Häufigkeit und HintergründeWas Forscher über Amokfahrer wissen
Von Kai Stoppel
Wenn das Fahrzeug zur tödlichen Waffe wird, mit der Menschen schwer verletzt oder sogar getötet werden, ist meist von einer "Amokfahrt" die Rede. Doch was weiß man über das Phänomen eigentlich? Wie häufig sind solche Taten in Deutschland? Und was weiß man über die Täter und ihre Motive?
Was weiß man über das Phänomen Amokfahrt? Die Einordnung einer Tat als Amokfahrt ist nicht ganz einfach. So gilt der Anschlag von Anis Amri auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 nicht als Amokfahrt, sondern als Terrorakt. Grund sind die vom Täter selbst bekundeten politisch-religiösen Motive. Bei der Todesfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 hingegen ist umstritten, ob es ein Terrorakt oder eine Amokfahrt war. Die Strafverfolgungsbehörden entschieden auf Letzteres.
Was genau ist aber eine Amokfahrt? Die Autorin und Autoren der Studie "Amokfahrten in Deutschland" von 2020 definieren sie als "beabsichtigten Angriff mit einem Fahrzeug als Tatwaffe, bei dem mehrere zufällig oder gezielt ausgewählte Personen verletzt oder getötet werden sollen". Zwei Kriterien seien dafür entscheidend: ein klarer Tatentschluss und eine Mehrfachverletzung oder Mehrfachtötung.
In Medien wurde der Begriff "Amokfahrt" in der Vergangenheit zum Teil jedoch sehr unterschiedlich verwendet, wie die Autoren der Analyse von 2020 feststellten: für gezielte Angriffe auf Passanten ebenso wie für Kontrollverluste unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, für Fluchtfahrten vor der Polizei und auch für Taten psychisch kranker Menschen - teilweise sogar für Unfälle, bei denen Fahrer Gas- und Bremspedal verwechselten.
Nehmen Amokfahrten zu?
Die Erfassung von Amokfahrten in Zahlen ist schwierig: Eine eigene amtliche Kategorie gibt es nicht. Fahrzeugangriffe können je nach Fall als Verkehrsdelikt, Tötungsdelikt, Staatsschutzfall oder psychiatrisch relevantes Geschehen geführt werden.
Eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema Amokfahrten kommt für den Zeitraum 2001 bis 2010 auf insgesamt 23 Amokfahrten in Deutschland. In den 1990er Jahren waren es demnach hingegen nur zwei Fälle. Sind Amokfahrten zuletzt also häufiger geworden?
Nicht unbedingt, denn in den 1980er Jahren gab es laut der erwähnten Studie eine hohe Zahl von 31 Amokfahrten in Deutschland. Mehrere dieser Fälle wurden von damals in Deutschland stationierten britischen oder amerikanischen Truppen mit schweren militärischen Fahrzeugen verübt. Die wohl spektakulärste Amokfahrt unternahm 1982 ein US-Soldat mit einem M60-Kampfpanzer in der Mannheimer Innenstadt, bei der vier Menschen verletzt wurden. Der Täter starb, nachdem er mit dem Panzer in den Fluss Neckar gestürzt war.
Wer sind die Täter?
Laut den Studien zu Amokfahrten in Deutschland sind die Täter meist männlich und im Schnitt Mitte 30. Auffällig ist zudem, dass alle festgestellten Amokfahrer allein handelten. Laut der Analyse "Amokfahrten in Deutschland" entstanden die Taten zudem größtenteils spontan, in wenigen Fällen war die Amokfahrt mindestens 24 Stunden vorher geplant.
Dass die Taten eher spontan durchgeführt werden, spricht auch für die Tatwaffe Auto. Denn im Vergleich zu Schusswaffen sind Autos in Europa deutlich leichter verfügbar. In vielen Haushalten steht ein Fahrzeug bereit, was einen spontanen Entschluss leichter umsetzbar macht. Laut einer Untersuchung geschah die Tat in 90 Prozent der Fälle unmittelbar nach einem schicksalhaften Ereignis, wie dem Verlust der Wohnung, einer Niederlage vor Gericht oder dem Scheitern von Ehe oder Partnerschaft.
Die relative Spontanität der Amokfahrten stellt laut Experten auch einen Unterschied zu sonstigen Amokläufen dar, die oft einen längeren Vorlauf hätten und sich in mehrere Phasen unterteilen. Auch die Wahl der Opfer unterscheide sich: Während sich Amokfahrten meist ausschließlich gegen Fremde richteten, beginnen Amokläufe demnach häufig im persönlichen Umfeld des Täters und weiten sich erst danach aus.
Auffällig sei, dass viele Täter eine psychische Vorgeschichte haben, wie es in der Studie "Amokfahrten in Deutschland" heißt: Zwei Drittel der Amokfahrer waren demnach früher ambulant, mehr als 80 Prozent stationär psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandelt worden. Bei 15 von 22 untersuchten Fällen lag zum Zeitpunkt der Tat eine psychiatrische Diagnose vor.