann in seiner Größe variieren, die einzelnen Erreger sind also mal kleiner, mal größer.

Stacheln eher zufällig angeordnet

Auch was die markanten Stacheln des Virus betrifft, die sogenannten Spike-Proteine, soll das Modell der Würzburger Forscher ein genaueres Bild vermitteln. In vielen bisherigen Darstellungen ragen die Spikes in regelmäßigen Abständen aus der Hülle des Erregers empor - laut Thorn ist diese scheinbare Ordnung jedoch ein Trugbild: "Die Stacheln sind nicht gleichmäßig auf der Oberfläche verteilt, sondern eher zufällig angeordnet." Das Erscheinungsbild des Virus ist somit womöglich viel chaotischer als bisher bekannt.

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Aufnahme von Sars-CoV-2 (rot eingefärbt) mit einem Elektronenmikroskop - viele Details sind nicht zu erkennen.

(Foto: Hans R. Gelderblom, Freya Kaulbars/RKI. Kolorierung: Andrea Schnartendorff)

Auch sind die Stacheln des Würzburger Modells viel länger als etwa auf der berühmten Grafik der CDC. Die oberen Enden der Spikes sind laut den Forschern auch unregelmäßiger und "schleimiger" als im US-Modell. Daher hatten sie sich auch für eine andere Farbgebung entschieden - grün statt rot für die Spike-Proteine, was "der schleimigen, feuchten Umgebung entspricht, in der das Virus Wirtszellen befällt".

Auch wenn die Forscher dem wahren Aussehen von Sars-CoV-2 nähergekommen sind, blieben noch offene Fragen bei dem Modell, betont Thorn. Dennoch findet sie es wichtig, weil die Öffentlichkeit nun eine genauere Vorstellung von dem Virus habe. Menschen könnten sich so der Gefahr besser bewusst werden und würden vielleicht eher zu Schutzmaßnahmen greifen - wie etwa Masken tragen und Abstand halten. "Es ist schwer, sich einer unsichtbaren Bedrohung bewusst zu werden, und noch schwieriger, wenn man die Bedrohung nicht versteht", so Thorn.

Die Forscher haben zudem einen Bauplan für ein Virus-Modell zum Selberbasteln ins Netz gestellt. Mit einem 3D-Drucker können die einzelnen Bestandteile des Erregers gedruckt und zusammengebaut werden, eine Anleitung gibt es unter diesem Link.

Quelle: ntv.de