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"Wäre unverantwortlich" Warnung vor Import britischer Impfstrategie

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Gemäß dem Wissen aus klinischen Studien werden bisher zwei Impfdosen gegen Covid-19 verabreicht.

(Foto: imago images/VXPictures.com)

Die Covid-19-Impfstoffe sind endlich da - aber noch sind sie knapp. In Großbritannien will man daher die übliche zweite Impfdosis aufschieben, damit zunächst mehr Menschen geimpft werden können. Auch für Deutschland gibt es diese Überlegung. Doch Experten warnen davor.

Seit mehr als einer Woche wird in Deutschland gegen Covid-19 geimpft - bisher erhielten mehr als eine Viertelmillion Menschen eine erste Dosis des Impfstoffs von Biontech/Pfizer. Doch aus Sicht von Kritikern geht es nicht schnell genug: Von einem "Impfchaos" ist bereits die Rede. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will nun nachbessern. Eine Option: Die notwendige zweite Impfung aufschieben, um zunächst mehr Menschen eine Impfung mit den vorhandenen Dosen zu ermöglichen. Die Idee kommt aus Großbritannien und wurde in Deutschland zunächst von Experten positiv aufgenommen. Doch es mehren sich die Bedenken.

Was machen die Briten? Großbritannien hatte vergangene Woche dem Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astrazeneca und der Universität Oxford als zweitem Impfstoff nach dem Biontech/Pfizer-Präparat eine Notfallzulassung erteilt. Gleichzeitig empfahl der Ausschuss, für beide Impfstoffe vorerst möglichst vielen Menschen nur die erste Impfdosis zu verabreichen. Die zweite Dosis solle innerhalb von zwölf statt der ursprünglich vorgesehenen etwa zwei bis vier Wochen gespritzt werden.

Der Gedanke dahinter: Laut den Daten aus den klinischen Studien ist bereits nach der ersten Impfung mehr als die Hälfte der Geimpften vor einer schweren Erkrankung geschützt. Die Rechnung ist also, dass man einfach alle vorhandenen Impfdosen verbraucht und die zweiten Impfungen einfach später verabreicht, wenn neue Chargen geliefert sind - auf diese Weise könnte man die Impfkapazitäten auf einfach Weise verdoppeln. Experten halten es durchaus für plausibel, dass auch eine spätere Zweit-Impfung ausreichen könnte - doch verweisen sie auch auf die bisher unklare Datenlage.

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Wirksamkeit bei Älteren unklar

So warnt etwa der Epidemiologe und Impfstoffexperte Klaus Stöhr gegenüber ntv.de vor der britischen Strategie. Denn: Die Wirksamkeit der Impfstoffe sei nur für den Durchschnitt der Getesteten ermittelt worden, nicht jedoch für einzelne Untergruppen wie Ältere oder Menschen mit Diabetes - die hätten jedoch häufig ein schwächeres Immunsystem und es sei nicht klar, ob bereits eine erste Dosis wirklich die gewünschte Wirksamkeit zeigt. "Weil die Wirksamkeit in den höheren Altersgruppen noch nicht belegt ist, wäre es unverantwortlich, nach einem noch nicht getesteten Impfschema großflächig zu impfen", kritisiert Stöhr.

"Richtig wäre es jetzt, das bereits getestete Impfschema anzuwenden und so viele Menschen wie möglich zu impfen", so Stöhr. Parallel dazu sollten jedoch schnellstmöglich alternative Impfschemata einschließlich geringerer Dosis entwickelt werden. "Für gesunde Erwachsene, zum Beispiel in Pflegeberufen, könnte wegen ihres besseren Immunsystems eine 1-Dosen-Impfung oder eine geringere Impfstoffmenge für die Wirksamkeit genügen." Ob man diese schon vor dem Ende der Winterwelle im April einführen könne, sei jedoch fraglich.

Sorge vor Mutationen

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte die Idee einer verzögerten zweiten Impfung ebenfalls befürwortet. Doch Lauterbach verwies auf Twitter zuletzt auf einen "wichtigen Einwand" des Virologen, Florian Krammer, Professor im Bereich Impfungen an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Krammer hatte auf Twitter davor gewarnt, dass die Gabe von zunächst nur einer Impfstoff-Dosis die Entwicklung von Mutationen befördern könnte, welche das Virus resistent gegen einen Impfstoff machen könnten. "Ich denke, es wäre gut, wenn die zweite Dosis so schnell wie möglich verabreicht wird", schlussfolgert Krammer daraus.

Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts soll nun nach Sichtung entsprechender Daten eine Empfehlung zur möglichen zeitlichen Streckung der zweiten Impfung nach britischem Vorbild abgeben - das geht aus einem Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums hervor, dass der Nachrichtenagentur AFP vorlag. Darin wird auf die in Großbritannien geübte Praxis verwiesen, den zeitlichen Abstand zwischen der ersten und der zweiten Impfung weit über die in der Zulassung maximal vorgesehenen 42 Tage hinaus zu verlängern.

Quelle: ntv.de