Wissen

Was ist hinter der Nordwand? Suche nach Grab der Nofretete beginnt

4974838da3c047acc7c9804af10944bf.jpg

Die Büste der Nofretete steht im Neuen Museum in Berlin.

(Foto: dpa)

Es wäre eine archäologische Sensation: Das Grab der Nofretete traf wohl 3300 Jahre lang kein einziger Lichtstrahl. Das könnte sich nun ändern. Ein britischer Forscher glaubt zu wissen, wo der unentdeckte Sarkophag ist - und will das jetzt beweisen.

Es sind nur ein paar feine Linien in einer Wand aus Kalkstein. Doch sie könnten zu einer der größten archäologischen Sensationen führen, die die Welt seit Langem gesehen hat. Am 28. September 2015 macht sich eine Expedition von Wissenschaftlern um den britischen Ägyptologen Nicholas Reeves im Tal der Könige nahe der ägyptischen Stadt Luxor auf die Suche - nach nichts Geringerem als der Grabkammer der Nofretete.

fef5a6cf54a7ea01ed6053359fd51b74.jpg

Der britische Ägyptologe Reeves macht sich auf die Suche nach der Grabkammer der Nofretete.

(Foto: dpa)

Millionen Menschen haben ihre weltberühmte Büste auf der Berliner Museumsinsel in den vergangenen zehn Jahren bewundert. Den Sarkophag der rätselhaften Pharaonengattin dagegen hat noch keiner ausfindig machen können. Das könnte sich nun ändern: Reeves, der an der Universität von Arizona lehrt, äußerte in einem Aufsatz Vermutungen auf weitere Räume hinter der 1922 entdeckten Grabkammer von Nofretetes Stiefsohn Tutanchamun (um 1330 v. Chr.). In neuen, hochpräzisen Oberflächenaufnahmen zweier Wände der Kammer mit dem Kürzel KV62 fand Reeves Linienstrukturen, in denen er zugemauerte Durchgänge erkannte.

Doch damit nicht genug: Reeves vermutet hinter der bemalten Nordwand einen Korridor, der genug Platz für einen großen Sarkophag böte. Dem der "Nofretete selbst, der gefeierten Gattin, Mitregentin und späteren Nachfolgerin von Pharao Echnaton", wie Reeves schreibt.

Archäologische Welt in Aufregung

0bf3de6602d2f91f976388026676419d.jpg

Nachgebildete Grabkammer des ägyptischen Pharaos Tutanchamun bei der Ausstellung "Tutanchamun - Sein Grab und die Schätze" in Hamburg im Jahr 2009.

(Foto: dpa)

Die archäologische Welt ist seitdem in Aufregung. Nicht nur wegen der schönen Nofretete, bei der Ägyptologen seit jeher ins Schwärmen geraten, sondern auch deshalb, weil Reeves seine Theorie gut begründet. So sei der vermutete Gang die exakte Fortführung des Korridors in der Grabkammer Tutanchamuns. Auch scheint die Nordwand später bemalt worden zu sein als die übrige Raumdekoration. Reeves zufolge deshalb, weil sie durch das Zumauern erst nachträglich entstand.

Experten schätzen Reeves als seriösen Wissenschaftler. "Er ist ein wirklich guter Ägyptologe, der zu den größten Kennern des Tals der Könige gehört", sagt sein belgischer Kollege Harco Willems. Seiner Ansicht nach hat Reeves handfeste Hinweise für seine Theorie gefunden. "Was er auf den Bildern sieht, sehe ich auch. Es scheint mir außer Frage zu stehen, dass da zwei Türen sind." Zwei zugemauerte Durchgänge also. Eine zu einer kleineren Kammer. Die andere - womöglich - zu einer Legende der Amarnazeit. Aber warum soll es gerade Nofretete sein, die seit Tausenden von Jahren hinter der berühmten Wandbemalung ruht?

ab6bbe1c55e01b2e7e3250f5f9861b0a.jpg

Das Tal der Könige bei Luxor in Ägypten.

(Foto: dpa)

Der Theorie zufolge verbirgt sich hinter dem Namen von Tutanchamuns Vorgänger, Semenchkare, niemand anderes als die nach dem Tod ihres Gemahls Echnaton zur Herrscherin aufgestiegenen Nofrete. Ihre Grabkammer sei nach dem plötzlichen Tod Tutanchamuns hastig für diesen umgebaut und der Raum mit ihrem Sarkophag eingemauert worden. Nofretete als direkte Vorgängerin ihres Stiefsohns Tutanchamun: Eine unter Ägyptologen umstrittene These.

Spektakuläre Theorie

So spektakulär sich Reeves Theorie zum Inhalt der vermuteten Kammern auch anhört: "Dazu gibt es erstmal null Hinweise", erklärt Willems. Seiner Ansicht nach könnte es sich bei den Räumen eher um weitere Kammern mit Grabbeigaben für Tutanchamuns Reise ins Jenseits handeln. Andere Ägyptologen zweifeln an der gesamten Theorie. Frank Müller-Römer von der Universität München fragt in einer Gegenschrift: "Warum sollten auch nur die [von Reeves beschriebenen] Umrisse einer Vermauerung und nicht auch Strukturen einzelner Steine erkennbar sein?"

Schließlich stelle sich ebenso die Frage, warum vor der Veröffentlichung des Aufsatzes keine Messungen, zum Beispiel mit Hilfe von Radar, in KV62 durchgeführt wurden. Diese Untersuchungen sollen am 28. September nachgeholt werden und erste Erkenntnisse darüber bringen, was sich hinter der Nordwand des Pharaonengrabes befindet. Nofretete wäre allerdings erst dann zweifelsfrei gefunden, wenn im Gestein des Tals der Könige ein Raum mit einem Sarkophag gefunden würde, der ihren Namen trägt - nichts, was eine Radarmessung leisten könnte.

Bisher nur Hypothese

Doch selbst wenn die Ergebnisse der Messungen die Theorie um das Grab der Nofretete widerlegen sollten, auch der Fund von kleineren Kammern wäre noch immer eine archäologische Sensation. Kollegen des Forschers betonten aber, dass es sich erst einmal nur um eine Hypothese handle, für die es keinerlei Beweise gebe. Die Möglichkeit, dass es zumindest weitere Räume in der Grabkammer gibt, wird dagegen als wesentlich wahrscheinlicher angesehen. Enttäuschend wird es erst, wenn die Risse in der Wand einfach nur Risse in der Wand sind.

Mit konkreten Ergebnissen ist am heutigen Montag noch nicht zu rechnen. Verschiedene Messungen mit modernen Methoden würden am Montag und Dienstag durchgeführt, ohne die weltberühmte Ruhestätte des ägyptischen Königs zu beschädigen, sagte der ägyptische Antiquitätenminister Mamduch Damati. Wann mit den Ergebnissen der Untersuchungen zu rechnen sein werde, sagte Damati nicht. Für Donnerstag, den 1. Oktober ist eine offizielle Pressekonferenz in Kairo angekündigt.

Quelle: n-tv.de, abe/dpa

Mehr zum Thema