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Studien machen wenig Hoffnung Sommer soll Pandemie kaum beeinflussen

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Sommer mit Virus - ein Szenario, dass 2020 blühen dürfte.

(Foto: imago images/penofoto)

Bisher hält sich die Hoffnung, dass warmes Wetter, Sonnenstrahlen und höhere Luftfeuchtigkeit das Coronavirus im Sommer verschwinden lassen. Neue Studien zeigen jedoch, dass der positive Effekt gering sein dürfte. Andere Einflüsse seien hingegen viel wirksamer.

Der Sommer rückt näher - und mit der in Deutschland zuletzt sinkenden Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen fällt der Blick auf die Ferienzeit. Könnten steigende Temperaturen und mehr Sonnenschein der Pandemie endgültig ein Ende bereiten? Es ist eine Frage, die bereits seit Beginn der Infektionswelle im Raum steht. Schließlich treten auch Grippe-Erreger und andere Coronaviren, die beim Menschen vorkommen, vor allem in den kälteren Monaten des Jahres auf. Warum sollte es bei Sars-CoV-2 anders sein?

Jüngste Forschungsarbeiten haben untersucht, ob der Sommer dem Virus tatsächlich zum Verhängnis werden könnte. In einer neuen Studie aus Kanada hatte das Team um den Epidemiologen Peter Jüni insgesamt 144 Regionen der Welt mit mindestens zehn Covid-19-Fällen untersucht. Dabei prüften sie einen möglichen Zusammenhang zwischen der regionalen Ausbreitung der Pandemie mit geografischer Breite, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Gleichzeitig untersuchten sie den Einfluss von gezielten Maßnahmen wie Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen.

Das Ergebnis überraschte die Forscher nach eigenen Angaben selbst: Die Ausbreitung der Pandemie steht demnach in keinem Zusammenhang mit Breitengrad oder den Temperaturen einer Region. Allerdings sei eine Beeinträchtigung des Infektionsgeschehens durch die Luftfeuchtigkeit möglich, so die Forscher. Einen tatsächlich starken Einfluss auf die Eindämmung des Virus hätten hingegen staatlich verordnete Gesundheitsmaßnahmen, so die Autoren.

"Pandemie wird nicht verschwinden"

Auch eine weitere Studie aus den USA sieht maximal einen leichten Einfluss des Sommers auf die Ausbreitung des Erregers. Hazhir Rahmandad von der MIT Sloan School of Management und seine Kollegen fanden heraus, dass höhere Temperaturen zwar in einigen Weltregionen für ein wenig Erleichterung sorgen könnten. Infektionen mit dem Coronavirus würden dadurch jedoch nicht gestoppt. "Obwohl hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit die Ansteckungsrate des Coronavirus leicht reduzieren können, wird die Pandemie wahrscheinlich nicht allein aufgrund des Sommerwetters verschwinden", so Rahmandad.

Es sind die jüngsten Beispiele für eine ganze Reihe von Untersuchungen, die sich mit dem möglichen Einfluss des Sommers auf den Verlauf der Pandemie beschäftigt haben - dabei jedoch zu recht unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Manche Studien ergaben, dass Faktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und UV-Strahlung Einfluss auf die Ausbreitung des Virus haben könnten. Etwa, indem sie die Lebensdauer des Virus auf Oberflächen und in Tröpfchen reduzieren, die Distanz verkürzen, über welche die Viren durch die Luft übertragen werden können, oder Einfluss auf Sozialverhalten und Immunsystem der Menschen ausüben. Andere Studien wiederum kamen zu gegenteiligen Ergebnissen oder fanden keinen möglichen Sommer-Effekt.

Für Aufsehen hatte Ende April eine Untersuchung aus den USA gesorgt. Wissenschaftler der US-Regierung hatten nach eigenen Angaben bei Experimenten festgestellt, dass UV-Strahlen das Coronavirus Sars-CoV-2 schnell abtöteten. Bei der Studie war das natürliche Sonnenlicht imitiert worden, wie es zu Sommerbeginn mittags auf Höhe des Meeresspiegels auf 40 Grad nördlicher Breite herrscht.

Kritik an UV-Licht-Studie

Experten hatten sich jedoch skeptisch zu den Ergebnissen aus den USA geäußert. Bemängelt wurde etwa, dass sie bisherigen Forschungen widersprächen. Denn bislang konnte nicht belegt werden, dass die im Sonnenlicht enthaltenen UV-A-Strahlen Viren zerstören. Bekanntermaßen wirksam gegen das genetische Material von Virenzellen sind dagegen UV-C-Strahlen - diese jedoch werden von der Erdatmosphäre herausgefiltert und treffen nicht auf die Erde.

Der Effekt des Sommers könnte am Ende womöglich also geringer sein als von vielen erhofft. Der Berliner Virologe Christian Drosten hatte im NDR-Podcast gesagt, ein pandemisches Virus werde etwa von sozialer Distanzierung, UV-Licht und Wärme nicht sehr stark gestoppt, "aber durchaus ein bisschen". Schätzungen zufolge könne "eine halbe Einheit" der Reproduktionszahl im Sommer abgezogen werden.

Quelle: ntv.de, kst