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Fünf mögliche Gründe Warum dieses Coronavirus so erfolgreich ist

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Illustration von Sars-CoV-2: Rot eingefärbt sind seine Spikes, mit denen das Virus sich Zugang zu Zellen verschafft.

(Foto: CDC)

Die Welt wird von Sars-CoV-2 auf dem falschen Fuß erwischt - mit erschreckender Leichtigkeit erobert es ein Land nach dem anderen. Ein Gegner wie dieser war bisher unbekannt. Was macht dieses Virus so erfolgreich? Ein Erklärungsversuch.

Es ist eine Armee aus Billionen von Viren, die derzeit die Welt erobert. Das erstmals Ende 2019 in China aufgetretene Coronavirus mit dem Namen Sars-CoV-2 verbreitet sich wie ein Flächenbrand in fast allen Teilen dieser Erde. Es ähnelt seinem engen Verwandten Sars-Cov, welches 2003/2004 eine Pandemie auslöste. Damals wurden etwa 8000 Menschen mit dem Virus infiziert, rund 800 starben.

Doch die offensichtlich verbesserte Variante Sars-Cov-2 setzt neue Maßstäbe. Mehr als eine halbe Million Menschen erkrankten bereits an Covid-19, Zehntausende starben daran. Die Corona-Pandemie zwingt Staaten zum gesellschaftlichen Shutdown, bringt die Weltwirtschaft ins Wanken und droht Gesundheitssysteme kollabieren zu lassen. Was macht das Virus mit dem Namen Sars-CoV-2 so extrem "erfolgreich"? Hier sind fünf mögliche Gründe:

1. Es kann fliegen

Zwar weiß man noch nicht viel darüber, wie sich Sars-CoV-2 überträgt. Es wird jedoch angenommen, dass dies hauptsächlich über die sogenannte Tröpfcheninfektion geschieht. Bei dieser werden Viren von Infizierten etwa beim Husten oder Niesen - vielleicht auch beim Sprechen - in kleinen Tröpfchen an die Luft abgegeben und von anderen Menschen eingeatmet. Auch eine Übertragung von der Luft in die Augen wird mittlerweile für möglich gehalten. Das Virus kann also fliegen, wenn man so will. Die Reichweite wird zwar als gering erachtet - sie wird auf 1,5 bis maximal 1,8 Meter geschätzt. In dicht bevölkerten Metropolen ist das jedoch allemal ausreichend.

Zudem setzt es sich, anders als das ältere Sars-Virus, zu Beginn der Infektion im Rachen fest. Dort kann es sich stark vermehren und springt schließlich "von Rachen zu Rachen," wie der Virologe Hendrik Streeck es ausdrückt. Sars-CoV-2 sei dadurch ansteckender als sein Vorgänger, weil Letzterer sich tief in der Lunge vermehre. Allerdings kann auch Sars-CoV-2 die Lunge angreifen, was dann zu den bekannten schweren Verläufen führt.

2. Es operiert verdeckt

Was Forscher verblüfft, ist die zunehmende Zahl an Infizierten, die weder in Risikogebieten waren, noch Kontakt zu nachgewiesenen Covid-19-Patienten hatten. Eine mögliche Erklärung: Das Coronavirus operiert verdeckt - es nutzt infizierte Menschen als Sprungbrett, die ihre Erkrankung gar nicht bemerken und daher ihre ahnungslosen Mitmenschen anstecken könne. Forscher entdeckten in China einen Infizierten ohne jegliche Symptome, der allerdings genau so viele Viren abgab wie Erkrankte mit Symptomen. Diese "verdeckten" Fälle mit milden oder ohne jegliche Symptome könnten fast 60 Prozent aller Infizierten ausmachen. Allerdings geht die US-Seuchenschutzbehörde CDC davon aus, dass die verdeckte Übertragung nicht die Hauptriebfeder der Pandemie ist.

Auch Covid-19-Erkrankte mit Symptomen sind bereits zwei bis drei Tage vor den ersten Anzeichen der Krankheit ansteckend, wie eine Studie ergab. Aus Sicht des Virus ein Vorteil gegenüber Vorläufer Sars-CoV, bei dem die Patienten erst etwa eine Woche nach den ersten Symptomen infektiös wurden. Der Grund: Das erste Sars-Virus griff vor allem die Lunge an, wodurch die Infizierten sich schnell krank fühlten und zum Arzt gingen. Dadurch konnten sie isoliert werden, bevor sie andere ansteckten. Laut dem Virologen Christian Drosten habe dies „extrem geholfen“, die damalige Epidemie einzudämmen. Sars-CoV-2 tut diesen Gefallen nicht.

3. Es ist perfekt an uns angepasst

Forscher nehmen auch den Aufbau des Virus unter die Lupe, um das Geheimnis seines Erfolgs zu enträtseln. Im Fokus stehen dabei die sogenannten Spikes - dabei handelt sich um Proteine, die zu allen Seiten aus der kugelförmigen Hülle des Virus herausragen. Mit ihnen dockt Sars-CoV-2 an eine Wirtszelle an, womit der erste Schritt zu einer Infektion getan ist. Danach dringt das Virus in die Zelle ein und programmiert sie zu einer kleinen Viren-Fabrik um.

Die Spikes von Sars-CoV-2 haben eine Besonderheit: Sie scheinen sehr fest an den sogenannten ACE2-Rezeptor der Wirtszelle binden zu können, laut einer Studie mindestens zehnmal so fest wie sein Vorgänger Sars-CoV. Virologen glauben, dass dies ein Grund für die leichte Übertragbarkeit des neuen Erregers sein könnte.

In weiterer Weise unterscheidet sich Sars-CoV-2 von seinem Vorläufer: Um in die Zelle eindringen zu können, nutzt es als einziges Coronavirus das Enzym Furin, welches in den Wirtszellen vorkommt. Auch Grippeviren und HIV greifen auf Furin zurück. Für Sars-CoV-2 möglicherweise ein wichtiger Vorteil - Virologe Gary Whittaker von der Cornell University glaubt, es habe Einfluss auf "die Stabilität des Virus und damit seine Übertragbarkeit", wie er "Nature News" sagte.

4. Es ist robust

Wie andere Viren auch ist Sars-CoV-2 außerhalb eines Wirtes den Elementen mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert. Denn Viren verfügen weder über einen eigenen Stoffwechsel, noch können sie sich von alleine bewegen. Doch es gibt Hinweise, dass Sars-CoV-2 auch in der rauen Außenwelt erstaunlich robust ist. Untersuchungen im Labor zeigten zwar, dass sich der Erreger außerhalb eines Körpers nach Minuten oder Stunden aufzulösen beginnt. Einige Viren blieben jedoch länger intakt und somit potenziell ansteckend - auf Pappe bis zu 24 Stunden und sogar zwei bis drei Tage auf Plastik und Edelstahl. Wohlgemerkt, unter Laborbedingungen.

5. Es hält sich fit

Durch die hohe Anzahl von Kopien, die Viren im Wirt von sich erstellen lassen, sind sie naturgemäß anfällig für Mutationen. Das ist jedoch nicht zwangsläufig von Vorteil, Mutationen können dem Virus auf seinem Feldzug auch hinderlich sein. Doch verfügt Sars-CoV-2 wahrscheinlich wie andere Coronaviren über einen Mechanismus, der Fehler beim Kopieren der Gensequenz vermeidet: das sogenannte Proofreading. Beim Replikationsprozess wird das Genom noch mal überprüft und unerwünschte Mutationen, die das Virus schwächen und seine Ansteckungskraft dämpfen könnten, werden dadurch vermieden.

Diese und weitere, womöglich bisher unbekannte Eigenschaften, könnten den Erfolg von Sars-Cov-2 erklären. Auch wenn es aus Sicht eines Virus, so betonten Virologen, eher von Vorteil ist, wenn es wenig Aufsehen erregt. Denn eines ist klar: Das Coronavirus hat nun die volle Aufmerksamkeit der Menschheit. Die Forschung läuft auf Hochtouren, ein Waffenarsenal aus Medikamenten und Impfstoffen wird derzeit in Laboren weltweit zusammengebaut. Möglicherweise wird Sars-CoV-2 sein vermeintlicher Erfolg am Ende zum Verhängnis.

Quelle: ntv.de