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Laut einer Studie sind Wahlumfragen nicht unzuverlässiger als früher, im Gegenteil.
Laut einer Studie sind Wahlumfragen nicht unzuverlässiger als früher, im Gegenteil.(Foto: picture alliance / Armin Weigel/)
Mittwoch, 14. März 2018

Auswertung von 30.000 Erhebungen: Wahlumfragen sind besser geworden

Bei so mancher Abstimmung in letzter Zeit lagen Umfragen falsch und Demoskopen bekamen viel Kritik. Nun zeigt eine sehr umfangreiche Studie: Wahlumfragen sind keineswegs schlechter geworden - im Gegenteil. Wie kommt das?

Wahlumfragen sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht schlechter geworden. Das zeigt die Auswertung von 30.000 Umfragen zu 351 landesweiten Wahlen in 45 Staaten zwischen 1942 und 2017. Demnach sind die Prognosen im Lauf der Zeit sogar ein wenig zuverlässiger geworden, wie Will Jennings von der University of Southampton und Christopher Wlezien von der University of Texas in Austin im Fachblatt "Nature Human Behaviour" schreiben. "Das ist die breiteste Analyse, die es dazu gibt", sagt Kommunikationsforscher Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, der nicht an der Arbeit beteiligt war. Die Studie sei sehr beeindruckend.

Die Briten stimmten am 23. Juni 2016 mit knapper Mehrheit für einen Austritt aus der EU - viele Umfragen sagten etwas anderes voraus.
Die Briten stimmten am 23. Juni 2016 mit knapper Mehrheit für einen Austritt aus der EU - viele Umfragen sagten etwas anderes voraus.(Foto: dpa)

Das Brexit-Votum oder die US-Präsidentschaftswahl 2016: Nach etlichen Debakeln bei Abstimmungen ist der Ruf von Wahlumfragen lädiert. "Die Behauptung, dass Umfragen in der Krise stecken und Fehler zunehmen, bleibt bei Kommentatoren und sogar bei manchen Wissenschaftlern beliebt", schreiben die Autoren. So sahen Erhebungen unmittelbar vor der britischen Parlamentswahl 2015 die konservative Partei bei 33,2 Prozent, sie bekam dann aber 37,8 Prozent - ein Unterschied von 4,6 Prozentpunkten.

Strukturelle Gründe, an Wahlumfragen zu zweifeln

Tatsächlich gebe es strukturelle Gründe, an Wahlumfragen zu zweifeln, betonen die Forscher. So würden heute einfachere und kostengünstigere Methoden eingesetzt, etwa Online-Erhebungen und automatisierte Sprachdialogsysteme. Gleichzeitig sinke bei traditionellen Methoden wie persönlichen und telefonischen Befragungen die Beteiligung. "Vor 20 Jahren nahmen mehr als ein Drittel der Kontaktierten an Umfragen teil, heute liegt der Anteil unter zehn Prozent", schreiben Jennings und Wlezien. "Das kann die Repräsentativität der Umfragen gefährden, mit offensichtlichen Folgen für Fehleranfälligkeit." Zudem sei das Verhalten von Wählern weniger absehbar als früher.

Die Forscher werteten nun zu landesweiten Wahlen Zehntausende Umfragen aus - darunter auch gut 3800 Befragungen vor den 16 Bundestagswahlen von 1961 bis 2017. Dabei konzentrierten sie sich letztlich auf die letzte Woche vor 220 Wahlen in 32 Ländern von 1942 bis 2017. Abstimmungen wie das Brexit-Referendum oder Umfragen vor der US-Präsidentschaftswahl in einzelnen US-Staaten wurden nicht berücksichtigt.

Durchschnittliche Abweichung bei 2,1 Prozentpunkten

Donald Trumps Wahlsieg hatten nur wenige Demoskopen vorhergesehen.
Donald Trumps Wahlsieg hatten nur wenige Demoskopen vorhergesehen.(Foto: dpa)

Insgesamt lag die durchschnittliche Abweichung für Parteien oder Kandidaten bei 2,1 Prozentpunkten. Die Analyse ergab zwar, dass es bei Umfragen im Lauf der Jahrzehnte immer wieder Ausreißer gab, deren Häufigkeit stieg aber nicht. Im Gegenteil: Sie lag von den 1940er- bis zu den 1970er-Jahren bei 2,1 Prozentpunkten, im Zeitraum seit 2000 dagegen bei 2,0. Generell war die Zuverlässigkeit vor Parlamentswahlen höher als vor Präsidentschaftswahlen wie in den USA oder Frankreich.

Die Auswertung biete keinen Beleg dafür, dass Umfragefehler mit der Zeit zugenommen haben, schreibt das Team. "Daraus geht hervor, dass sinkende Teilnahmeraten und die zunehmende Vielfalt der Erhebungsmethoden wenig Einfluss auf die Genauigkeit von Umfragen vor Wahlen haben, zumindest in der Gesamtanalyse."

Zuverlässigkeit hängt von Parteigröße ab

Allerdings hänge die Zuverlässigkeit von der Größe einer Partei ab. Je höher der Zuspruch für eine Partei oder einen Kandidaten, desto größer war die Abweichung. Solche Fehler könnten darüber entscheiden, ob Wahlsieger zuverlässig oder fehlerhaft vorhergesagt würden - wie bei den britischen Parlamentswahlen 2015 und 2017 sowie bei der US-Präsidentschaftswahl 2016. "Die Größe des Umfragefehlers war bei jeder dieser Wahlen nicht ungewöhnlich. Sie war aber entscheidend für die Prognose der Wahlgewinner und -verlierer."

Die Studie widerlege zuverlässig die Behauptung, dass Wahlumfragen schlechter würden, sagt Brettschneider. Zwar stelle die sinkende Mitwirkung in der Bevölkerung die Demoskopen vor Herausforderungen, dies werde aber durch Gewichtung der Antworten kompensiert. "So lange die Ausfälle nicht systematisch sind und ganze Bevölkerungsgruppen rausfallen, ist das nicht unbedingt problematisch."

Sprachdialogsysteme werden demnach in Deutschland nicht verwendet, Online-Befragungen dagegen schon. "Generell sind Wahlumfragen zuverlässiger als Befragungen zur Marktforschung, weil sich ihre Zuverlässigkeit am Ende an harten Daten überprüfen lässt", betont Brettschneider. Nach seinen Angaben lagen die Abweichungen der Forschungsinstitute vor der letzten Bundestagswahl zum Großteil deutlich unter 2 Prozentpunkten.

Für die Einschätzung, dass Wahlumfragen in jüngster Zeit fehleranfälliger seien, macht Brettschneider auch eine selektive Wahrnehmung verantwortlich. Die Öffentlichkeit nehme zutreffende Prognosen wie selbstverständlich hin - im Gegensatz zu Fehlern. "Eine genaue Vorhersage liefert eben keine Schlagzeile", sagt Brettschneider.

Quelle: n-tv.de