Wissen
Die Wirklichkeit ist bunt und komplex. Aber nicht immer gelingt es uns, sie auch so wahrzunehmen.
Die Wirklichkeit ist bunt und komplex. Aber nicht immer gelingt es uns, sie auch so wahrzunehmen.(Foto: imago/Becker&Bredel)
Sonntag, 22. Januar 2017

Von den Guten und den Anderen: Warum wir so anfällig für Feindbilder sind

Flüchtlinge, Merkel und die EU: Die Politik der Populisten basiert auf Feindbildern - und findet Anklang. Warum? n-tv.de spricht mit Prof. Dr. Christoph Weller von der Universität Augsburg. Weller ist Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung und beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Feindbildern. In dem Gespräch geht es um echte Bedrohungen, um deutsche Terroristen und um Nachrichten, die es nicht in die Medien schaffen.

n-tv.de: Herr Weller, was unterscheidet eigentlich ein Feindbild von einer echten Bedrohung?

Christoph Weller: Ob eine Bedrohung echt ist, wissen wir immer erst im Nachhinein. Denn wenn wir von einer Bedrohung sprechen, geht es um die Zukunft und um eine mögliche Entwicklung. Das "echt" müssen wir also streichen. Und dann muss man ganz klar sagen: Über Bedrohungen wird politisch entschieden.

Was meinen Sie damit?

Bilderserie

Ein Beispiel: Die Gruppe der unaufmerksamen, rücksichtslosen Autofahrer ist eine sehr viel größere Bedrohung für unser weiteres Leben, als es Terroristen sind. Durch unaufmerksame Autofahrer kommen viel mehr Menschen ums Leben. Aber haben Sie den Verkehrsminister schon einmal über diese Gruppe reden hören und wurde sie jemals als Bedrohung dargestellt, gegen die man etwas tun müsste? Da sieht man: Die Politik legt fest, was sie zur Bedrohung machen will und was nicht. Und sobald etwas zur Bedrohung erklärt wurde, besteht die Tendenz, dass damit Feindbilder gefördert werden.

Einige Menschen in Deutschland fühlen sich vom Islam und von muslimischen Flüchtlingen abstrakt bedroht. Spielen da Feindbilder eine Rolle?

Auf jeden Fall. Im Moment gibt es erschreckende Beispiele. In den aktuellen Debatten sind es stets muslimische Flüchtlinge, die als Terroristen kategorisiert werden. Was ist mit den rechtsradikalen deutschen Terroristen? Die werden dadurch unsichtbar gemacht. Ich will niemandem unterstellen, dass das absichtlich geschieht. Aber zumindest wird dieser Effekt akzeptierend in Kauf genommen. Und das ist schlimm, denn auf diese Weise wird die Welt schwarz-weiß dargestellt, und damit werden alle muslimischen Flüchtlinge zur Bedrohung erklärt. Wer schwarz-weiße Wahrnehmungsmuster vermittelt, fördert Feindbilder.

Haben Sie dafür noch ein anderes Beispiel?

Wie überall gilt auch beim Abgas-Skandal: Gesellschaftliche Zusammenhänge sind nicht schwarz-weiß.
Wie überall gilt auch beim Abgas-Skandal: Gesellschaftliche Zusammenhänge sind nicht schwarz-weiß.(Foto: picture alliance / Julian Strate)

Ja, das geschieht auch, wenn im Zusammenhang mit dem Abgas-Skandal die gesamte Industrie als tendenziell betrügerisch dargestellt wird. Die genauere Untersuchung der entsprechenden Entscheidungsprozesse wird am Ende ein sehr farbiges Bild von Entscheidern mit Betrugsabsicht, Mitwissern, machtlosen Bremsern und Kontrolleuren sowie unwissend Beteiligten ergeben. Gesellschaftliche Zusammenhänge sind nicht schwarz-weiß.

Warum sind wir so anfällig für Feindbilder?

Da wirken drei Mechanismen zusammen. Zunächst einmal erscheint es uns extrem aufwendig, die Welt in ihrer ganzen Vielfalt und Buntheit wahrzunehmen. Deswegen vereinfachen wir sie und nehmen Kategorisierungen vor. Das ist kognitive Ökonomie. Im Extremfall sieht die so aus, dass wir uns vor allem auf Schwarz-Weiß-Bilder verlassen möchten. Das Bild ist dann also klar zweigeteilt, es gibt Gutes und Schlechtes oder auch Böses und Gutes. Aber eben keine Zwischentöne, keine Farben.

Neigen wir alle zu solchen Kategorisierungen?

Ja, in unterschiedlichem Maße und abhängig von Situation und Kontext. Das lässt sich auch nicht abstellen. Das müssen wir einfach anerkennen.

Und neben den Vereinfachungen - was trägt noch zu unserer Feindbild-Anfälligkeit bei?

Die Tendenz zur Bewertung. Sobald es nämlich um die Wahrnehmung anderer Menschen geht, verbinden wir mit der Kategorisierung gern auch eine Wertung. Wenn wir die Menschen – wieder der Extremfall – in zwei Gruppen einteilen, ist da einmal die Gruppe, zu der wir selbst gehören, und dann ist da noch die Gruppe der Anderen. Und es schwingt immer mit, dass die Gruppe, zu der wir selbst gehören, besser ist als die der Anderen.

Warum ist uns Wertung so wichtig?

Unser Selbstwertgefühl profitiert davon, wenn wir uns als Mitglied einer positiv bewerteten Gruppe sehen können. Außerdem stärkt es unsere soziale Identität. Das bedeutet aber auch: Wer ohnehin ein höheres Selbstwertgefühl hat, kann eher auf die Zugehörigkeit zu einer positiv bewerteten Gruppe verzichten. Wer hingegen ein nur gering ausgeprägtes Selbstwertgefühl hat, ist darauf stärker angewiesen.

Und der dritte Mechanismus, der mit den anderen beiden zusammenhängt?

Zeitungen, TV und Radio berichten gern über Konflikte. Das kann problematische Folgen haben.
Zeitungen, TV und Radio berichten gern über Konflikte. Das kann problematische Folgen haben.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Das sind die Medien - in zweierlei Hinsicht: Zum einen müssen sie uns die Welt vereinfacht präsentieren. Und zum anderen thematisieren sie, wenn es um das soziale Geschehen geht, vornehmlich Konflikte – was ja auch den Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten der meisten Menschen entspricht. Konflikte haben einfach den größeren Nachrichtenwert. Wenn sich zum Beispiel ein Runder Tisch der Religionen nach mühsamen Debatten auf eine gemeinsame öffentliche Veranstaltung einigt, dann ist das für das gesellschaftliche Zusammenleben wichtig, aber für Journalisten nicht besonders interessant. Wenn jedoch Vertreter einer bestimmten Religion unter Protest den Runden Tisch verlassen, dann ist das auf jeden Fall eine Nachricht.

Stimmt. Und ich ahne, worauf Sie hinauswollen …

Ja, an diesem Punkt greifen alle drei Mechanismen ineinander: Die Medien zeigen uns eine Welt voller sozialer Konflikte – aus nachvollziehbaren Gründen, aber mit problematischen Konsequenzen. Denn daraus folgt in der Öffentlichkeit die Einschätzung, dass es eine positiv und eine negativ bewertete Konfliktgruppe gibt. Und das wiederum befriedigt unsere kognitive Ökonomie. Dieses Zusammenwirken der drei Mechanismen macht uns so anfällig für Feindbilder.

Wer nutzt Feindbilder und warum?

Sie werden in der Politik instrumentalisiert, etwa um von anderen Konflikten, die man nicht bearbeiten will, abzulenken und sie zu überdecken. Und auch, um eine Gemeinschaft herzustellen. Denn indem ich eine "Outgroup" konstruiere und die mit einer negativen Wertung belege, vermittele ich allen, die zu meiner "Ingroup" gehören: Wir sind gut. Und das hören wir tatsächlich gern. Letztlich nutzt die Politik Feindbilder auch zur Legitimierung von Gewalt. Im Vorfeld von Kriegen kann man immer wieder beobachten, wie Feindbilder und Bedrohungen politisch hervorgebracht werden.

Woran erkennt man es, wenn sich ein Feindbild etabliert?

Zunächst muss ein Konflikt zwischen zwei gesellschaftlich relevanten Gruppen benannt sein. Wenn dann darauf aufbauend ein Feindbild entsteht, werden immer undifferenziertere Kategorisierungen vorgenommen – bis es letztlich nur noch die zwei Pole Gut und Böse oder Gut und Schlecht oder Freund und Feind gibt. Das spiegelt sich dann auch in der gesellschaftlichen Kommunikation über den Konflikt wider: Sie wird stark wertend.

Kann man bei solchen Anzeichen gegensteuern?

Ja, da spielen diejenigen eine zentrale Rolle, die die gesellschaftliche Kommunikation leichter beeinflussen können als andere. Was also sagen beispielsweise verantwortliche Politiker über einen außenpolitischen Konflikt? Und wie wichtig ist den Medien eine zwar vereinfachende, aber immer noch vielschichtige Berichterstattung? Und auch: Wie wichtig ist uns als Medien-Konsumenten ein differenziertes Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit?

Und wie kann sich jeder einzelne gegen Feindbilder immunisieren?

Da hilft vor allem eines: Jeder Mensch muss aufmerksam schauen, ob das ursprünglich bunte Bild der Welt irgendwo schwarz-weiß wird. Dann muss sofort eine rote Lampe angehen.

Mit Christoph Weller sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de