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Erste Analysen aus den USA Übersterblichkeit nicht nur durch Covid-19?

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New York City: Arbeiter in Schutzanzügen vergraben im April 2020 Covid-19-Tote in einfachen Holzsärgen in einem Graben auf Hart Island in der Bronx.

(Foto: picture alliance/dpa)

Um das Ausmaß der Corona-Pandemie abschätzen zu können, richten Forscher besonderes Augenmerk auf die Todesfallstatistik und vergleichen diese mit der Vergangenheit. Für die USA ist klar: Es sterben wesentlich mehr Menschen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Doch nicht alle waren an Covid-19 erkrankt.

Forscher in den USA wollten wissen, ob die aktuelle Pandemie zu einer sogenannten Übersterblichkeit im Land geführt hat. Dafür zog das Forscherteam um Daniel Weinberger von der Yale University in New Haven/Connecticut verschiedene Daten der Monate März bis Mai heran und wertete diese aus, darunter auch die Todesfallstatistik und die offiziellen Covid-19-Opferzahlen des Landes. Die Ergebnisse der Forscher wurden im Ärzteblatt JAMA veröffentlicht.

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Die Forscher rechneten mit insgesamt 780.975 Todesfällen im Land, die während des Zeitraums von März bis Mai registriert wurden. Sie stellten fest, dass dies 122.300 mehr Tote als im gleichen Zeitraum der Vorjahre sind. Dass die Ausbreitung der Infektionen zu Beginn der Epidemie zunächst auf wenige Städte und Staaten begrenzt war, muss bei der Betrachtung des Anstiegs der Todesfälle um 18,5 Prozent berücksichtigt werden. In den besonders betroffenen Bundesstaaten kam es während des betrachteten Zeitraums zu einer deutlichen Übersterblichkeit.

Traurige Zahlen aus New York City

"In der Stadt New York, dem ersten Epizentrum in den USA, sind in den Monaten März bis Mai fast dreimal so viele Menschen gestorben wie im langjährigen Mittel (38.170 versus 13.000)", schreibt das Deutsche Ärzteblatt dazu. Auch im Bundesstaat New York, in New Jersey, Pennsylvania, Michigan und Massachusetts sehen die Forscher eine deutliche Übersterblichkeit. Und es gibt noch eine Besonderheit: Die Zunahme der Todesfälle ist nicht vereinbar mit den 95.235 registrierten Covid-19-Toten. Sie liegt noch 28 Prozent darüber.

Diese Diskrepanz kann viele Ursachen haben. Denkbar wäre, dass nicht alle Covid-19-Toten erkannt beziehungsweise als solche registriert wurden. Denkbar wäre auch, dass viele der Verstorbenen krank waren, aber nicht die angemessene medizinische Behandlung bekamen. Eine Überforderung des Gesundheitssystems in den USA oder auch die Angst der Betroffenen vor einer Sars-CoV-2-Infektion in einer Klinik oder Praxis könnten Gründe dafür sein. Ebenfalls denkbar wäre eine gewisse Zahl von Toten durch Suizid oder Drogenabhängigkeit als Folge der gesellschaftlichen Veränderungen durch die Corona-Krise. Diese hat in den USA zu viel mehr Arbeitslosen und sozialer Isolation geführt.

Alzheimer, Herzerkrankungen, Schlaganfälle

Eindeutig messbar ist, dass es im analysierten Zeitraum im Land zu einem Anstieg der Zahl an Toten durch Herzerkrankungen (um 89 Prozent) und durch Schlaganfälle (um 35 Prozent) gekommen ist. In New York City betrug der Anstieg der Herztoten 398 Prozent. Diabetes wurde in der Stadt 356 Prozent häufiger als sonst als Todesursache angegeben. Ebenfalls auffällig ist der Anstieg der Alzheimer-Toten in fünf Staaten um 64 Prozent. Denkbar wäre in diesem Zusammenhang, dass viele Menschen in Pflegeheimen an Covid-19 erkrankt und daran gestorben sind. Bei ihnen wurde aber kein Sars-CoV-2-Test durchgeführt, weshalb sie nicht in die Statistik der Covid-19-Toten fallen.

Mit dem Begriff Übersterblichkeit wird eine zeitweise erhöhte Sterberate bezeichnet. Dabei werden die Zahlen mit denen aus einem vergleichbaren Zeitraum der Vorjahre oder den zur selben Jahreszeit üblicherweise zu erwartenden Werten verglichen. Mit dieser Vorgehensweise soll aktuell geklärt werden, ob die Infektion mit Sars-CoV-2 für eine erhöhte Sterblichkeit innerhalb der Bevölkerung eines Landes einhergeht, und ob sich diese mit der offiziellen Zahl der Covid-19-Toten deckt.

Quelle: ntv.de, jaz