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Wer treibt vierte Welle an? Studie: Ungeimpfte an bis zu 90 Prozent aller Infektionen beteiligt

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Aus einigen Corona-Hotspots müssen mittlerweile Intensivpatienten in andere Bundesländer verlegt werden.

(Foto: imago images/Bernd März)

Ob in Deutschland eine "Pandemie der Ungeimpften" wütet, bleibt umstritten. Zwar machen diese den Großteil der Infizierten aus. Aber sind sie auch Treiber der vierten Welle? Berliner Forscher berechnen nun, welchen Anteil Geimpfte und Ungeimpfte an den Neuinfektionen haben.

Die vierte Corona-Welle in Deutschland stellt die vorangegangenen deutlich in den Schatten. Und das, obwohl bereits im Oktober zwei Drittel der Bundesbürger vollständig geimpft waren. Vor allem Ungeimpfte sind es derzeit, die sich infizieren oder im Krankenhaus landen. Laut dem jüngsten Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) lag die Inzidenz unter Ungeimpften über 18 Jahren fast dreimal höher als bei Geimpften derselben Altersklasse. Die Hospitalisierungsrate ist sogar mehr als fünfmal so hoch.

Gleichzeitig werden immer mehr Impfdurchbrüche registriert: Seit Beginn der Impfkampagne sind es 260.000. Klar war von Beginn an, dass die Impfstoffe nicht zu hundert Prozent vor einer Infektion schützen. Auch wurde eine mit der Zeit nachlassende Wirkung beobachtet. Doch inwieweit tragen Geimpfte auch zum Infektionsgeschehen bei?

Um diese Frage zu beantworten, haben sich Forscher um den Physiker Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität Berlin das Infektionsgeschehen in Deutschland vom 11. Oktober bis zum 7. November genauer angeschaut. Damals stieg die Zahl der Neuinfektionen exponentiell an, die Ansteckungsrate (R-Wert) lag bei 1,2. Liegt der R-Wert über 1, steigen die Neuinfektionen, liegt er darunter, fallen sie. Anhand dieser und weiterer Parameter entwickelten die Forscher ein Modell, welches den Anteil von Geimpften und Ungeimpften am Infektionsgeschehen berechnet. Die dazugehörige Studie ist als Preprint veröffentlicht worden und wurde noch nicht von unabhängigen Experten begutachtet.

Die Forscher setzten zunächst eine Schutzwirkung der Impfung von 72 Prozent voraus - auf diesen altersgemittelten Durchschnittswert kommt das RKI nach Auswertung der bisherigen Infektionszahlen. Außerdem floss in die Berechnung der Berliner Forscher mit ein, dass Geimpfte, die sich infizieren, für einen kürzeren Zeitraum ansteckender sind als Ungeimpfte, was in anderen Studien beobachtet worden war.

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Der Großteil der Infektionen findet laut dem Modell der Berliner Forscher zwischen Ungeimpften (dunkel-orange) statt. In der Grafik links wird eine höhere Schutzwirkung des Impfstoffs (72 Prozent) angenommen als in der rechten (50 bis 60 Prozent).

(Foto: Brockmann et al)

Das Ergebnis ihrer Modellierung: Bis zu drei Viertel aller Neuinfektionen werden von Ungeimpften verursacht. Jede zweite Übertragung findet zudem zwischen Ungeimpften statt - aber nur jede zehnte zwischen Geimpften. Und nur etwa jede siebte Infektion erfolgt von einem Geimpften auf einen Ungeimpften. Selbst bei einer geringeren Schutzwirkung des Impfstoffs, was die Forscher ebenfalls in Betracht zogen, ergibt sich ein ähnlich eindeutiges Bild. Schützt das Vakzin nur zu 50 bis 60 Prozent, gehen immer noch zwei Drittel aller Neuinfektionen auf Ungeimpfte zurück. Nur etwa jede sechste Übertragung findet dann zwischen Geimpften statt.

Maßnahmen für Ungeimpfte könnten reichen

In beiden Fälle sind Ungeimpfte also an 8 bis 9 von 10 Neuinfektionen beteiligt, schätzen die Forscher. Doch was lässt sich daraus schließen? In der Politik wird bereits über eine Impfpflicht oder Lockdowns für Ungeimpfte diskutiert. Auch die Berliner Forscher haben in ihrer Studie untersucht, was Einschränkungen speziell für Ungeimpfte im privaten und öffentlichen Bereich leisten könnten - ähnlich, wie sie mit den 2G- und 2G-plus-Regeln bereits vielerorts gelten. Laut ihrem Modell müssten Maßnahmen nur für Ungeimpfte die Übertragungen um lediglich ein Viertel senken, um den R-Wert auf 1 zu drücken und die Welle auszubremsen.

Die Forscher betonen jedoch, dass ihre Ergebnisse nicht als Empfehlung für Maßnahmen "überinterpretiert" werden sollten, welche eine Spaltung der Bevölkerung verstärken könnten. Denn ihre Analyse könne keine psychologischen oder soziokulturellen Folgen solcher Maßnahmen oder Empfehlungen berücksichtigen. Ein Gedankenspiel machen die Forscher jedoch: Sollten sich alle Menschen zu "fairen" Anteilen Kontaktbeschränkungen unterwerfen, müssten Ungeimpfte ihre Kontakte zwei bis drei Mal so stark reduzieren wie Geimpfte, um den R-Wert unter 1 zu bringen.

Eine höhere Impfquote kann einen ähnlichen Effekt wie Kontaktbeschränkungen auf die Ansteckungsrate haben, errechnen die Forscher. "Angesichts des derzeit langsamen Anstiegs der Impfrate in Deutschland und der geringen Impfbereitschaft der noch nicht geimpften Personen dürfte eine solche Steigerung der Impfrate jedoch nicht schnell zu erreichen sein", schreiben sie in der Studie. Die Ergebnisse unterstrichen jedoch die Bedeutung einer Kombination von Impfungen und Kontaktreduzierungen, um "die Epidemie unter Kontrolle zu bringen und eine Überlastung der öffentlichen Gesundheitssysteme zu verhindern".

Quelle: ntv.de, kst

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